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Calpurnia, die jeden Tag mit der Dämmerung kommt, ist bereits wieder fort. Constantin kann jeden Augenblick kommendann ist Alles unwiderruflich geschehen! dann ist mein Stab gebrochen!

Bei der Gewissheit, dass ich ihn in meinem Leben nicht mehr sehen werde, habe ich gestern und heute das einzige Glück, das mir übrigt, mit Geiz genossen. Sein Zimmer zu betreten wagte ich seit acht Tagen nicht mehr, seitdem Calpurniens erster Besuch mich daraus vertrieb. Tabita hat seine Pflege übernommen, ich besorge dafür ihre Kranken; aber im Nebenzimmer halte ich mich auf, so viel ich kann. Da höre ich ihn atmen, reden, seufzenach für wen? Es ist eine schmerzliche Freude, aber es ist meine einzigemeine letzte! Bald werde ich auch ihr entsagen müssen! Dann wird seine stimme nie wieder tausend süsse dann werde ich nichts mehr für ihn zu sorgen habendann ist AllesAlles verloren! O Junia! Vielleicht folge ich diesem Briefe baldbis morgen ist mein Schicksal entschiedenich komme schnellschnell!

73. Calpurnia an Sulpicien.

Nikomedien, den 26. Februar 303.

Es ist seltsam, wie ein Abenteuer, eine Beschwerlichkeit, die wir um eines Freundes willen übernehmen, plötzlich diesem Freunde einen viel höhern Wert in unsern Augen gibtwie Gärtnern die Pflanzen am liebsten werden, mit denen sie die meiste Mühe hatten. Ich habe oft darüber nachgedacht und dir einst in Rücksicht auf den Flattersinn der Männer darüber geschrieben; jetzt finde ich diese Beobachtung an mir bestätigt. Zweimal bin ich nun in meiner Sclavenhülle bei ihm gewesen. Wahrlich ein Mann, der sonst nicht schön ist, wird nicht reizend dadurch, wenn er bleich und verwundet auf seinem Bette liegt! Dennoch dünkt mich, er sei mir noch nie so anziehend vorgekommen, als eben jetzt. Gerade, dass er mir nur die Linke reichen kann, weil sein rechter Arm verwundet ist, dass ich ihm manchmal bei etwas helfen muss, wozu er zwei hände brauchte, dass ihn das so ungeschickt, so hülflos macht, bewegt mich seltsam, und die Blässe seines Gesichts, der weichere Ton seiner stimme, die mindere Lebhaftigkeit seiner Bewegungen rührt mich, ich weiss nicht warum, weit mehr, als wenn er auf einmal durch die Sprüche einer tessalischen Zauberin in sam, aber mich dünkt, es ist vollkommen gut, dass es so ist. Nicht um meinetwillenlächle nicht spöttisch, wenn du dies liesest; mein verhältnis zu Agatokles ist gar nicht von der Art; wie du denkst, und unsre gespräche sind von so ernstem Inhalt, dass die sanftern Gefühle scheu davor zurückbeben müssenaber ich finde diese Einrichtung für's Ganze gut. Das Schicksal, die natur, die Vorsicht, die Götter, oder wie man das Wesen nennt, das die sorge für die Anordnung und Erhaltung der Welt über sich genommen hat, hat diesen Zug mit vieler Weisheit in die Tiefe unsers Herzens gelegt. Die Welt ist nun einmal so eingerichtet, dass im Physischen wie im Moralischen nichts ohne Mühe, Anstrengung, Kampf erlangt werden kann. Dem Mutigen hilft das Glück, der Anstrengung gewähren die Götter Alles. Das sind uralte Sprüche, die jede Generation von den Vätern übernimmt, und durch ihr Beispiel bestätigt den Enkeln hinterlässt. Wie weise ist es nun, dass diese warme anhänglichkeit und Vorliebe für das Kind unsers Fleisses, unserer Aufopferungen, uns für die vergangene Mühe entschädigt, zu künftiger spornt, und oft, recht oft unsern einzigen und doch genügenden Lohn ausmacht.

Agatokles ist mir sehr wert gewordendurch die schöne Handlung, die ihm diese Wunden zuzog, und beinahe das Leben gekostet hätte, durch seinen jetzigen Zustand, unddurch die Torheit, die ich um seinetwillen begangen habe. Noch mehr, ich laufe vielleicht einige Gefahr, wenn ich meine Besuche fortsetze; denn ich merke seit gestern, dass mir Jemand nachschleicht, und mich beobachtet. – Phädo hat es ebenfalls bemerkt. Wer es ist, kann ich nicht erraten. Von meinem Vater kommt es nicht; denn der würde offen mit mir zu Werke gehen. Ich kann Verdruss bekommen; auf jeden Fall wird die geschichte, wenn sie bekannt würde, mich den Nachreden und Verläumdungen der Stadt aussetzen. Hieran liegt mir wenig, ich verachte das Geklatsch in Nikomedien, wie ich es in Rom verachtet habe, und gehe meinen gang nach meiner überzeugung, ohne mich darum zu kümmern, was einfältige Weiber, denen, dasselbe zu tun, was sie verlästern, nur Geist und Mut gebricht, darüber schwatzen mögen. Aber die Sache selbst wird mir dadurch werter, und die unbekannte Gefahr, die mir drohen mag, bestimmt mich um so sicherer, heute wieder zu gehen. Zu fürchten habe ich persönlich nichts, denn Phädo und sein Sohn werden mich bewaffnet begleiten, und in unsern Tagen hört man von keinen Helenen und Proserpinen1. So dient das Abenteuer nur, mich zu unterhalten. Uebrigens bin ich ganz ruhig, und es kommt mir zuweilen vor, als sähe mein inneres Ich mit Vergnügen einer Comödie zu, in der mein äusseres Ich, Agatokles, und der unbekannte Späher die Hauptrollen spielen.

Ein Verdacht ist mir schon gekommen, aber er ist

fast zu weit gesucht, zu ungegründet. Marcius Alpinus ist seit einigen Tagen hier. Du weisst, dass meines Vaters Einfluss und Vermögen ihm in der ersten Zeit meiner Abwesenheit meine person sehr liebenswürdig machte. Er plagte mich damals