man sich einander wieder, und abermals wieder zu begegnen wünscht, und wenn endlich die Seelen in so reizende Hüllen eingeschlossen sind, dass sie vor Vergnügen, einander in diesen Hüllen zu bewundern, gar nicht mehr von einander scheiden wollen? Ich muss gestehen, Tiridates ist vielleicht die schönste männliche Gestalt, die ich je gesehen habe; die Art und die ausnehmende Pracht seiner Kleidung trägt noch mehr bei, sie im vorteilhaftesten, im wahren königlichen Glanz und Anstand zu zeigen. Dennoch glaube ich, wenn ich noch in der Blüte meiner Jugendgefühle wäre, diese kolossalen Formen, diese lebhaft und munter blitzenden Augen, dieser Ausdruck von Lebenslust und Fröhlichkeit würde mich nie angezogen haben. Calpurnia denkt anders. Nur kann ich nicht recht fassen, wie der Ausdruck so entgegengesetzter Gemüter, so ganz verschiedene Erscheinungen, als Agatokles und der König sind, so schnell hintereinander dieselbe person in derselben Stärke rühren konnten. Doch wer ergründet das menschliche Herz in seinen Widersprüchen und Inconsequenzen! Es ist hierüber nichts zu sagen, und Niemand zu tadeln, weil er auf eine Weise fühlt, die wir nicht begreifen können.
Schon bei dem ersten Besuch, den sie uns einige Tage nach Tiridates Ankunft auf der Villa machten, war es mir sehr wahrscheinlich, der König werde sich bei Calpurnien über seinen Verlust trösten, und sie den ihrigen gern und leicht über einen so schimmernden Ersatz vergessen. Er hatte nichts beobachtet. Du weisst, Männeraugen sehen in dergleichen Dingen nie scharf, nur in unsere Seelen hat die natur über solche Dinge ein gar zu feines, sicheres Gefühl gelegt. Wir ahnen, wir erkennen diese Erscheinungen bei uns und Andern leicht, wenn wir auch von den Gründen oder Merkmalen keine deutliche Rechenschaft zu geben wissen. Bei der zweiten, dritten Zusammenkunft blieb mir kein Zweifel übrig. Tiridates redete mit meinem Gemahl von unserm Glück, von unsern Hoffnungen, mit feuriger, nicht wehmütiger Begeisterung, er sprach von der notwendigkeit, seines Volkes Glück durch eine unbestreitbare ruhige Tronfolge zu sichern; von dem traurigen Loose der Regenten, die so selten den Neigungen ihres Herzens folgen dürften, von der notwendigkeit, seine liebsten Gefühle, den gerechtesten Schmerz zu besiegen, wenn es höhere Rücksichten fordern u.s.w., und Calpurnia ward von dieser Zeit an von der Augusta und des Cäsars Gemahlin mit vorzüglicher Aufmerksamkeit behandelt. Indessen verbreitete sich das Gerücht, und wurde bald zur Gewissheit, Diocletian wolle das zwanzigste Jahr seiner glücklichen Regierung, und den Sieg über die Perser durch einen feierlichen Triumph in Rom, das er, wie ich glaube, als Augustus gar noch nicht gesehen hat, feiern. Es wurden glänzende Anstalten dazu gemacht, der Abendländische Augustus ebenfalls dazu aufgefordert, und Tiridates fand es nun nötig, einen Entschluss, der langst schon fest in seiner Seele lag, öffentlich zu erklären, bevor der Kaiser Nikomedien verliesse. Er warb feierlich um Calpurnia bei ihrem Vater, und dem Kaiser, der den Proconsul ausserordentlich schätzt, und seine Einwilligung so schnell und freudig gab, dass es wohl scheint, diese Anwerbung sei nichts als eine Förmlichkeit, und die Sache selbst schon vorher unter den Hauptpersonen verabredet gewesen. Als er mit freundlicher Wärme in Algatokles drang, seine Abreise zu verschieben, um Zeuge eines Zeitpunkts zu sein, der für das Glück seines Freundes so wichtig wäre, mochte er wohl fühlen, dass diese schnelle Wahl, diese noch schnellere Vollziehung Agatokles befremdete. Mit leichtem Ton, und noch leichterem Sinn entschuldigte er diese Uebereilung durch seine Verhältnisse, die Forderungen der Pflicht, die gähe Abreise des Kaisers, und sagte, dass, da er nun einmal hätte wählen müssen, alte Freundschaft, achtung für Sulpiciens Andenken, und des Proconsuls bedeutender Einfluss seine Wahl auf Calpurnien gelenket hätte. Agatokles widersprach nicht, er nahm mit unverstellter Freude teil an dem Glücke seiner Freunde, und so bleiben wir noch eine Weile hier, und ich sehe nicht ohne Widerwillen einer unruhigen Zeit voll Schimmer, Geräusch und Zerstreuung entgegen, welche die VermählungsFeierlichkeiten mit sich bringen werden. Mein stilles Glück ist gestört, wie ich dir sagte, und es beginnt eine neue Epoche meines Lebens, auf deren ungewissere Schicksale ich mein Herz in stiller Ergebung vorbereite. lebe' wohl!
Fussnoten
1 Die Säulen des Herkules, das jetzige Gibraltar – und Tule, der äusserste Ort, den man damals gegen Norden kannte, wurden insgemein für die Grenzen der damals bekannten Erde, oder der Erde überhaupt genommen.
89. Calpurnia an ihren Bruder Lucius in Rom.
Nikomedien, im Oct. 303.
Lieber Bruder! Was wirst du sagen, wenn du diesen Brief erhältst? Ich bin B r a u t – und bald, sehr bald vermählt. Und mit wem? O du errätst es wohl. Es wäre mir auch nicht möglich, dir Alles so genau und regelmässig zu erzählen, wie es sich machte. Wie könnte ich es auch? Ich weiss selbst kaum, wie es kam – so schnell, so unvermutet, dass ich jetzt noch manchmal Alles für einen Traum halte.
Genug, ich bin Tiridates Braut, und werde in Kurzem Königin von Armenien sein. Es wird mich im Anfange Mühe kosten, mich in alle die Formen und Steifheiten des Orientalischen Ceremoniels zu fügen; aber ich weiss eben so bestimmt, dass es mir gelingen wird, und ich mit eben so viel Anstand Königin sein werde, als ich bis jetzt mit Anmut ein Römisches Mädchen war, und mit Würde eine Nikomedische Matrone geworden wäre, wenn