dem Ueberflusse entfernt, unserer Sclaven sind wenig, unsere speisen sind einfach; aber wir fühlen bestimmt, dass die Reichtümer unseres Vaters unser Glück nicht erhöhen, dass sie es vielleicht durch die tausend kleinen und grossen Verbindlichkeiten und Sorgen, die der Reichtum auferlegt, nur stören würden. Jetzt würzt kurze Entsagung den erkauften Genuss, jetzt freut das Selbsterworbene, das Erübrigte mehr, als was das Glück mit vollen Händen achtlos ausstreut. O wüsste das Constantin, er würde seine Begriffe von Glück, wenigstens für unsere Lage, verändern, und meinem Agatokles nicht mehr zürnen! Dieser Zwiespalt ist es, der den einzigen Tropfen Bitterkeit in unsern Freudenkelch giesst. Ich sehe, dass Agatokles mehr darunter leidet, als er aus Schonung mir gesteht. O dass ich einen Weg vor mir sähe, Constantin zu versöhnen! Aber er ist mächtig, der Sohn des Cäsars, ein künftiger Augustus, und jetzt ist die Kluft zwischen dem Herrscher und Beherrschten nicht mehr so unbedeutend, als in den zeiten eines Octavians oder Mark Aurels. Das ist das Böse an unserm verhältnis – wir sind nicht g l e i c h .
Und diese Gleichheit in allen Empfindungen, in allen Richtungen des Geistes ist es, welche allein und dauerhaft das Glück einer Verbindung sichert. Agatokles und ich wurden schon als Kinder mit und für einander gebildet, jeder Eindruck gemeinschaftlich aufgefasst, jede Empfindung von einem Herzen dem andern beantwortet. Wir lebten, wir lasen, wir lernten gemeinschaftlich. Selbst in Edessa unter dem Geräusch der Waffen wusste er Stunden zu gewinnen, um mit mir zu lesen, über das Gelesene, über die Ereignisse des Tages zu sprechen, unsere Gefühle und Gedanken umzutauschen, und so nicht bloss mein Herz, sondern auch meinen Verstand mit dem seinigen in Einklang zu bringen. Wie segenreich, wie beglückend ist jetzt diese Uebereinstimmung für mich! Nicht weil Verfassung und Religion den Mann zum Haupt des Weibes erheben und ihm eine Gewalt einräumen, die manches rohe Gemüt missbraucht, sondern, weil zwei Menschen ein schönes Ganzes ausmachen, und als Einheit dastehen und wirken sollen, sollen auch ihre Geister gleichförmig gebildet sein, und nur die Verschiedenheit des Geschlechtscharakters und der daraus folgenden Bestimmung und Pflichten darf eine reizende Abwechslung in den schönen Einklang bringen. Aber wenn die verschiedenen Charaktere sich selbstständig zu unterscheiden, und jeder als ein vollendetes Ganzes dazustehen streben, wer soll entscheiden, welcher von Beiden im Fall eines Streites nachgeben, und seine Individualität aufopfern soll? – die hergebrachte Sitte? – dann muss das Weib ewig der unterdrückte teil sein – die Vernunft? – Und wer bestimmt, auf wessen Seite sie steht, wenn jedes die Sache aus seinem Gesichtspunkt ansieht und mit Gründen unterstützt? – O nur die Liebe, die Liebe kann das bewirken, und sie bewirkt es sicher. Sie führt auf tausend stillen Wegen die Gemüter zu einander, sie zeigt uns den Gesichtspunkt, aus dem der geliebte Gegenstand die Welt betrachtet, als den richtigsten, sie macht uns teurer, was ihm lieb ist, und ohne Opfer, ohne Nachgeben verschmelzen zwei Willen in Einen. So ist mein verhältnis zu Agatokles – und wenn du wir oft in frühern zeiten meinen Mangel an Festigkeit und mein Bedürfniss, mich an ein liebendes Herz anzuschmiegen, als Schwäche vorwarfst, so versichere ich dich, dass gerade jetzt aus dieser Schwäche, wie du es nennst, mein schönstes Glück entspringt.
lebe' wohl, Junia! Ich weiss, du freust dich meiner Seligkeit, und meine Briefe, wenn sie auch arm an Vorfällen sind, werden sie dir doch manchen vergnügten Augenblick machen, wenn du in ihnen die Schilderung meines Glückes findest.
83. Calpurnia an ihren Bruder Lucius.
Nikomedien, im Jul. 303
Ich komme von Syntium. Von Syntium? höre ich dich rufen. Wie kamst du dahin? – aus eigenem Willen, lieber Bruder! aus festem Vorsatz, den ersten Schritt zu tun, und ein Zusammentreffen selbst schicklich einzuleiten, dem für beständig auszuweichen, nun einmal vernünftiger Weise für Bewohner einer Stadt nicht möglich war. Wenn ich Agatokles, seit er verheiratet ist, nicht mehr sehen wollte, wenn ich von dem Augenblick, als er Teophanien gefunden hatte, seinen Anblick floh, berechtigte ich ihn nicht zu dem stolzen Gedanken, sein Verlust schmerze mich tief, und ich könne die Gegenwart einer glücklicheren Nebenbuhlerin nicht vertragen? O diese blosse Möglichkeit empörte mein Herz. Was habe ich denn zu scheuen? Den Göttern sei Dank! die Rücksicht, die Teophania zur Verborgenheit bewegen konnte, brauche ich nicht zu nehmen; und so war es Pflicht, die ich mir selbst, meinem Ruf und der achtung, die er für mich haben soll, schuldig war, diese Gedanken nie in ihm aufkommen zu lassen, und ihm zu beweisen, dass ich nur seine Freundin war, weil ich es auch jetzt blieb. So musste es zwischen uns stehen, mir nicht einst drückend werden sollte.
Und überdies, war ich ihm nicht innigen Dank schuldig? Er hatte, auf welche Art konnte ich nicht erfahren, mich von der Bosheit und Zudringlichkeit des Marcius befreit, ich musste diese Schuld abtragen. Ich fühlte das, und tat es gern; aber nicht bloss mit Worten, mit Taten wollte ich es tun.
Die Bedingung seines Vaters, unter der er ihm seine Einwilligung zusagte, schien mir immer sehr hart, sehr unväterlich, ich glaubte Agatokles keinen grösseren Dienst leisten zu können, als wenn ich es dahin brächte, seinen Vater zum