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seiner Kinder, deren Glück er als sein Werk betrachtet, zu verjüngen. So bin ich unaussprechlich glücklich.

Nur Constantin ist mit mir unzufrieden. Mein schnelles Verzichtleisten auf die Reichtümer meines Vaters erregte einen Streit zwischen uns. Constantin's Geist, der grosse Absichten durch kräftige Mittel zu erreichen strebt, glaubt diese zum teil in beträchtlichen Reichtümern zu finden. Er hat nicht Unrecht, aber mein Ziel liegt nicht ganz bei dem seinigen; und der geliebte Sohn eines sehr gütigen Vaters, den nie ein Missverständniss von seinem Herzen riss, hat keine Vorstellung von dem Preise, um welchen ein vernachlässigtes Kind die väterliche Zuneigung gern wieder erkauft. So bleiben unsere schuldlosesten, unsere heiligsten Freuden nicht rein. Ich habe Constantin seit jenem Streite nicht wieder gesehen.

In einigen Tagen denke ich nach Syntium zu gehen, und dort in einsamer Stille und reiner Luft meine Kräfte ganz zu erholen. Mein Vater hat versprochen, mich oft zu besuchen. Dort, wo meine treffliche Mutter lebte, wo ihr schönes Dasein so früh zerriss, wo wir als Kinder um sie spielten, werde ich mit Larissen lebenaber selbst im Arm der Liebe werde ich nie vergessen, dass du von mir getrennt bist, und Constantin mir zürnt.

Fussnoten

1 Bei den Hochzeitfeierlichkeiten der Römer wurden der Braut beim Eintritt in das Haus ihres Gemahls die Schlüssel des Hauses, und Feuer und wasser, als Symbole ihrer künftigen herrschaft im haus, dargereicht.

80. Calpurnia an ihren Bruder Lucius.

Nikomedien, im April 303.

Einst war eine Zeit, wo ich Tränen und Kummer nur aus fremder Erfahrung kannte, oder ein seltner trüber Augenblick, eine leichte sorge, ein bald zerstreuter Schmerz nur die hellen Farben in dem Gemälde meines Lebens durch seinen Schatten desto blendender erhob. O goldene Zeit, wo bist du hin? Mir ist, als hätte ich bis jetzt in dem schönen Traume der Kindheit gelebt, und wäre erst hier in Asien zur Wirklichkeit, zur reisen Besinnung erwacht. Hesperien! Schönes mütterliches Land! Wie so ganz anders war es dort! Wie glücklich, wie beglückend war dort mein Leben! Und wie reizlos, wie düster ist es hier!

Meine arme Sulpicia werde ich schwerlich wieder sehen. Ihren letzten Brief erhielt ich vor einem Monate in eben der Zeit, wo ein frisch zerrissenes Band anderer Art mein Herz in trübe Stimmung versetzt hatte. Er entielt Ahnungen ihres nahen Todes. Ich hatte das beinahe gefürchtet, als ich sie im vorigen Frühling in dem unseligen Syntium wieder sah. Ihr Zustand verschlimmert sich jetzt täglich, sie ist nicht mehr im stand, zu schreiben. Vielleicht während ich dir dies sage, lebt sie nicht mehr. O meine Sulpicia! Unglückkeit! Vorgestern habe ich einen Brief von Tiridates erhalten, er war im Tone der düstersten Verzweiflung geschrieben. Jetzt, da er auf dem Punkte steht, sie auf ewig zu verlieren, ist seine leidenschaft in ihrer ganzen Stärke erwacht. Ach, war es nicht ihr Verlöschen, was sie an den Rand des Grabes gebracht hat? – Welcher Widerspruch im männlichen Herzen!

Die ärzte, sagt er mir, geben b e i n a h e alle Hoffnung auf. B e i n a h e ! An diesem schwachen Faden hält sich seine verzweifelte Liebe doch noch fest, und manchmal schimmert ein Hoffnungsstrahl durch das Dunkel seiner Seele. Armer Tiridates! Er ist sehr unglücklich, und trotz aller seiner Schuld und seines Leichtsinnes kann ich ihn jetzt nur beklagen; denn er leidet unaussprechlich, um so mehr, da sein Herz ihm heimlich Vorwürfe machen muss.

So leiden denn alle guten Menschen, alle sind gequäkt. Und warum sind wir denn gut? Warum tut nicht jeder für sich, was ihm die Klugheit rät, ohne sich um die Andern zu bekümmern? O die Selbstsüchtigen sind die Glücklichsten, und je länger ich in der Welt lebe, je mehr sehe ich die Rechtmässigkeit und Klugheit ihres Verfahrens ein. Krieg gegen Krieg, List gegen List, Kälte gegen Kälte! Wer am längsten aushält, ist der Glücklichere, und dann auch in seinen und der Welt Augen der Bessere, der Verständigere. Ist nicht in der ganzen natur das Recht des Stärkern gültig? So denn auch in der gesitteten Welt, nur mit dem Unterschied, dass hier Verstand und Geschicklichkeit statt der körperlichen Kraft eintritt. Hier ist der Klügere der Stärkere. So lass uns denn klug sein, und nichts als klug, so lange das Flämmchen des Lebens brennt. Dann fasst uns die Urne, und wir sind Staub, wir mögen für uns allein gesorgt, oder uns um Anderer willen hingeopfert haben.

Als ich dich verliess, als ich mit frohem Mute das Schiff bestieg – o warum hat kein Gott mir damals mein Geschick verkündet, kein unglückliches Wahrzeichen mich zurückgehalten an dem vaterländischen Ufer! Zu welchen Erfahrungen bin ich nach Bytinien gekommen? Die ich liebe, muss ich entbehren und verlieren, die ich hasse, verfolgen mich, die ich vergessen möchte, ruft mir das Schicksal mit immer neuer Lebhaftigkeit zurück. Agatokles ist verheiratet, und lebt in Syntium. O wie viele Erinnerungen drängen sich in das einige Wort! Um seines Vaters Einwilligung zu seiner Heirat zu erhalten, hat er seinem Erbteil entsagt. Du weisst, ich bin nicht habsüchtig, aber es ist keine Kleinigkeit, wenn man im Ueberfluss erzogen worden ist, alle die tausend Bequemlichkeiten und Genüsse zu entbehren, die der Reichtum sichtbar und unsichtbar um seine Günstlinge verbreitet. Sein