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noch dazu, dass Diocletians jetziger Leibarzt vorher im Dienste des Galerius stand, dass dieser ihm denselben vor einiger Zeit gleichsam aus kindlicher Ergebung und sorge für des Augustus Gesundheit aufdrang, und dass dieser Arzt noch jetzt, wie ich sicher weiss, einen ansehnlichen Jahrgehalt von seinem vorigen Herrn geniesst, und du wirst über manches anders und richtiger urteilen können, als die Welt.

Du denkst wohl leicht, dass ich keinen dieser Umstände ausser Acht lasse. Mein ruhiger Sinn, mein leidenschaftloses Gemüt, das so oft in traulichen Gesprächen deinen und deiner Teophania leichten Spott erfahren musste, kommt mir in diesen Umgebungen trefflich zu Statten. Es darf nichts gering geachtet, nichts übereilt nichts unter, nichts über seinen Wert und Einfluss geschätzt werden, und wie mehr uns die Ereignisse zu drängen, und in Gährung zu bringen scheinen, je nötiger ist es, seine ruhige Fassung und den einzigen Punkt, auf den Alles ankömmt, nie aus den Augen zu verlieren.

Mein Vater war sehr gekränkt durch jene auffallende Hintansetzung. Es mag sein, dass er mit dulden musste, was eigentlich nur seinem gefährten galt. Indessen trug er es wie ein grossgesinnter Fürst, wie ein edler Mann. In Eboracum sind die Vicennalien mit anständiger Pracht, wie in allen Hauptstädten des Reichs begangen worden. Keine heuchelnde Geschmeidigkeit, keine überlaute Freude entwürdigte das verhältnis und das Betragen meines Vaters. Er hat mir geschrieben, sein Brief ist voll zärtlicher Besorgniss um mich, er kennt des Galerius Gesinnungen, er weiss von der Krankheit des Augustus, und fürchtet, wenn eine entscheidende Catastrophe eintreten sollte, Alles für mich in diesen Provinzen, die ganz dem Scepter des düstern Cäsars unterworfen, und eben darum mit seinen Centurien angefüllt sind. Ich bin ziemlich unbesorgt, weil ich die Umstände, meine Gefahr, und die möglichen Rettungsmittel sehr genau kenne; aber ich begreife, dass in einer so grossen Entfernung bei den unsichern Gerüchten seine Liebe leicht besorgt werden kann.

Er will mir den treuen Lehrer meiner Kindheit, den edlen Florianus, senden, der mir teils schriftlich, teils mündlich verschiedene Nachrichten und Warnungen bringen soll, die zu meinen Absichten unentbehrlich, und bei der jetzigen Lage der Umstände keinem Briefe anzuvertrauen sind. Ich freue mich sehr, ihn nach so langer Zeit wieder zu sehen, und fürchtete nur, ihn viel veränderter zu finden. Du weisst die geschichte, die sein sonst so stilles schönes Leben vergiftet hat. Sieh' hier eine neue Veranlassung, mich der Kälte meines Herzens, wie ihr es nennt, zu rühmen und zu freuen. Was könnte Florianus sein, und was ist er? So viel Macht hat die leidenschaft! So gefährlich ist's, von ihrem süssen Gifte nur zu kosten, selbst im reifen männlichen Alter! Solltest du ihn in Laureacum5 sehen, wie ich nicht zweifle, so freue dich im Voraus, eines der edelsten Gemüter, der reinsten Herzen, deinen Freund nennen zu können. Das wird er sein, das ist er schon, denn er kennt dich durch mich. Grüsse deine liebenswürdige edle Teophania herzlich von mir, und lebe' wohl.

Fussnoten

1 Ein unberühmtes Dorf in Dalmatien trägt noch heute zu Tage den Namen, welchen einst ein prächtiger Palast und Gärten, Tempel, Bäder, kurz Alles, womit Diocletian seine Einsamkeit verschönerte, trug. 2 Dass die Verdienste der Cäsaren den Augusten, als ihren Vätern, zugeschrieben worden sind, ist geschichtlich. 3 Geschichtlich. 4 Syrmium war die Residenz des Galerius in dem Teile des Reichs, der damals Illyrien hiess. Vicennalien, das fest wegen der zwanzigjährigen Regierung des Diocletian. 5 Laureacum, das heutige Enns in Oberösterreich.

91. Teophania an Junia Marcella.

Laureacum, im Mai 304.

sechs Monate bin ich nun in einem andern Weltteile, weit, weit von dir, weit von meinem vaterland entfernt. Hier ist kein mildes Clima, wie in den schönen Gefilden Kleinasiens, hier weht keine laue Luft durch immergrünende Gebüsche, und bringt den tausendfachen Balsamduft aus bunten Blumenkelchen gehaucht, kein ungetrübter Himmel lächelt über Pinien und Cederhainen. Eine düstere, wilde, aber selbst in ihrer Düsterheit erhabene natur umgibt mich hier, und sie ist mir nicht so fremd, als meinem Agatokles, denn ich habe manche ihrer Scenen in noch ungestörterer Furchtbarkeit an den Ufern des Borystenes kennen gelernt. Auch diesen Gegenden fehlt es nicht an eigentümlichen Reizen, und ein Gemüt, das Sinn für stille Grösse, und den ernstern Ausdruck der Naturscenen hat, kann leicht in den Umgebungen, in denen ich jetzt lebe, Etwas finden, das sie ihm lieber und anziehender machte, als jene lachende Gefilde, auf die der Himmel ohne Zutun oder Anstrengung des menschlichen Fleisses aus immer reichem Füllhorn seine milden Gaben giesst.

Diese Provinzen, die nicht seit sehr lange unter rökühner fesselloser natur, die der Hand des Fleisses nur einem kleinen teil zur Befriedigung ihrer ersten Bedürfnisse abgekämpft hat. Das ganze Land ist mit Gebirgen bedeckt, nur jenseits des breiten Stroms, der in einiger Entfernung von uns gegen Osten hinabströmt, ist der Boden flächer, und auch Laureacum liegt in einer Ebene, wo der Anasus1, nach einem langen mühevollen Laufe durch Schluchten und Wälder, über Felsentrümmer und Bergstürze sich endlich ruhig in der sonnigen Ebene ausbreitet. Ein wehmütiges Bild! Dort unten fliesst schon der grosse Strom, in dessen Fluten er sich bald verliert. Nur kurze Zeit war ihm vergönnt, der Ruhe zu geniessen, und die müden Wellen, kaum vom heitern Sonnenstrahl erwärmt