sah ich sie so; denn trotz ihrer epikuräischen Grundsätze hat sie ein sehr seines Gefühl für Schicklichkeit und weibliche Würde. Es war ein stiller traulicher Abend, kein fremder Zeuge ausser mir gegenwärtig, als sie auf vieles Bitten ihres ältern Bruders Lucius, der ihr Liebling zu sein scheint, ihrem Vater, den Brüdern und mir bei verschlossenen Türen dies unendlich reizende Schauspiel gab. Sie tanzt vortrefflich, noch anziehender aber sind die Bewegungen ihrer arme, ihr Mienenspiel, ihre Geberden, womit sie sprechend und unverkennbar dem Zuseher die Fabel des Stückes vergegenwärtigt. Ja, Phocion! dieser Eindruck, wird nie aus meiner Seele schwinden.
Ist das aber recht? Soll ein Spiel unsrer Sinne, eine angenehme Einwirkung auf äussere Organe, denen kein deutlicher Begriff zum grund liegt, vermögend sein nicht allein mächtig auf den edlern teil unseres Selbst zu wirken, sondern sogar diesen teil wider seine überzeugung mit sich fortzureissen, und zu Handlungen zu bestimmen, die vor der prüfenden Vernunft nicht bestehen können? Was ist der Mensch für ein armes, schwaches geschöpf! Ein Spiel, nicht allein des Schicksals, der allgewaltigen natur, der Leidenschaften – auch ein weit verächtlicheres seiner Sinne, die selbst bei besseren Menschen sich gegen die Vernunft empören.
Unbegreiflicher Zauber der Schönheit! Was bist du! Ein Phantom, ein conventioneller Begriff, abgeändert nach Clima und Zeit, weder aus der natur der Menschen bestimmbar, noch überhaupt unter Regeln zu bringen! An den schönsten Gestalten Griechenlands geht der Bewohner der beissen Zone ungerührt vorüber, und was uns widrig erscheinet, entzündet seine Einbildungskraft, und bezwingt sein Herz. Und was ist endlich Schönheit oder Reiz? Diese oder jene unwillkührliche Gestaltung des Körpers, die Lage irgend einiger Muskeln, das zartere oder gröbere Gewebe der Haut, eben so eine blosse wirkung physischer Kräfte, jedem Einfluss der Vernunft entzogen, als die Bildung eines Grases, einer Blume, und eben so ohne Folge für den inneren Wert, der doch allein den Menschen zum Menschen macht! Tausendmal, Phocion, habe ich mir dies gesagt, tausendmal, wenn Calpurnia in ihren Reizen vor mir schwebte, mich bemüht, die natur und Quelle des mächtigen Eindrucks zu zergliedern, und so die wirkung des Ganzen aufzuheben. Es gelang auf einen Augenblick, im nächsten verschwand alle Speculation vor der allgewaltigen Macht der Schönheit.
Phocion! ich fange an, mit mir selbst sehr unzufrieden zu werden. Ich weiss bestimmt, dass Calpurnia ihres Charakters wegen mich nie wahrhaft glücklich machen kann, und trotz dieser festen überzeugung – – Wie kann ich Tiridates tadeln, der auch nichts anders tut, als dem Eindrucke nachgeben, dem zu widerstehn, ihm Kraft und Wille fehlt?
Wille? Fehlt mir dieser? Nein, Phocion! diese Gerechtigkeit darf ich mir widerfahren lassen. Ich w i l l widerstehn, und ich hoffe, ich werde es. Ist kein Schild wider diese Reize in Vernunft und grundsätzen zu finden: so übrigt die Flucht, die keinem, der ernstlich will, entstehen kann.
Calpurnia hat in diesen Tagen einen Beweis gegeben, dass sie nicht allein liebenswürdig sei, dass sie auch mit Kraft einen edlen Vorsatz auszuführen vermöge. Sulpicia lag krank in Bajä. Häusliche Verdrüsslichkeiten, Einfluss der Witterung, mehr als dies, verzehrende unglückliche Leidenschaften hatten ihre Gesundheit erschüttert. Sie fürchtete, allein in blosser Begleitung ihrer Sclaven nach Rom zurückzukehren. Serranus war selbst krank und konnte sie nicht abholen. Da entschloss sich Calpurnia, die Freundin nicht zu verlassen. Des Vaters abgeneigter Wille ward durch Bitten und Flehen bestürmt, und unter dem Schutze eines treuen Freigelassenen reisete sie im ungünstigsten Wetter, Tag und Nacht, nach Bajä, und brachte der kranken Freundin hülfe und Trost. Am folgenden Morgen kehrte sie in kleinen Tagereisen mit ihr nach Rom zurück. Ich war zugegen, als sie anlangten. Tiridates, der kurz vorher wenig Hoffnung gehabt hatte, seine Geliebte noch vor seiner Abreise zu sehen, harrte ihrer mit sehnsucht und Angst. Sie traten ein. Phocion! Welche Gewalt auf der Erde kann sich mit der Allmacht der Liebe messen? Fordre nicht, dass ich dir das Wiedersehen dieser seligen Unglücklichen beschreibe, dieses Entzücken, diesen Schmerz diese Götterwonne, diese Verzweiflung! Sie müssen sich trennen, und ihre Zukunft liegt in tiefem Dunkel. Entzündet und tief erregt von dem Auftritte, dessen Zeuge ich war, gerührt von Calpurniens Edelmut, wiederholte ich es doch noch einmal: ich w i l l ihrem Zauber widerstehen, und ich hoffe, ich werde es.
Ein hohes Bild schwebt in äterischer klarheit vor meiner Seele. Larissa erscheint mir oft, hier in Rom, seit ich um Calpurnien lebe, öfter als sonst, im Wachen, in Träumen – und nicht vergebens! An dieser reinen Flamme verzehrt sich jede unlautere Begierde, läutert sich der Wille, stählt sich die Kraft. Ich habe alle Hoffnung verloren, sie wieder zu sehen; dennoch kann ich in manchen Augenblicken einem heissen Wunsch, einer Ahnung künftiger Vereinigung nicht widerstehen. Auch das ist einer der Widersprüche in meinem inneren, die mich beschämen und quälen. Soll ich denn zu keiner Ruhe des Gemüts gelangen? Soll meine Brust ewig streitenden Neigungen zum Kampfplatze dienen? Oft vertröstet mich die Hoffnung, die doch keinen Menschen, wie elend er sei, verlässt, auf meine spätern Jahre; Manneskraft und kälteres Blut wurden bewirken, was jetzt. Vernunft und überlegung fruchtlos versuchen. Vielleicht hat diese stimme recht! Manchmal ist mir aber auch, als wäre, dies