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Empfindungen, Zerstreuung u.s.w. gewähren. Kein ernsterer Gedanke, keine bessere Ansicht vermag etwas über ihr leicht flatterndes Wesen. So habe ich sie hundertmal, so jetzt wieder erkannt, und alle Macht ihrer Reize gleitet von meinem Herzen ab. In jenen Augenblicken des rührenden Wiedersehens, wie hätte ein liebendes Weib sich betragen! Sie tat den ungeheuern Schritt, um etwas Seltsames zu tun. Die einzige Triebfeder, die ihn entschuldigen konnte, fehlte, so bleibt er nichts als eine wirkung der Laune und Absicht. Ihr Leichtsinn ist unbegreiflich, es gibt durchaus nichts, das ihren flatternden Geist festalten könnte. Constantin hat auf mein Bitten mit ihr gesprochen, und ihr erzählt, dass ich meine Teophania wieder gefunden habe; seitdem habe ich sie nicht mehr gesehen, und erwarte jetzt nicht ohne unangenehmes Gefühl die Entscheidung dieses Verhältnisses.

Meine Hand ist müde, ich habe zwei Tage an diesem Briefe zugebracht, denn ich kann weder oft noch anhaltend den Griffel führen. So bald ich, mehr schreiben darf, sollst du wieder von deinem glücklichen Freunde hören.

79. Agatokles an Phocion.

Nikomedien, im April 303.

Seit acht Tagen bin ich mit meiner Teophania vermählt. Der höchste Wunsch, der meine Brust bewegte, ist erfüllt, und wenn Sterbliche sagen können, dass sie glücklich sind, so können wir es, wenigstens sind wir es ganz in uns. Kein leises Verlangen, keine Ahnung nach höherer Seligkeit lässt irgend eine Saite unserer Herzen leer und unberührt. Alle beben in vollen Schwingungen, alle vereinigen sich zur reinsten Harmonie, und unser Leben könnte ein Bild jenes goldenen Zeitalters werden, an dessen Dasein der Mensch, von den Greueln der Wirklichkeit ermüdet, und voll sehnsucht nach einem vollkommenern Zustand, so gern glaubt.

Aber dazu ist der Pilger dieser Erde nicht bestimmt, und damit er nie sich übernehme, fehlt es auch in seinen glücklichsten Lagen nicht an dunkeln Schatten, die den allzuhellen Glanz mässigen. Unser los ist Arbeit und Kampf mit uns, mit der Welt, damit es uns und den Brüdern besser werde. Wohl dem, der das erste bestanden, der Friede mit sich selbst hat, und in seinen Wünschen, Ansichten und grundsätzen ein beschlossenes Ganzes findet! Ich haben. Es ist stille in mir. Larissens Besitz war eine wesentliche Bedingung dieses Friedens, ohne sie war mein Dasein halb und unvollendet. Sie allein versteht mich ganz, ihr kindlicher Sinn fasst, was der Verstand sonst würdiger Männer, in Weltansichten verstrickt, nicht immer zu begreifen fähig ist. Auch Constantin, der nächst dir mein Innerstes am tiefsten erkannte, und in den wichtigsten Dingen mit mir gleich denkt, empfindet nicht gleich mit mir.

Du weisst, dass ich gesonnen war, Alles anzuwenden, um meinen Vater zu versöhnen. Es ist keiner der unbedeutendsten Vorzüge des christentum, dass es unter seinen göttlichen Gesetzen eines ausspricht, das sonst nie eine Religion gab, ein Gebot, das, wenn wir die menschliche natur und den gang der Empfindungen betrachten, höchst weise und nützlich ist; auch ist es das einzige, das Verheissung hat. E h r e V a t e r und Mutter, auf dass es dir wohlgehe, und du lange lebest auf E r d e n . So spricht das Gesetz, das Gott auf Sinai unter den Schrecken des Gewitters und seiner Herrlichkeit dem sinnlichen volk der Wüste verkündigen liess. Väter- und Mutterliebe hat die natur in unsere Herzen gepflanzt, sie braucht kein Gesetz einzuschärfen. Aber der erwachsene Zweig sondert sich vom Mutterstamm, wurzelt für sich allein, und wird zum Baume. Das junge Tier entläuft der älterlichen Pflege, so bald es fähig ist, sich selbst zu erhalten; denn der Trieb der natur wirkt vorwärts, nicht zurück. Nur der Mensch steht höher, von ihm fordert die Welt und sein Schöpfer mehr, er soll, wenn er selbstständig ist, die Urheber seines Lebens nicht vergessen, er soll die Pflege seiner Jugend ihrem Alter vergelten, und da kein eingepflanzter Trieb ihn hierzu führt, so müssen Dankbarkeit, Ehrfurcht, Gewohnheit, Alles bewirken. Darum erweiterten die Gesetzgeber das Ansehen der Eltern bis zum Rechte über Leben und Tod; aber Furcht gebiert keine Neigung, und nur in edlen Gemütern treibt Dankbarkeit zur Wiedervergeltung. Da gab die höchste Weisheit dem Menschen das Gesetz der Liebe und achtung für die Eltern, knüpfte den Lohn daran, der für die Stufe der entwicklung, auf welcher damals das Menschengeschlecht stand, der höchste war, und ordnete das Gesetz, das Ehrfurcht für die sichtbaren Urheber des Lebens gebot, unmittelbar nach den Gesetzen, die die Verehrung für den unsichtbaren Urheber desselben entalten.

So trieb nebst Teophaniens Wunsch auch das Gefühl der Pflicht mich zu diesem Schritt, aber ich wollte es nicht wagen, mich unvorbereitet dem erzürnten Vater zu zeigen, den selbst der drohende Tod nicht an das Dasein seines Sohnes erinnert hatte. Constantin ging zu ihm. Er fand ihn seltsam, nicht erzürnt, zuweilen sogar gerührt, aber unschlüssig, wankendso dass er seine Antwort erst am folgenden Tage zu schicken versprach. Sie lautete also: Wenn ich mich entschliessen könnte, gesetzmässig und feierlich allen Ansprüchen auf sein Vermögen zu entsagen, weil er nicht gesonnen sei, seine Reichtümer zum Besten einer Christengemeinde verwenden zu lassen: so wollte er mich wieder als seinen Sohn erkennen, und seine Einwilligung zu meiner Vermählung geben. Meine Wahl blieb keinen Augenblick zweifelhaft. Ich unterschrieb das Instrument, das mir