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, ich begegnete ihm, wie es seine Denkart verdiente. Er hasst Agatokles, das weiss ich, und spielt wieder eine bedeutende Rolle am hof, wo das kriechende listige Insekt recht in seinem Elemente lebt. Es wäre möglich, aber wie gesagt, nicht wahrscheinlich.

Agatokles ist sehr strenge geworden. Ich habe ge

stern einen lebhaften Streit mit ihm gehabt. Von ungefähr entschlüpfte mir eine leichte Bemerkung, von der Art wie die vorige, über Gott, Vorsicht, Schicksal. Er nahm das sehr ernst auf, und verwies mir den s t r ä f l i c h e n L e i c h t s i n n (so wagte er es, meine Denkart zu nennen), mit dem ich die wichtigste Sache des Menschen behandelte. Ich fragte ihn lachend, ob er etwas davon w i s s e , ob irgend ein Mensch seit Deucalions zeiten etwas Gewisses darüber erfahren, ergrübeln, schliessen habe können? Das musste er verneinend beantworten. Aber er verwies mich an den G l a u b e n , als das Teuerste, was der Mensch besitze, das einzige, was ihn über den Staub erhebe, und ihm Kraft gebe, Alles, was ihm als einem sinnlichen Wesen wert ist, sein irdisches Wohlsein, und endlich selbst die letzte Bedingung dieses Wohlseins, sein Leben aufzugeben, um das Höchste, Grösste zu erringen. Und was ist denn dies so gepriesene Höchste, Grösste? fragte ich lächelnd in einem wohl zu leichten Ton; denn ich wollte unserm Gespräch eine fröhlichere Wendung geben.

Er sah mich streng und forschend an, dann legte er seine Hand auf mein Herz. "Und sollte dies gute Herz durch den Umgang mit der Welt so erkältet worden sein, dass es die Antwort auf diese Frage nicht in allen seinen Tiefen wiederhallen hören sollte?" Ich muss dir gestehen, ich war ein wenig verlegen und beschämt, und doch lag etwas Angenehmes in diesem Vorwurf. Ich schwieg eine Weile. Ein blick auf Agatokles verwundeten Arm, ein Gedanke an die Ursache desselben machte mich fühlen, dass ich mit meiner Weltphilosophie etwas klein vor dem mann stand, der noch vor drei Tagen eben diese letzte Bedingung seines Wohlseins kaltblütig auf's Spiel gesetzt hatte, um jenes unnennbare Höchste zu erhalten. Wie nennst du esGlückBewusstseinTugend? Er nennt es das G u t e , und seinen ersten, hiernieden vielleicht einzigen Lohn, S e e l e n f r i e d e n . Ich verteidigte mich noch ziemlich gut, trotz meiner Verlegenheit, und er fing nun, um mich ganz zu überzeugen, mit seiner glühenden Beredtsamkeit an, mir die Erhabenheit der christlichen Moral zu schildern, deren Hauptgesetz höchste Reinheit des Willens und unablässiges Streben nach dem Guten ist, die ihren Jüngern auferlegt, so zu leben, dass ihre Handlungsweise zur Richtschnur für die ganze Welt dienen könnte u.s.w. Ich muss dir gestehen, was er sagte, und wie er's sagte, war schön und würdig, es rührte, es erhob mich. Aber so denkt auch nur Agatokles, und auch er vielleicht nur in wenigen Augenblicken. Wer von den übrigen Christen denkt aber wie er?

Diese Bemerkung drängte sich mir leider bald darnach auf, als ich ihn verlassen hatte, und in der Stille meines dunkeln Zurückweges, mir selbst überlassen, und nicht mehr von einem gewaltigen Geist aus meiner Bahn in einen fremden Gesichtspunkt gerissen, die Sache wieder in dem gewöhnlichen Lichte betrachtete. Ach, unsre Voreltern waren ja auch nicht lauter Toren oder Betrüger, und wenn der Polyteismus so gar verächtlich und untauglich gewesen wäre, das Menschengeschlecht im Zaum zu erhalten, die Welt hätte nicht so lange bestanden, das eiserne Zeitalter, das Ovid, als schon ein Mal da gewesen, besingt, wäre wieder gekommen, der Krieg Aller gegen Alle wäre ausgebrochen, und das vertilgte Geschlecht hätte eines zweiten Deucalions bedurft. So sank ich denn allmählich aus den Wolken, oder vielmehr aus Agatokles erhabnem Christenhimmel langsam wieder auf die Erde herab, und nichts blieb mir übrig, als reine Hochachtung für den Mann, der nicht allein so zu schwärmen, sondern auch dieser Schwärmerei gemäss zu handeln fähig ist.

Als ich kaum ein Paar hundert Schritte von dem Wittwenhause an einem Gebüsche vorbei war, bemerkte ich dieselbe verhüllte Gestalt, die mich schon auf dem hinweg begleitet hatte, und die sich in der Entfernung von ein Paar Schritten immer an unserer Seite hielt; ich sah, dass sie mir unablässig folgte, schneller und langsamer, links und rechts ging, wie ich es oft, um sie zu necken, tat. Ich fand es nicht ratsam, gerade in unser Haus zu gehen; als wir daher innerhalb der Tore waren, flisterte ich Phädo zu, er möchte mich zu seinem Bruder führen, der hier ein kleines Kaufmannsgewölbe hat. Er tat es, ich kann auf die Verschwiegenheit dieser Leute rechnen, und blieb hier so lange, bis ich mit Wahrscheinlichkeit vermuten konnte, dass mein unbekannter Begleiter, des Wartens müde, fortgegangen sein mochte. Das war auch wirklich geschehen, und ich langte endlich ohne weiteres Abenteuer, aber nicht ohne einige Bangigkeit zu haus an.

Ich bin neugierig, wie es heute Abends sein wird. Meine Maassregeln sind getroffen, ich fürchte nichts, und wenn ich auch ein wenig Furcht empfinde, so würde das Interessante des Abenteuers, und dieser heimlichen Zusammenkünfte sie weit überwiegen