willst mich verlassen? So hat dieser finstere Priester mehr Gewalt über dich als dein Freund?" So hatte Agatokles noch nie mit mir gesprochen. Ich erschrak, ich sank an seine Brust: "O mache mit mir, was du willst! ich bin dein geschöpf." Er drückte mich fest an sich, er beruhigte mein Herz durch tausend süsse Worte und teure Namen. O welche himmlischen Augenblicke waren das! dann liess er mich an sein Bette niedersitzen, und entwickelte mit feuriger Beredtsamkeit und jener klaren Weisheit, mit welcher einst Apelles meinen jugendlichen Geist überzeugt hatte, die wahre Ansicht unserer heiligen Lehren. Weit erhabener, weit mehr eines allweisen, allgütigen Geistes würdig, erschienen sie mir in seiner Darstellung, als wie Heliodor und viele, mit denen ich in Nicäa und hier lebte, sie schilderten. Agatokles lehrte mich Menschensatzungen und Ansichten einer beschränkten Eigentümlichkeit von dem ursprünglichen Sinn derselben unterscheiden; er zeigte mir, was eigentlich Christentum sei, und welchen Einfluss es in seiner Reinheit auf das Menschengeschlecht haben müsse. Ich hing begeistert an seinem mund. O wenn die Liebe zu Allem, selbst zu falschen Schritten überreden kann, welche unwiderstehliche Macht muss die erhabenste Wahrheit in dem mund des Geliebten haben! Seine Wärme riss mich hin, ich sank vor seinem Bette auf die Kniee und rief: O sei du mein Lehrer, mein Führer, Agatokles! Verlass mich nie wieder, ich will dir mit kindlichem Gehorsam folgen, und lass dann deine Liebe meinen Lohn sein! Er umfasste mich, er hub mich zärtlich auf, aber ich sah, dass die Erschütterung der Freude und des heftigen Redens ihn angegriffen hatte – er sank in meinen Arm auf die Kissen zurück. Ich bat ihn nun, nicht mehr zu sprechen, und sich Ruhe zu gönnen; er folgte mir, drückte meine Hand, wir schwiegen Beide, nur unsere Augen unterredeten sich, und still und selig genossen wir das Glück der Wiedervereinigung. Mit dem Anfang der Dämmerung fiel mir Calpurniens bevorstehender Besuch schwer auf's Herz. Das war die Zeit, wo sie zu kommen pflegte. Ich sah, dass auch Agatokles etwas unruhig und in Gedanken schien, obwohl er sich Mühe gab, es zu verbergen, und mein Herz, dessen Schwäche er kannte, auch nicht durch die leiseste Berührung zu verletzen. O wie dankte ich ihm für diese Schonung! Nach und nach verschwand meine Furcht, es ward immer später und der schöne Callias erschien nicht. Mit dem Einbruch der Nacht trat Constantin ein. In seinen Armen, in inhaltvollen Gesprächen verliess ich nun meinen Freund, um in der Einsamkeit mich zu sammeln, und Gott für mein Glück zu danken. Die folgende Nacht liess ich mich die teure Pflicht, meinen Kranken selbst zu besorgen, ihm jede Arznei, jede Labung zu reichen, und bei ihm zu wachen, von Niemand rauben, und widerstand Heliodor'n mit Festigkeit, der als ein Sühnopfer für meine übermässige Freude das Opfer einer freiwilligen Entfernung von Agatokles forderte. Ich blieb im Nebenzimmer, und bewachte seinen Schlummer; er war ruhig und erquickend, wie der Schlummer der Unschuld und Tugend. Am Morgen erwachte er heiter und gestärkt, sein erster laut war mein Name. Seitdem bin ich wieder beständig um ihn. Wir haben uns so viel zu erzählen, zu fragen! Auch heute kam Calpurnia nicht! Sollte sie vermuten oder wissen, was vorgefallen ist? Agatokles nennt ihren Namen nicht, und Constantin zu fragen, habe ich nicht den Mut. Er ist jetzt bei ihm, ich habe diese Zeit benützt, um dir mein Glück zu melden, an dem du, teure treue Freundin, gewiss den lebhaftesten Anteil nehmen wirst. lebe' wohl!
75. Sulpicia an Calpurnien.
Ecbatana, im Febr. 303.
Wie vom düstern Strande des Cocyt und den Reichen der Schatten, kommt dieser Brief zu dir. Mühsam bin ich noch diesmal dem Nachen des Charon entronnen, und zu dem Reste von Leben erwacht, der der zerstörten Maschine noch übrigt. Die Reise, die Luftveränderung, statt wohltätig auf mich zu wirken, hatte mich ganz erschöpft. Mit Todesgedanken betrat ich den königlichen Palast, den ich wohl nicht lebend mehr verlassen werde. Nach einigen Tagen fühlte ich mich so weit erholt, dass ich, dem Wunsche meines Gemahls zufolge, die Ceremonien der Krönung mitmachen konnte. Aber sie waren kaum vorüber, so sanken meine Kräfte völlig, und ich schwebte mehr als einen monat zwischen Leben und Tod. Ich genas endlich wieder, das heisst, ich kann in dem sonnigen Porticus meines Palastes und in den Gärten langsam herumschleichen, die eben jetzt unter dem Hauche des Frühlings zu erwachen beginnen. Bald wird auch das wieder aufhören, ich fühle das mörderische Eisen, das die Parze an den morschen Faden meines Lebens legt, und bald wird von deiner Freundin nichts mehr übrig sein, als was eine Urne füllt. so streng, so unwiderruflich gesprochen! Warum hat mich seit meiner Kindheit das Unglück unabtrennbar begleitet? Wie wenig frohe Stunden wurden mir zum teil? Und jetzt, wo endlich alle Kämpfe aufgehört haben, alle Hindernisse besiegt sind – jetzt soll ich sterben? wie hart, wie ungerecht ist dieses los! Haben denn nicht alle Geschöpfe Ansprüche auf Glück? Auch das geringste Insekt ist mit den Fähigkeiten dazu ausgerüstet, und erfüllt diesen Zweck und ist in sich vollendet. Nur der Mensch allein darf sich des Vorrechts rühmen, vernünftig und elend zu sein. So beschämt