eine schaurige Ahnung böser Neuigkeiten überlief. Sie hatte mich nicht getäuscht. Nach einer artigen Einladung kam er auf die Ursache seines Besuches. Die Gastfreundschaft, die so lange zwischen unserm und Agatokles haus bestanden habe, lasse ihn vermuten, dass wir Alle – merke wohl, Sulpicia, er war zartfühlend genug, um mich nicht allein zu nennen – wahren Anteil an dem Schicksal u n s e r s Freundes nehmen würden, und er habe uns eine sehr günstige Wendung desselben zu berichten. Agatokles habe seine Larissa wieder gefunden, sie sei durch wunderbare Ereignisse, die er uns ganz vollständig erzählte, dem tod und der Gefangenschaft entgangen, habe sich vor den Nachstellungen eines bösen Menschen hieher in das Wittwenhaus geflüchtet, ihrer Sorgfalt sei Agatokles, der keine Ahnung von ihrer Gegenwart, und kaum eine von ihrem Leben hatte, übergeben worden, sie habe drei Tage noch unerkannt mit ihm in demselben haus zugebracht, und erst heute sich ihm entdeckt.
Wer hatte nun die Unwahrheit erzählt, Marcius oder Constantin? Und war nicht vielleicht Marcius selbst der Bösewicht, dessen Nachstellungen sie entgehen wollte? Zu gut ist er nicht für diesen Verdacht. Wie dem immer sein mag – genug, sie lebt, er hat sie wieder. Das Ende der geschichte lässt sich an den Fingern abzählen. Einer der interessantesten Menschen seiner Zeit wird sich in dem alltäglichen Ehemann eines alltäglichen unbedeutenden Geschöpfes verlieren!
Ich hasse diese Teophania, oder Larissa, die wohl so viel Aussenheiten als Namen haben mag. Ich halte sie für eine Heuchlerin. Was soll diese Komödie der Verborgenheit? Wenn sie wahrhaft liebte – wie war es ihr möglich, sich ihm zu entziehen? Aber sie will verwirren, reizen, anziehen, und da sie wohl fühlt, dass ihre höchst mittelmässige Gestalt keinen bedeutenden Eindruck machen wird, nimmt sie ihre Zuflucht zu Künsten. Man muss sich in dichte Schleier hüllen, etwas Sonderbares, Geheimnissvolles um sich ziehen, man muss die Rolle der selbstverläugnenden, verkannten Zärtlichkeit spielen, bescheiden entfliehen, wenn die gefürchtete Nebenbuhlerin eintritt, aber durch ein wohlangebrachtes Schluchzen die Aufmerksamkeit auf die Entfliehende heften – man muss lange auf sich warten lassen, um dem Wenigen, was man zu geben hat, mehr Wert zu verleihen! O ich kenne diese Ränke, diese Miene der duldenden Sanftmut – sie verbirgt meist ein listiges tückisches Gemüt, das jene Zwecke heimlich zu erschleichen strebt, die es offenbar nie erreichen würde; ich kenne die verfeinerte Buhlerei dieser Geschöpfe, die bei der Ohnmacht der natur ihre Zuflucht zur Kunst nehmen! Ich habe sie von jeher gehasst, und diese Teophania am meisten! Sie war mir widerlich, als ich sie zuerst in Syntium sah. Ich bin offen, froh und heiter, wie mich die natur gebildet hat; ich liebe und hasse, wie es mein Herz befiehlt, und verlange nicht eine Neigung zu verbergen, deren ich mich nicht zu schämen habe. Ich bin zu Agatokles geeilt, als ich ihn in Gefahr glaubte, ich habe ihm meine Freundschaft unverholen gezeigt, in allem meinem Wert oder Unwert stand ich vor ihm, von seinem Herzen allein erwartete ich meine Würdigung, nicht von Schauspielkünsten, die ich verachte und verschmähe. Aber das wollen die Männer nicht – sie wollen getäuscht, gereizt, hingehalten sein, und darum, wenn so ein von der natur vernachlässigtes geschöpf einmal sich die herrschaft über ein Männerherz zu erobern gewusst hat, dann ist ihre Macht auch unzerstörbar, denn weder Zeit noch Alter, noch Krankheit kann den Zauber enden, der nicht auf den Einfluss der Sinne gestützt, der bloss in der Einbildungskraft und dem Gemüte gegründet ist.
Das ist also das Ende aller jener Aussichten, Hoffnungen – Erwartungen! Sulpicia! Wer mir das gesagt hätte, als ich ihm bei dem kleinen Feste den Kranz aufsetzte, als er errötend, gerührt, betroffen, und in dieser Verlegenheit so liebenswürdig vor mir stand! – O es ist zu arg, zu arg!
78. Agatokles an Phocion.
Nikomedien, im März 303.
Constantins Brief, den ich in meinem Namen an dich zu schreiben bat, wird dich von Allem unterrichtet haben, was seit einigen Wochen mit mir vorgegangen ist. Jetzt ist meine Wunde am Arm, die unbeträchtlichste von allen, ganz geheilt, und der erste Gebrauch, den ich von dieser Genesung mache, ist, dir zu sagen, dass ein wunderbares Verhängniss mich plötzlich an das Ziel geführt hat, das beinahe, seit ich lebe, der Gegenstand meiner heissesten Wünsche, meines Entzückens, und oft meiner Verzweiflung war. Larissa ist mein. Sie lebt, sie ist frei, und in wenig Tagen wird eine heilige Ceremonie die Gefühle weihen und rechtfertigen, die unsere Herzen seit unserer Kindheit zu Einem Wesen gemacht haben! Wie sie dem Tod und der Gefangenschaft entgangen ist, warum ihr feines Gefühl sie bewog, sich durch sechs Monate meiner heissen sehnsucht zu entziehen, wird dich die Abschrift ihrer Erzählung belehren, die ich hier beischliesse. O Phocion! Welch ein Gemüt! Welche himmlische Sanftmut im Handeln, welche stille Kraft im Dulden der schwersten Schicksale! Nun ist sie mein, und nun sei es meine heiligste kann, geweiht war, zu leiten, zu verschönern, und vor jedem Ungemach treu zu bewahren.
Es wäre vergeblich, wenn ich dir meine Gefühle schildern wollte, als Constantin, dem sie sich entdeckt hatte, mir die erste Ahnung ihres Daseins gab, als er mich nach und nach erraten liess, dass sie witwe,