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Alter zu erreichen, mir nicht bestimmt, als sollte ein frühzeitiger Tod gewaltsam den Kampf endigen. Ich würde nicht darüber trauern. Auch hierin kann ich ohne Anmassung und Stolz mit dem Weisen sagen: Ich gehorche den Göttern nicht, ich stimme ihnen bei2.

Denn, was ist das Leben, Phocion? Die Bedingung unserer Bestimmung auf Erden. Wir sind hier, weil wir etwas zu tun, zu schaffen, zu hindern haben, das in den Plan des grossen Ganzen gehört. Haben wir das verrichtet, so können wir abtreten. Hierzu ist kein Maass der Jahre bestimmt. Die Vorsicht setzt das Werkzeug ihrer Absicht in der gehörigen Zeit und den erforderlichen Umständen in Bewegung. Ist die wirkung vollbracht, dann zerbricht sie das unnütze Geräte, und wo wir dann hinkommen? Phocion, das ist das schauerliche Rätsel, das kein Sterblicher lösen kann. Tartarus, Elysium sind artige Mährchen. Doch hangen Viele daran, die nichts Höheres zu denken wagen. Darum sollen sie uns öffentlich heilig sein! Und auch! – es wäre ein schöner Gedanke, die vorangegangenen Geliebten in stillen Auen des Friedens wieder zu findend! Dort würde ich auch meine Larissa sehen! Ach wer daran glauben könnte!

Wie unglücklich ist es, diesen seligen Wahn aufgegeben zu haben, und in allen schulen der Philosophen, in allen ihren Büchern nichts zu finden, das diesen Verlust ersetzt! Ach wer an Elysium glauben könnte! sage ich noch einmal.

Es ist gar zu traurig, welche düstre entnervende Vorstellungen von unserm Fortwähren im Hades3 sich die meisten, selbst vernünftigen Menschen machen. Wenn Hadrian sein Seel'chen bleich und nackt in unbekannte Orte hinwankend denkt, wo kein Scherz, keine Freude, mehr ist: wenn Achill im Homer lieber Tagelöhner auf der Oberwelt, als König im Reiche, der Schatten sein möchte; wenn Mäcenas es wünschenswert findet, unter allen erdenklichen Schmerzen, selbst am Kreuze zu leben, nur um zu lebenwie müssen die Begriffe der Menschen von ihrem Zustande nach dem tod gewesen sein!

Wer aber gibt uns bessere, die einen Grad von Wahrscheinlichkeit hätten? Schlafen? Nichts von sich wissen? Was sind das anders, als schonende Namen für die grauenvolle idee der Vernichtung, vor der das denkende Wesen zurückschaudert? – Plato hat schöne Ideen, aber sie befriedigen nicht, sein Phädon vermag keinen Zweifler zu beruhigen. Die Stoiker und alle übrigen Philosophen geben Vermutungen. Wer gibt dem dürstenden geist Gewissheit? Und vor Allem, wer gibt dem rohen sinnlichen volk, das durch losen Spott und unberufene Lehrer auf die Nichtigkeit seiner Götter aufmerksam geworden ist, und Ehrfurcht und Scheu als lästige Bande abzuwerfen strebt, einen neuen Zaum? Es ist schrecklich, sage ich dir, wie weit die Verachtung alles Heiligen und Ehrwürdigen in Rom nicht bloss in den höhern Ständen, sondern auch unter dem niedrigsten Pöbel geht. Diese alte Religion sinnlicher, leidenschaftvoller, diebischer, ehebrecherischer Götter kann nicht mehr den Zauber ausüben, den sie, unbegreiflich genug, so manches Jahrhundert ausgeübt hat. Die Welt in ihrer jetzigen Verfeinerung, Ueberverfeinerung und Verderbteit, braucht einen stärkeren Zaum und würdigere Begriffe von ihrer Bestimmung und von der Gotteit selbst.

Es ist unmöglich, bei den Folgen dieses Missverhältnisses der Religion zum Zeitalter, gleichgültig zu bleiben. Die Zukunft scheint mir schrecklich, ich fürchte traurige Ereignisse für die Mit- und Nachwelt. Ich kann mich dieser Gedanken nicht entschlagen, wenn sie mich oft recht peinlich fassen. So leide ich doppelt. Das ist das unselige los von Gemütern, wie das meine, dass das künftige Uebel sie schon quält, ehe noch das gegenwärtige seine Macht über sie verloren hat. Beklage mich, Phocion, nur entzieh dem düstern Träumer, den du schon oft vergebens ermahnt hast, deine Nachsicht und Liebe nicht. lebe' wohl!

Fussnoten

1 Der Kaiser Valerianus wurde bei Edessa von den Persern geschlagen, und zum Gefangenen gemacht. Saphor, ihr mächtiger König, hielt ihn bis an seinen Tod in schimpflicher Gefangenschaft, und setzte, wenn er sein Pferd bestieg, immer den Fuss auf den Nacken des unglücklichen Monarchen. 2 Seneca de Tranquillitate. 3 Hades, Tartarus, Namen für die Unterwelt. Die Stellen auf welche weiterhin angespielt wird, sind folgende:

Animula vagula, blandula,

Hospes, comesque corporis

Quae nunc abibis in loca

Pallidula, rigida, nudula,

Nec ut soles dahis jocos.

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Debilem facito manu

Debilem pede, coxa:

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Vita dum superest, bene est,

Hanc mihi, vel acuta

Si sedeam cruce, sustine.

10. Sulpicia an Calpurnien.

Rom, im März 301.

Dass du, statt meines Besuchs, einen Brief von mir erhältst, dass es mir, drei Strassen weit von dir, nicht möglich ist, dich zu besuchen; ist das Werk niedriger harter Menschen, an deren Spitze Serranus, undich schaudre es zu sagenmein Vater steht. Novius, der Nichtswürdige, der unsre Villa so unverantwortlich vernachlässigt hat, rächt die Entdeckung seiner Schandtaten durch niederträchtige Verläumdung an mir, indem er Serranus und meinen Vater von meinem Verhältnisse zu Tiridates unter dem Gesichtspunkte unterrichtet, aus welchem ein feiles Gemüt, wie das seinige, eine solche Verbindung zu betrachten im stand ist! Um die Gunst seiner alten Gebieter zu gewinnen, hat er nichts unterlassen, was den Prinzen und mich in ein verhasstes Licht setzen kann, und aus dem eignen schändlichen Gemüt noch recht viel Abscheuliches und Entehrendes hinzugesetzt