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und einen teil der Gärten gesehen. Alles, was zur anhaltenden Beschäftigung gehört, Alles, was das Hauswesen betraf, war ihr, seit dem die unglückliche leidenschaft ihr Herz eingenommen hatte, fremd und lästig geworden. Ich fand Alles niedlich und in schönster Ordnung; ein liebenswürdiger Geist, Agatokles Mutter, von der er stets mit höchster Verehrung spricht, hatte Alles angelegt, und sein stilles, klares, zweckmässiges Walten kündigte sich überall an.

In den warmen Stünden des Mittags ruhten wir in der lieblichen Kühlung eines Marmorsaals. Eine Oeffnung in der Kuppel liess nur angenehmes Licht, aber keinen Sonnenstrahl hereindringen3, ein Springbrunnen in der Ecke erfrischte unablässig die Luft, und keine Ahnung der glühenden Hitze, die jetzt die Gefilde draussen versengte, drang in diesen stillen halbdämmerigen Zufluchtsort. Hier wurde das Mahl aufgetragen, einfache speisen, meist Erzeugnisse der Villa selbst, Wer so einladend bereitet, und auf dem mit duftenden Kräutern und Blumen bestreuten Tische geordnet, dass ich nie ein lieblicheres Mahl genossen zu haben glaubte. Du kennst den guten eifrigen Quintus, er vergass, in welchem haus er war, und ergriff beim Anfange der Mahlzeit den Becher, um dem Jupiter eine Libation4 auszugiessen. Ich winkte ihm, Agatokles bemerkte meinen blick. Lass dich nicht stören, Quintus! sagte er: tue, was du für Pflicht hältst, und glaube nicht, dass wir uns daran ärgern. Dein, grösster, bester Jupiter5 ist auch eine der dichteren oder leichteren Hüllen, unter welchen das Gemüt des Menschen den Weltenschöpfer erkennt, und du ehrst diesen, wenn du jenem mit k i n d l i c h e m Sinn opferst. Aber du wirst auch unser nicht spotten, wenn wir dem, der uns erhält und nährt, auf unsere Weise danken. Und nun stand er mit Teophanien auf, seine Sclaven lauter Christen, stellten sich in einiger Entfernung um ihn her, Alle machten das Zeichen des Kreuzes ihr Symbol über Stirn und Brust, alle beteten leise, mit gefalteten Händen in ehrfurchtsvollen Stellungen. Ich gestehe dir, ich war weit entfernt, das lächerlich zu finden. Es war mir ein zu schöner Anblick, wie hier Quintus dem Jupiter die Libation verrichtete, und dort Agatokles mit seinen Christen zu ihrem Gott, und sie Alle im grund zu dem Einen unbekannten Wesen beteten, dessen Dasein Niemand b e w e i s e n kann, das glauben zu können gewiss eine Art von Glück sein muss. Es war mir sogar schmerzlich, dass ich dies Glück nicht teilen konnte, und mein Herz da kalt bleiben musste, wo, jene in süssen Empfindungen des Dankes schlugen.

Es entspann sich nun sogleich zwischen Quintus und Agatokles ein lebhaftes Gespräch über ihre Religionen.

Agatokles hiess die Sclaven hinausgehen, und fing an des Bruders Behauptungen mit Waffen zu widerlegen, denen dieser nicht gewachsen schien. Er schilderte, ohne sich einen spottenden Ausdruck zu erlauben, die Nichtigkeit unserer Gotteiten, wie sie jeder denkende Mensch fühlen muss, die schädliche wirkung des Mangels an allgemein verehrlichen würdigen Gegenständen auf ein Volk, das grösstenteils nicht durch langsame Fortschritte zu einer seinen Geisteskräften angemessenen kultur gekommen, sondern über das die Wollüste, die Ueppigkeit und die Kenntnisse unterjochter weichlicher Nationen, als Beute der Sieger, wie ein Strom unvorbereitet hereingebrochen waren, auf ein Volk, bei dem sich schnell die alte rauhe Tugend mit den verfeinerten Wollüsten Asiens und Griechenlands vermischte, und das nun durch die eben so schnell erreichte Ueberreifheit des Geistes Alles, was einer bessern Vorwelt heilig war, mutwillig und lüstern in den Staub tritt. Er suchte uns endlich zu beweisen, dass nur die Einführung einer Religion, die statt der erloschenen Tugenden, statt Vaterlandsliebe, strenger Sitte u.s.w., überirdische Beweggründe zum Handeln angibt, und die reinste Sittlichkeit fordert, dem allgemeinen Verderbniss und der Auflösung des Ungeheuern Staatskörpers wirksam entgegen arbeiten könne.

Während dieses Gesprächs, das mich, obwohl ich bei Weitem nicht mit Allem verstanden war, doch sehr anzog und beschäftigte, war die Sonne gesunken, wir traten aus dem Speisesaal in's Freie, der Mond ging hinter dem Cedernwald auf, und wir wollten Abschied nehmen. Aber unsere gütigen Wirte liessen uns nicht so schnell von sich. Besonders drang Teophania mit einer Herzlichkeit in mich, der ich unmöglich widerstehen konnte. Wir blieben mit dem angenehmen Gefühl, mit dem man sich unter guten liebenden Menschen befindet, und mein Widerwille gegen Teophania hatte sich, ich weiss nicht wie, ganz aus meinem Herzen verloren. Wir durchwandelten die Gärten in der Kühlung des Abends und der kommenden Nacht, gespräche, Saitenspiel und Gesang verkürzten die Stunden, auch Teophania singt und spielt, und ich kann dich versichern, mit bedeutender Fertigkeit und Anmut. Zwei freundliche Zimmer, vor deren Fenstern Orangenbäume im Nachtwind säuselten, nahmen uns endlich auf, und ein leichter luftiger Schlummer schloss meine Augen, und hinderte jeden ernsten Rückblick auf den in so vieler Hinsicht merkwürdigen Tag. Als Aeos mit Rosenfingern erwachte, erweckte ihr rötlicher Glanz zwischen Blätterschatten um mich spielend, meine Sinne aus dem erquikkenden Schlafe. Ich wagte es um meines Vaters willen nicht länger zu bleiben, so wohl es mir hier in dieser wohnung des Friedens und der Liebe gefiel. Wir nahmen herzlichen Abschied von den edlen Bewohnern des Hauses, mussten ihnen versprechen, bald wieder zu kommen, und so langte ich denn gestern in seltsamen Gefühlen und Gedanken hier an, die mich noch nicht verlassen haben, deren Eindruck, wie ich glaube