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wieder stille in mir, und ich sass eben vor mehreren Tagen am Rahmen, um einen Schleier für Teophanien zu sticken, und ihr so alle die zarten Aufmerksamkeiten und Gefälligkeiten zu vergelten, womit sie mich überhäuft, mir die schönsten Blumen, die schönsten Früchte ihrer Villa schickt, als plötzlich die Vorhänge meines Gemachs sich rauschend teilten, und ein Mann in schimmernder orientalischer Kleidung, von einer grossen Anzahl eben so glänzender Sclaven gefolgt, die im Vorsaale standen, in mein Zimmer trat. Ich sprang auf, ich erkannte den Fremden nicht sogleich. Da eilte er auf mich zu: Sie ist tot! – rief eine schmerzliche bekannte stimme, und ich sah mich in Tiridates Armen. Sie ist tot! wiederholte er noch einmal, riss sich schnell los, warf sich auf das Ruhebett, verbarg das Gesicht in die Kissen, und schluchzte laut auf. Ich begriff nun, was diese plötzliche Erscheinung bedeutete. Sulpicia hatte geendet, und ihr unglücklicher Gemahl hatte nicht vermocht, an dem Orte zu bleiben, wo ihn Alles an seinen Verlust erinnerte. Mein Herz war von einer Menge schmerzlicher Empfindungen auf einmal ergriffen. Sulpiciens Tod, Tiridates Erschütterung, die Erinnerung an so manche vergangene Tage, wo ich den, der nun tief gebeugt, schluchzend, unglücklich vor mir lag, in allem Schimmer seines Standes, in königlichem Wirken, in frohem Lebensmute gesehen hatte, presste meine Brust gewaltsam, und nur ein Tränenstrom machte meiner Beklemmung Luft. Als er mich weinen hörte, richtete er sich auf, und – o mein lieber Bruder, wie unwiderstehlich war er in seinem Schmerze! Das sprühende Feuer seiner Augen brach schön gemässigt durch einen Schleier von Tränen, die üppige Jugendfülle seiner Züge war verschwunden, seine Farbe war blasser geworden, und der Ausdruck des tiefsten Kummers erhöhte auf eine wunderbare Art die Bedeutenheit dieser edlen Formen. Denke dir noch dazu die prächtige orientalische Kleidung, die Gehänge von den kostbarsten Steinen über die Brust, den breiten majestätischen Kopfputz von blendendweissem Stoffe mit schimmernden Edelsteinen aufgebunden, diese Tracht, die so sehr gemacht scheint, eine edle Gestalt noch edler zu zeigenich war so überrascht, so seltsam bewegt, dass ich eine Weile stumm und weinend vor ihm stand. Er nahm meine Hand. Ach, wer hätte das gedacht, fing er endlich aus tiefer Brust an, als ich vor einem Jahre mit ihr aus Italien entfloh! So hatte endlich sein Schmerz Worte gefunden. Ich war froh darüber, ich setzte mich an seine Seite, er erzählte mir von unserer Verlornen, den gang ihrer Krankheit, die letzten Stunden, die letzten Worte meiner teuren Sulpicia.

Meine Tränen begleiteten oft seine Erzählung, aber die seinigen hatten aufgehört zu fliessen, und ich sah mit Freuden, dass diese ungestörte Ergiessung sein Herz erleichtert hatte.

Seit dem bringt er fast alle Stunden, die ihm seine Verhältnisse, sein Aufentalt am hof übrig lassen, wo ihn Diocletian mit ausgezeichneter Pracht und Freundschaft empfangen hat, bei uns, oder eigentlich bei mir zu. Wir waren gestern, von meinem Vater begleitet, in Syntium.

Der erste Anblick seines Freundes, den er seit seinem Verlust nicht gesehen hatte, erweckte seinen Schmerz wieder, und das Glück der beiden Gatten, Teophaniens Gestalt, die ihren Gemahl zu Hoffnungen berechtigt, welche dem kindlosen letzten Fürsten seines Stammes so unendlich wichtig wären, erinnerten ihn schmerzlich an sein zerstörtes Glück. Doch richtete sich sein Geist auch diesmal mächtig auf. Die Freude, Agatokles so glücklich zu wissen, und anziehende gespräche zerstreuten ihn angenehm. Ich finde, dass seitdem seine Heiterkeit mit jedem Tage zunimmt, und das Bild der trüben Vergangenheit je mehr und mehr in Schatten zurücktritt.

Das ist's auch eigentlich, was ein vernünftiger Mann tun soll. Nur Schwärmer oder unselbstständige Gemüter halten einen schmerzlichen Eindruck mit stolzem Eigensinn fest, und finden eine Art Wollust oder Ruhm darin, unglücklich zu sein, oder es wenigstens zu scheinen. Tiridates hat seiner Frau sowohl während ihrer Krankheit, als nach ihrem tod die befriedigendsten Zeichen seiner Treue und Liebe gegeben. Er hatte sie in den letzten Tagen keinen Augenblick mehr verlassen. In seinem Arm war sie gestorben, sein Mund empfing ihren letzten Hauch, und es kostete seinen Freunden, so wie seine Begleiter erzählen, Mühe, ihn von der Leiche zu entfernen, und wieder an seine vorige Lebensweise, an den Anblick der Menschen zu gewöhnen, die er in Schmerz versenkt unwillig floh. Das ist Alles, was die Vernunft, die Liebe, was selbst Sulpicia, wenn bei den Schatten noch Erinnerung ist, von ihm fordern kann. Das Andenken an ihre Liebe, an die schönen Stunden, die sie ihm gab, wird nie aus seiner Seele schwinden. Aber sein Reich, seine Verhältnisse zu den Höfen von Nikomedien und Persien fordern seine Aufmerksamkeit mit gebietender Strenge, sein Volk sieht einer zweiten Verbindung, die ihm einen Tronerben, und dem Reiche seine künftige Ruhe zusichert, mit Verlangen entgegen. Er kann nicht handeln, wie ein Einzelner, und so darf er auch nicht trauern, wie ein Einzelner. Der Maassstab, mit dem man gewöhnliche Menschen misst, darf nicht für Herrscher gebraucht werden, die nicht für sich allein stehen, an deren Entschliessungen das Wohl von Myriaden hängt. So müssen seine Freunde froh sein, wenn sein erster wilder Schmerz sich in sanfte Wehmut, und diese in stillen Ernst auflöset.

Hier in Nikomedien hat mit seiner Ankunft wieder ein regeres Leben angefangen. Der Augustus gibt seinem