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nicht zu behagen, ihr Herz war noch zu voll von dem Bilde des christlichen Schwärmers. Genug, sie begegnete mir zuerst kalt, dann übermütig, dann verächtlich. Ich hatte mich darüber hinausgesetzt, wenn ich hätte hoffen können, auf diese Art zum Ziele zu gelangen. Aber Calpurnia ist eigensinnig, sie reizte mich immer mehr und mehr, da übernahm mich endlich der Zorn, und in einer schwachen Stunde liess ich mich hinreissen, nicht allein ihr zu drohen, dass ihr guter Ruf seit jener Zusammenkunft in meiner Gewalt sei, sondern auch noch denselben Abend, von Mein und Zorn erhitzt, unter einer frohen Gesellschaft die geschichte zu erzählen.

Zwei Tage darauf meldet man mir Agatokles. Ich glaubte, der Sclave habe den Namen nicht recht verstanden. Er war es wirklich. In seinen dunkelglühenden Blicken, in seiner ganzen Haltung lag der kalte Uebermut, den diese Menschen Tugendstolz nennen. Mit empörendem Ton stellte er mich über mein Betragen gegen Calpurnien zur Rede, das er, die Götter mögen wissen wie? erfahren hatte. Mein Blut kochte, ich bezwang mich mit Mühe so weit, dass ich ihn gelassen fragte, was ihn das anginge, und woher ihm das Recht zu dieser Frage käme? Nun brachen die Schleussen seiner Beredtsamkeit los, er sprach von Niederträchtigkeit, von hämischer Rache, von der Pflicht jedes ehrlichen Mannes, sich der beleidigten Ehre seines Nebenmenschen anzunehmen u.s.w., wie die Gemeinplätze der schönen Seelen alle heissen. Meine Geduld riss endlich, und ich erklärte ihm geradezu, dass ich seine Beleidigungen und sein Geschwätz nicht länger dulden wollte. Da trat er zurück, sah mich mit einem Blicke an, den ich mir noch jetzt nicht vergegenwärtigen kann, ohne jeden Tropfen Bluts in Aufruhr zu fühlen, und sagte mit empörender Kälte: "Marcius! Wie kannst du es wagen, diese Sprache zu führen? Weisst du nicht, dass es in meiner Macht steht, dich zu verderben?" und nun fing er an von Dingen zu sprechen, die ihm die Furien eingegeben haben mussten. Er war von Vorfällen unterrichtet, die ich in tiefes Dunkel vergraben glaubte, er wusste Dinge, die aus einem andern Mund als dem meinen zu hören mir die Haare empor sträubte. Hatte Constantin sie erfahren? Hatte mein böser Dämon mich verraten? Die Götter mögen es wissen. Genug, ich muss ihn fürchten, und schonen. Knirschend vor Wut, leistete ich ihm das versprechen, die Erzählung als eine Posse zu widerrufen, und mich Calpurnien nie wieder zu nähern. Er ging, und ich verliess Nikomedien noch denselben Tag.

Aber er soll nicht umsonst das Alles wissen, und mir gedroht haben. Ich werde mich rächen. Wie und wann? wird der Zufall, die Klugheit bestimmen; aber sein Haupt ist den Unterirdischen geweiht. lebe' wohl!

82. Teophania an Junia Marcella.

Syntium, im Jun. 303

Du sollst dich nicht mehr zu beklagen haben, meine geliebte Freundin, dass ich dir, seit ich glücklich bin, so selten schreibe. Wir sind jetzt seit einigen Tagen auf unserem stillen Landhause, und meine Zeit ist freier. So lange ich in Nikomedien im haus meines Schwiegervaters lebte, war ein grosser teil meiner Stunden der Besorgung seines sehr weitläufigen Hauswesens, und der Unterhaltung dieses gütigen Greises geweiht, der aber leider wie die meisten Menschen, die in der Zeit ihrer Jugend und vollen Kraft nur immer ausser sich und in steter Zerstreuung gelebt haben, nun, da Alter und Schwächlichkeit ihm dies einzige Element, in dem sein Wesen sich fühlte, unzugänglich macht, sehr schwer zu unterhalten, und fast nie zu befriedigen ist.

Hier bin ich sehr vergnügt. Hier im Schatten blühender Haine, im Gedüft von tausend Blumen, im Genusse der fröhlichsten Einsamkeit leben wir uns selbst und unserer Liebe. An Agatokles Hand durchstreife ich die Scenen meiner Jugendfreuden, die Vergangenheit schmilzt in wunderbarem Zauber mit der Gegenwart zusammen, alles Trübe, Nächtliche, was zwilag, ist verschwunden, wir sind wieder, was wir damals waren, fröhliche, glückliche Kinder, und in seinem engelreinen geist ist nichts, was diesen schönen Traum störte, nichts, als die Erhabenheit seiner Ansichten, und die Fülle seiner Empfindungen, mit der er das Wohl seiner Glaubensgenossen, der ganzen Welt heiss umfasst, und die zuweilen, wie ein leuchtender Blitz des himmels, über die Blumengefilde unserer Liebe erhaltend, erhebend fährt.

In einsamen Stunden, wenn der Hain um mich rauscht, wenn ein reges Frühlingsleben durch alle Wesen webt und schauert, und ich im Gefühl meines Glückes selig zerfliesse, dann fühle ich den Hauch der allgegenwärtigen Gotteit, und mein inniges Entzükken löset sich in stillen Dank auf gegen den, der das Dunkel meines Schicksals so väterlich erhellte, und durch finstere Pfade mich zu diesem Lichte geführt hat. Ist es möglich, dass Menschen so selig sein und b l e i b e n können, als ich es bin? Ist diese Stille alles Verlangens, dieses Bewusstsein ganz erfüllter Wünsche nicht zusehr Vorgeschmack unsers Zustandes in bessern Welten, um auf dieser einheimisch zu sein? Ach so frage ich mich oft, und mein erschüttertes Herz zittert vor der Wahrscheinlichkeit einer nahen Veränderung. Aber ich weise diese Gedanken nicht zurück, ich segne diese heilsamen Warner vor Uebermut, die gewiss mein Schutzgeist mir sendet. Sie lehren mich meines Glückes in Demut freuen, und seinen ungetrübten Genuss durch kindliche Ergebung heiligen.

Unsere Lebensweise ist bequem, aber von