Augen. Sulpiciens Andenken, tausend andere Erinnerungen stürmten auf mich ein, und ich hätte grosse Lust gehabt, umzukehren, wenn man nicht schon von der Villa aus den Wagen gesehen, und erkannt hätte haben können. Während dieser Ueberlegungen lenkte unser Wagenführer in den Platanengang ein. Sogleich sah ich Leute aus der Villa kommen – ein Paar Sclaven, wie es schien, und kaum waren wir noch einige Schritte gefahren, als Agatokles selbst uns eilig entgegen kam.
Er bewillkommte uns mit einer Freude, die zusehr das Gepräge der Herzlichkeit trug, um auch nur einen Augenblick für Künstelei gehalten zu werden. Als er uns an einen schattigen Platz geführt hatte, ging er, seine Frau zu holen. Sie kam, ich war begierig gewesen, sie zu sehen, aber ich hatte Mühe, in dieser jugendlich bluhenden Frau mit den grossen heitern Augen, der zarten Röte auf den Wangen, in dem geschmackvollen häuslichen Anzug jene abgehärmte Trauergestalt, in die dichten faltenreichen Schleier gewickelt, zu erkennen. Die Arglistige wusste auch, trotz ihrer Heiligkeit, das geltend zu machen, was die natur ihr Schönes gegeben hatte. Ein durchsichtiges indisches Gewebe zeigte den Oberteil des Armes mehr, als es ihn verhüllte, und wo dies endigte, erhöhten zierliche Armbänder seine natürliche Weisse und Ründung. Auch erschien ihr schlanker Wuchs vorteilhaft in dem seinem fliessenden Gewande; kurz, man sah, dass sie ihren Anzug mit Geschmack wählte. Aber über allen Putz machte sie und ihren Gemahl das Vergnügen liebenswürdig, das aus allen ihren Reden, Blicken, Handlungen sprach. Besonders scheint sie nur für ihn zu leben. Die glückliche! Auch er war verändert, sein Auge strahlte von jugendlichem Feuer und Lebenslust, und das freundliche Lächeln, das seinen feingespaltenen Lippen einen so eigentümlichen Reiz gibt, verlässt ihn jetzt eben so selten, als es ihn sonst erheiterte.
Unsere Unterredung fiel bald auf meine unglückliche Sulpicia. Teophaniens unverstellte Teilnahme, die zarte achtung, mit der sie von ihr sprach, nahmen einen Stachel nach dem andern aus meiner Brust, ich fing an, sie nach und nach ohne geheimen Widerwillen, und endlich mit Wohlwollen zu betrachten. Ich benutzte eine Zeit, wo sie nicht zugegen war, und erklärte mich gegen ihn über die Absicht meines Besuchs, indem ich ihm zugleich mit Wärme für meine Rettung von Marcius Alpinus dankte, und ihm die Schrift überreichte. Er wollte erst eine Weile nichts von dieser Rettung wissen, und als ich ihm endlich die zuverlässige Quelle nannte, von der meine Nachricht gekommen war, lehnte er meinen Dank mit Würde und Feinheit ab. Lebhafter bewegt und erstaunt war er über die Schrift und die Art, wie sie in weine hände gekommen war; aber Alles, was ihn daran zu freuen schien, war mein guter Wille und die neue Bestätigung von der Vergebung seines Vaters. Er bat mich, und zwang mich zuletzt, der wunderbare Mensch, die Schrift wieder mitzunehmen, sie seinem Vater wieder zurückzustellen, und ihm zu sagen, ihm genüge sein Wort, und seine Liebe, und zwischen ihnen sollte es nie eines solchen Instrumentes bedürfen. Ich tat es ungern, denn ich fürchte die Gewalt, welche böse Menschen in einer üblen Stunde über den schwachen Hegesippus erhalten könnten. Doch musste ich Agatokles Gründen weichen, und seine Versicherung, dass ihn die Aussicht auf so glänzende Reichtümer nicht glücklicher machen könnte, als er es jetzt schon sei, war so sehr von Allem, was ihn umgibt, was er tut, bestätigt, dass ich zuletzt die Rolle beschämt in den Busen stecken, und gestehen musste, Agatokles sei in seinen einfachen Verhältnissen weit glücklicher, als wir in allem Schimmer, der uns umgibt. Seitdem gefällt mir unser Haus in Nikomedien nicht wehr so ganz; mich dünkt, es wären da zu viel Glanz, zu viel Menschen, Geräte, Gebräuche, zu wenig Genuss, zu wenig Möglichkeit, wahrhaft zu geniessen. Sollte die Ansicht wahr sein, die in Syntium so lebhaft vor meine Seele trat, dass nur Frieden und Liebe wahrhaft glücklich machen? Sollte dies das Element sein, in dem unser Wesen sich am leichtesten, am vollständigsten entwickelte? O ich versichere dich, lieber Lucius, seit gestern gehen mir diese Zweifel nicht aus dem kopf, und das Bild eines stillen häuslichen Lebens an der Seite eines Mannes, wie – Ich weiss nicht, was mir fehlt; eine Träne tritt in meine Augen. lebe' wohl für heute, Lucius! Ich mag nicht weiter schreiben – ich war in meinem Leben nicht so wehmütig gestimmt, und doch so still und ruhig.
Am folgenden Tage.
Wie ich überlese, was ich geschrieben habe, sehe ich eben, dass ich noch ganz am Anfange meiner Erzählung stehen geblieben bin; aber gestern war ich durchaus zu nichts mehr aufgelegt. Teophania kam zurück, eben als ich die Schrift von Agatokles empfangen hatte, und lud mich ein, in sen. Alles im ganzen haus, der Badesaal, die Sclavinnen, das Geräte, das Wollenzeug2 trug das Gepräge der Einfachheit, aber der höchsten Reinlichkeit und Bequemlichkeit. Recht erquickt kehrte ich aus dem schönen saal zurück, dessen höhe Fenster auf den Wald hinaus gehen, und vor welchen die rauschenden Zweige, vom Winde bewegt, Sonnenblicke und tanzende Schatten über das Marmorbecken und die spiegelreine Flut hinstreuten. Jetzt führten mich die glücklichen Gatten in ihrem kleinen Eigentum umher. Ich hatte öfters ganze Tage in Syntium zugebracht, aber bei Sulpiciens düsterer Lebensweise nichts als ein Paar Gemächer