Vater hat dies Opfer nicht um ihn verdient, schon darum nicht, weil er diese Forderung machen konnte: dennoch bringt es Agatokles. Ich konnte seinen Schritt nicht billigen, als ich es hörte, aber ich musste ihn achten. Noch war die Bewegung, die jene Nachricht in meinem inneren erregt hat, nicht ganz gestillt, als neue Kränkungen und neue Erinnerungen mir sein Bild in einem noch glänzendern, noch gefährlichern Lichte vor die Seele riefen. Ich bin ihm sehr verpflichtet geworden, und dass diese Schuld, die ich einst so gern übernommen haben würde, mich nun drückt, kannst du wohl denken. Der verächtliche Marcius Alpinus, von dem ich nun bestimmt weiss, dass er in Nicäa niedrige Absichten auf Teophanien gehabt hat, hat vermutlich berechnet, dass es nicht so übel wäre, den Proconsul Lucius Piso zum Schwiegervater zu haben, und ist seit jenem unseligen Abend, wo er mich auf dem Wege nach Nikomedien fand, mein erklärter Verehrer und Freier. Er peinigte mich mit seiner Zudringlichkeit, er wandte sich an meinen Vater, an den Bruder, an einige Freunde, ich wurde von allen Seiten mit törichten Erzählungen von seiner leidenschaft, von den Qualen, die er um meinetwillen, und durch meine Härte leide, geplagt. Als mir diese Art von Peinigung zu viel wurde – o ich war in dieser Zeit so wenig gestimmt, mit Anderer Bosheit oder Torheit Geduld zu haben! – erklärte ich ihm ein Mal geradezu, dass ich nun und nimmer die Seinige werden könnte.
Ich war im Anfange ganz artig, aber der niedrige Mensch glaubte in dieser Schonung eine geheime Neigung, oder Furcht zu sehen – die Götter mögen wissen, was – genug, er wurde zudringlich, ungestüm; er trotzte auf Rechte, er wollte Ansprüche geltend machen. Da übermannte mich der Unwille, und ich zeigte ihm meine ganze tiefe Abneigung und Verachtung. Glaubst du, dass der Bösewicht dadurch beleidigt oder entrüstet worden wäre? Nicht im Geringsten! Lächelnd, mit einer Miene, die mein ganzes Wesen empörte, neigte er sich, und sagte: "Die schöne Calpurnia kleidet auch der Zorn, aber ich bitte sie nicht zu vergessen, dass diejenige, die in Männerkleidern einem grausamen Geliebten nachläuft, kein Recht hat, in diesem Tone mit einem mann zu sprechen, der ehrliche Absichten auf sie hat. Bisher habe ich aus Schonung geschwiegen, aber die geschichte dieser Verkleidung ist zu lustig, um sie der schönen Welt in Nikomedien länger zu entziehen." Er neigte sich und ging. Mich hatte Schaam, Zorn, und Erstaunen stumm gemacht. Erst als er entfernt war, vermochte ich den ganzen Umfang seiner Bosheit, und meine Gefahr einzusehen. Ich war ausser mir. Ich wagte nicht mit meinem Vater zu sprechen, ich zitterte vor seiner gerechten Ahndung, und fürchtete zugleich, dass vielleicht irgend eine gewaltsame Maassregel, die ihn die sorge für die Ehre seiner Tochter ergreifen machen würde, das Uebel ärger machen könnte. Am Abend des folgenden Tages kam Quintus mit glühendem Gesicht und funkensprühenden Augen zu mir. Der Bösewicht Marcius hatte seine Drohung bereits ausgeführt, und in einer lustigen Gesellschaft seiner Zechbrüder meine geschichte, meinen und Agatokles Namen preisgegeben. Einer von den Gästen hatte es unter dem Scheine des Zweifels, und als ein unglaubliches Mährchen meinem Bruder erzählt. Ich brachte die Nacht in einem qualvollen Zustande zu, nicht besser war der folgende Tag. Ich zitterte, so oft Jemand eintrat, so oft man meinem Vater einen Besuch meldete, dass jetzt wieder die unselige geschichte erwähnt werden würde.
Plötzlich am dritten Tage war Marcius aus Nikomedien verschwunden, doch nicht ohne vorher seine vorige Erzählung als einen Scherz, dessen Veranlassung eigentlich eine tolle Wette unter ihm und einem seiner Freunde gewesen wäre, ernstlich und feierlich widerrufen zu haben. So war das Gewitter diesmal vorübergegangen, und ich konnte nicht begreifen, wie? bis ein Paar Tage darauf Quintus durch denselben Centurio, der ihm die geschichte zuerst erzählt hatte, erfuhr, dass Agatokles in grösster Eile von Syntium gekommen, und bei Marcius abgestiegen war, dass man sie sehr lebhaft streiten gehört habe, dass Marcius sogleich seine Pferde zu satteln, und den Sclaven, sich reisefertig zu machen, befohlen habe, und noch denselben Abend, wenige Stunden nach Agatokles, der sogleich wieder auf seine Villa zurückgekehrt war, die Stadt verlassen habe.
So war denn die Rettung meines guten Namens Agatokles Werk, so bin ich ihm dafür verpflichtet! Und er äussert nichts gegen mich, er entzieht sich meinem Dank, er weiss vielleicht gar nicht, dass mir die ganze Sache bekannt ist. O mein Lucius! Ist es möglich, dies zu denken, ein fühlendes Herz, und einst so lachende Hoffnungen gehabt zu haben, und jetzt ruhig oder kalt zu sein? Was wird noch aus mir werden?
Ein Entschluss steht fest in meiner Seele. Wenn mein Schicksal fortfährt, Qual auf Qual, Beschämung auf Beschämung über mich zu häufen, so will ich seinen Launen weichen, ich will den Ort verlassen, an den ich unter so unglücklichen Vorbedeutungen gekommen bin, und meinen Vater bitten, dass er mich nach Rom zu dir und meiner Tante Sempronia zurückschicke. Hier kann ich es nicht länger aushalten.
81. Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus.
Cäsarea, im Mai 303.
Haben die Eumeniden mir diesen Agatokles zur Strafe meiner Vergehungen gesandt? Lebt der Mensch nur, um mir überall, wo ich ihn am wenigsten vermute, in den Weg zu