1808_Pichler_085_138.txt

Ach, er freut sich wohl, mich so glänzend, und an einen so würdigen Gatten verheiratet zu wissen; dennoch fühle ich, dass der Gedanke, ein Kind zu verlieren, an dessen stäten Umgang er so gewohnt war, ihn manchmal wehmütig macht. Dann ergreift diese Stimmung auch mich, aber ich bemühe mich, sie wie jede weiche ihrer Art, zu verscheuchen. Wenn ich nicht als Vestale leben und sterben will, steht mir diese Trennung immer bevor, und ich könnte mir doch unter allen Männern keinen denken, um dessentwillen ich sie lieber ertrüge, als Tiridates.

Keinen? – Man muss nie falsch sein. Das, was ich für Tiridates empfinde, ist viel anders, als was ehedem meine Brust so unruhig, so unablässig bewegte. Doch kommt dieser Unterschied vielleicht wohl nur von der Art des Verhältnisses, und nicht von dem Gegenstand desselben her. Ehemals war ich ungewiss, zweifelhaft, meine Phantasie aufgeregt, alle Seelenkräfte in Spannung; jetzt ist Alles stille und sicher, und so ist mein Gefühl nur ruhiger, aber vielleicht nicht kälter.

Sei dem, wie ihm wolle. Ich mag nicht darüber grübeln, es nützt zu nichts, und kann nur schaden. Agatokles wird Zeuge unserer Verbindung sein; ich habe den Gedanken, ihn darum zu bitten, in Tiridates erregt, ohne dass er meinen Wunsch erriet. Ich weiss nicht, welche Art von stolzer Befriedigung ich darin suche; genug, ich wünsche es, und sehe es als einen teil der Freuden jenes wichtigen Tages an, dass E r gegenwärtig sei.

lebe' wohl, lieber Bruder! Meine Lebensart ist jetzt sehr beschäftigt, sehr zerstreut; du wirst es diesem Briefe abgemerkt haben. Bevor ich Nikomedien verlasse, und mich noch um viele, viele Meilen weiter von dir entferne, schreibe ich dir sicher noch einmal.

90. Constantin an Agatokles.

Salona1, im Jänner 304.

Als wir uns in Byzanz trennten, du mit deiner liebenswürdigen Frau nach Aten gingst, und ich dem Augustus auf seinen Befehl nach Rom folgte, um Zeuge seines Triumphs zu sein, da dachte ich nicht, dass jene Ereignisse, von denen wir, als in ferner Zukunft möglich, sprachen, schon so bald ihre dunkeln verhängnissvollen Schatten über unsere Gegenwart werfen, und uns nötigen würden, Plane und Entschlüsse, deren grösseres Verdienst doch wohl Reifheit und besonnene Vorbereitung ist, vielleicht mehr als gut ist, zu beschleunigen. Wie Galerius die Zurücksetzung ertrug, dass nur die beiden Auguste den Triumph feiern, er und mein Vater hingegen von diesem Ruhme ganz ausgeschlossen sein sollten, hast du schon in Nikomedien gesehen, als nach den Hochzeitsfeierlichkeiten des Königs von Armenien sich alles zum Aufbruche anschickte, und auch er bereit schien, den Augustus nach Rom zu begleiten, und an dem Triumph Anteil zu nehmen, den er durch seine Tapferkeit wohl verdient hatte. Die alte Sitte, welche die Verdienste der Cäsaren ihren Vätern zuschrieb2, obwohl sie dem Diocletian zum günstigen Vorwande diente, befriebewusst war, dass diesmal nicht sein kleineres kriegerisches Verdienst vor dem grösseren des Augustus zu verschwinden hatte, der es tief fühlte, dass durch seinen Arm allein die Lorbeeren errungen worden waren, mit denen sich der langgehasste, lebensvolle Augustus nun in Rom schmücken sollte. Dass er nicht wütete, dass er diese Kränkung so gelassen, mit so schmeichelnder Ergebung ertrug, diese stumpfe ahnungsvolle Stille liess mich eben mit grösserm Rechte ein heranziehendes Gewitter fürchten. Wie sicher musste Galerius seines Erfolges sein, da er den rauhen Krieger unter dem geschmeidigen Hofmanne zu verbergen wusste!

Ich teilte dir damals meine Besorgnisse mit, du schienst es nicht so anzusehen, und ich verwies dich auf die Zukunft. So langte ich mit dem Augustus in der Hälfte des Novembers nach einer sehr glücklichen Fahrt in Ostia an. Die Feierlichkeiten des Triumphs, die Spiele, Schauspiele u.s.w. – wirst du mir zu beschreiben erlassen. Mancher Griffel setzte sich desswegen ohnedies in Bewegung, und du wirst sie entweder schon gelesen haben, oder noch zu lesen bekommen. Bald nach ihrer Beendigung verliess Diocletian schnell und unvermutet die alte Hauptstadt der Welt, die er nur erst betreten hatte, empört durch die Zudringlichkeit und Ausgelassenheit des Römischen Pöbels3. Wir reiseten am Ende des Decembers mitten in den Saturnalien ab; aber schon in Aquileja wurde Diocletian von einer plötzlichen Schwäche, die mit mehreren seltsamen Symptomen begleitet war, überfallen. Er musste einige Tage dort stille liegen, und konnte seitdem die Reise in dieser ungünstigen Jahreszeit nur in sehr kleinen Tagemärschen fortsetzen. Gerade nach Nikomedien zu gehen war ganz unmöglich; um also einen milden und zugleich ruhigen Aufentalt zu finden, wählte er Salona, wo ohnedies schon seit einiger Zeit an einem Palast, an Bädern und Gärten, mit einem Wort, an einem sehr prächtigen Wohnort für ihn gebaut wird, und zwar mit einer Emsigkeit und Vorliebe, die mich in manchen meiner Vermutungen bestärkt. So sind wir nun hier, und da Diocletian vielleicht aus besonderen Ursachen, mir jetzt seine Gunst immer deutlicher und offenbarer beweiset, und überhaupt mich sehr gern um sich zu haben scheint, so wird es mir nicht möglich, ihn zu verlassen, und ich werde nur mit ihm nach Nikomedien zurückkehren.

Hier hörten wir denn auch, dass Galerius in Syrmium4 die Feier der Vieennalien mit so viel Pracht, lauter Freude und schmeichlerischer Huldigung gegen den Augustus verherrlicht habe, dass mir seine bösen Absichten, und der stille Triumph seiner Rache beinahe unzweifelhaft werden. Rechne