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dass sie mir unverbrüchlich treu, in meiner Nähe, unter Einem dach mit mir sei. Die Schwache meines damaligen Zustandes, und dies längst aufgegebene Entzücken beraubten mich des Bewusstseins. Mit heissem Ungestüme verlangte ich sie zu sehen, sobald ich meiner Sinne mächtig war. Man wollte das nicht, man fürchtete, eine solche Scene würde nachteilig auf meine Gesundheit wirken.

O der schwachen Furcht! wie könnte die Vereinigung der zwei Hälften eines Wesens, die getrennt ohnmächtig traurend dahin schmachteten, etwas Anderes als ihr höchstes Glück sein! Sie kam. Errötend, zitternd, weinend blieb sie von ferne stehen. Ach, sie hatte es vermocht, an meiner Treue zu zweifeln! Sie hatte es vermocht, vier Tage mit mir in Einem haus zu sein und sich zu verbergen! Ich rief sie. Mit dem Tone erwachte das Vergangenheit in ihrer Seele. Alles, was Missverständniss und Bosheit zwischen uns gelegt hatte, verschwand. Sie sank an mein Herz, unsere Blicke sprachen, jeder Zweifel entwich. Rein, wie entkörperte Geister ungehindert von irdischen Beschränkungen, senkte mit einem blick sich Seele in Seele, verstanden sich die unsterblichen Bewohner unserer Hüllenbedurfte es keiner Worte, um sich anschauend zu erkennen, und im eigenen Gemüte Alles zu finden und zu fühlen, was in dem andern vorging! Sie ist meinim höchsten ausschliessendsten Sinne des Worts meinmein geschöpf, wie sie sich selbst nannte!

Als ich das erste Mal mein Zimmer verlassen durfte, leitete sie meine Schritte. Sie hatte ein fest veranstaltet, wie nur die innigste Liebe es ersinnen kann. Mit allen Blumen, die der Frühling jetzt in's Leben ruft, war das freundlich helle Gemach geschmückt, in das sie mich führte. Ihre zarten Gestalten, ihre Düfte umfingen mich ebenfalls in's Leben Zurückgekehrtenund in welches Leben der Seligkeit! Laue Lüfte, milde Strahlen der Frühlingssonne drangen aus dem Garten durch die offene tür in das duftende Zimmer. Hier hatte sie mir ein Ruhebett bereiten lassenhier atmete ich an ihrer Brust zum ersten Mal die freie Luft, traf mich zum ersten Mal der Strahl der Frühlingssonne.

Sie hängt an mir mit allen Kräften ihres Wesens, mit allen ihren Gefühlen und Gedanken. Ich weiss, dass es nur eines Wortes, einer leisen Anregung bedürfte, um sie zu jedem Opfer zu vermögen; aber eben in dem Bewusstsein dieser unumschränkten Gewalt über ihr Gemüt liegt für mich die heiligste Verbindlichkeit, ihrer nie zu missbrauchen, und jeden Schein von Uebergewicht zu vermeiden. Diese heilige Scheu von einer Seite, und die innigste Hingebung von der andern erzeugt ein verhältnis, dessen Reinheit und zartes Leben unserer Verbindung einen Reiz gibt, den Witz, Schönheit und leidenschaft vergeblich nachzuahmen streben würden. Was ist aller Zauber äusserlicher Reize, was die Lebhaftigkeit eines leichtbeweglichen Sinnes, und die Abwechslung, die nur von Absicht oder Laune zeugt, gegen die unwiderstehliche Gewalt der Sanftmut, und des innigsten Zutrauens? Und sie ist auch schön, – sie ist es nicht bloss in meinen Augen! Mir zu Liebe putzt sie sich wieder. Ich äusserte neulich den flüchtigen Wunsch, sie einmal anders, als in dem gar zu schlichten Anzuge der Bewohnerin dieses Hauses zu sehen. Am andern Morgen trat sie zwar einfach, aber höchst edel gekleidet in den Garten, wo ich ihrer Ankunft länger als gewöhnlich geharrt hatte. Ein goldner Gürtel fasste das blendendweisse Gewand unter dem keusch verhüllten Busen, goldne Spangen umzirkelten die schönen arme, und über den hellbraunen Locken floss ein nebelartiger Schleier bis zu ihren Füssen nieder, und folgte ihr bei jedem Schritte in langsamen Bewegungen, Freude und Liebe hatten ein feines Röt über ihre Wangen gehaucht, das grosse dunkle Auge strahlte Seligkeit und Ruhe. So stand sie vor mir, und erweckte zartes Verlangen, und stille Hoffnung, aber keine Begierde.

Mein Vater ist noch nicht versöhnt, er hat den Fluch noch nicht von meinem haupt genommen, und Teophaniens reine Seele zittert vor einer Verbindung, die unter solchen Vorbedeutungen geschlossen werden soll. Es ist mir heilige Pflicht, sie zu beruhigen, und so will ich zu meinem Vater gehen, und wenn noch ein Funken väterlicher Liebe in seiner Brust lebt, ich will ihn finden, und wieder erwecken. Was ich vielleicht um meiner selbst willen nicht tun würde, muss um Teophaniens willen geschehen. Ich habe geschaudert, als mein Vater seinen Zorn so fürchterlich aussprach, aber mein Herz gab mir das zeugnis, dass ich ihn nicht verdiente, dass es eine höhere Pflicht gäbe, als selbst die kindliche, die, der einmal gefassten überzeugung von Recht und Wahrheit treu zu bleiben.

Dann bleibt noch ein seltsames verhältnis zu lösen übrigdas von Calpurnia zu mir. Am ersten Tage, nach jener Nacht, wo ich verwundet in das Haus der gütigen Pflegerinnen gebracht wurde trat sie unvermutet in Knabenkleidern, ich kann wohl sagen, zu meinem Schrecken in's Zimmer. Im ersten augenblicke fürchtete ich, zu grosse Güte gegen mich, Mitleid, Ueberraschung, habe sie hingerissen, diesen gewagten Schritt zu tun. Ihr leichter Ton, ihr munteres Betragen zeigte mir bald, dass nur eine unverzeihliche Eitelkeit von meiner Seite diesen Gedanken hätte festalten können. Liebesolche Liebe, die ein Wagniss dieser Art rechtfertigen könnte, wohnt nicht in dieser luftigen Brust, in der jede Laune, jeder augenblickliche Eindruck offenen Eingang und willige Aufnahme finden! Calpurnia liebt nur sich selbst, und Andere nur, in so weit sie ihr angenehme