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uns der Wurm, der zu unsern Füssen kriecht, und wir wären tausendmal glücklicher, wenn wir nichts als den blinden Instinkt von der natur erhalten hätten, wenn unsere Wünsche mit unserm Vermögen gleichen Schritt hielten, und keine Voraussehung uns die Freuden der Gegenwart vergiftete.

Sage mir, Calpurniaich flehe dich darum ansage mir aus Mitleid, wenn du es aus überzeugung nicht kannst, dass es jenseits der Urnen noch Etwas gibtdass wir nicht ganz vergehen. Ich habe mir den P h ä d o n 1 des grossen Plato bringen lassen. Tiridates selbst las ihn mir vor. Ach so lange die Worte des Weisen mir durch seine stimme die Seele berührten, schwiegen die Zweifel, ich hörte ihn, mein Herz ward aufgeregt, aber mein Verstand blieb müssig. Als ich allein war, und die Rolle in die Hand nahm, da suchte ich mit Mühe, mit einer Art von Angst, und fandVermutungen, Wahrscheinlichkeiten, individuelle Beruhigungen, die gerade den Sokrates in seiner Lage und Gemütsstimmung ansprachen, aber nichts, das meine Zweifel löste. Alt, lebenssatt, von seiner Xantippe geplagt, und von seinen undankbaren Mitbürgern verkannt, welche Reize konnte die Erde für ihn haben? Wie leicht konnte er sich über den Abschied von ihr trösten, wie bald mit einem Zustande zufrieden sein, der so leicht besser sein konnte, als sein gegenwärtiger? Er hatte keine Jugend, keinen Tron, keinen geliebten Gemahl zu verlassen!

Auch du, Calpurnia, bist nicht glücklich! Das sagen mir deine Briefe. Es ist ein seltsamer Streit in deinem Herzen. Du liebst deinen Freund mehr, als du ihm zeigen darfst, mehr, als du selbst glaubst, und dennoch hindert dich teils dein altes System von Unabhängigkeit und Gleichgültigkeit, teils sein unbestimmtes Betragen, dich dem mächtigen zug deines Herzens zu überlassen, der dich trotz aller jener Hindernisse zu ihm führt. Was bleibt da für Hoffnung übrig, diesen Streit geschlichtet, und eure Herzen vereinigt zu sehen? Es ist etwas, das sich stets zwischen Euch legt, und eure Annäherung nie bis über einen gewissen Punkt gehen lasst. Keines hat den Mut, diese Schranken zu durchbrechen, und so quält ihr einander wechselseitig. Aber das ist Menschenloos, und ihr tragt die Schuld eures Geschlechts. Es soll nicht glücklich sein, das steingeborne Wesen, es soll sein Leben in Kämpfen, Leiden und Entbehren zubringen, und wenn einst das Geschick, müde seine Launen an ihm zu versuchen, von ihm ablasst, dann nimmt es der Tod zur letzten Ruhe in seine kalten arme, und auf dem Scheiterhaufen verlodert endlich das Herz, das hier stets vergebens glühte. So wird es auch dir ergehen, wenn einst ein glücklicher Zufall dich ganz mit deinem Freund vereinigen sollte. Hoffe nichts Besseres, du bist ein Kind der harten Erde! Die schwarze Gestalt, die schluchzend aus dem Zimmer stürzte, ist euer böser Genius. Als ich die Stelle las, überlief mich ein unwillkührliches Grauen. Das ist das Gekrächz der Raben, rief eine stimme in mir. Ich kann nur wünschen, dass die Vorbedeutung trügen möge!

Ueberhaupt ist dein Schritt sehr gewagt, und ich bin weder mit deiner Kühnheit, noch mit Agatokles Betragen zufrieden. So muss der Mann, um dessentwillen ein schönes, gesuchtes, edles Mädchen so weit geht, nicht mit ihr sprechen! Er soll sein Glück fühlen, er soll davon hingerissen seinaber diese stolzen Männerseelen erkalten schnell, sobald sie fühlen, dass ihr Unglück, ihre Vorzüge oder sonst ein Zufall unser Herz für sie erwärmt hat. – O Calpurnia! Denke der Warnungen, die ich dir noch in Rom schrieb; denke der Fabel des Tantalus: Wir sind zum Leiden geboren!

Mein Kopf ist müde, meine Kraft erschöpft. lebe' wohl. Sobald ich kann, schreibe ich dir wieder, denn ich finde deine Briefe nicht geeignet, sie von irgend jemand Anderm lesen und beantworten zu lassen, und ich habe dir noch viel zu sagen.

Fussnoten

1 Phädon, ein Gespräch des Photo über die Unsterblichkeit der Seelegenug bekannt durch die Uebersetzung und Erläuterung des verewigten Mendelssohn.

76. Marcius Alpinus an Lucius Scribonianus.

Nikomedien, im März 303.

Du siehst aus der Aufschrift, dass ich in Nikomedien bin. Galerius hat einsehen gelernt, dass man in der jetzigen Epoche nicht genug tätige Menschen um sich haben kann, dass besonders ein unwissender Krieger, wie er, überall des verständigen Weltmannes bedürfe. So bin ich nun wieder für ihn geschäftig. Alles geht gutund für's erste dürften wohl Constantins hochfliegende Gedanken etwas gemässigt werden. Diocletian, der sich seiner aus Politik gegen den übermächtigen Galerius bisher annahm, wird durch Kränklichkeit und seines Mitregenten Bestrebungen endlich dahin kommen, den Gedanken einer freiwilligen Abdankung als sehr natürlich und rätlich, vielleicht sogar als den einzigen Weg anzusehen, der ihm aus einem Labyrint übrig bleibt, in welches ihn Galerius sehr zweckmässige Massregeln eingeschlossen haben. Der occidentalische Augustus muss seinem Beispiel folgen, und die Welt wird die erhabene Komödie mit lachen oder Grauen anstaunen. Nach Maximians Entsagung tritt Constantins in seine Würdeein wenig furchtbarer Gegner für einen Galerius. Seine schwächliche Gesundheit wird ihn an jedem kühnen Entschluss us auch für solche Hindernisse Rat. Dem Golde und der Macht ist kein Weg unzugänglich. Dann übrigt nur Constantin, undwie unternehmend und ehrsüchtig er auch sein mag, der Kampf mit dem alleinigen Herrn der gebildeten Welt wird