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. Tiridates ist seit vorgestern von hier fort, um nach Rom zu gehen, und sich auf eine lange Reise zu bereiten. Cäsar Galerius hat ihn nach Nikomedien beschieden. Es sollen neue Versuche gemacht werden, vom Kaiser und Senat seine Einsetzung auf den Tron seiner Väter zu bewirken4. Es soll ein Heer gerüstet werden, den Persern ist der Krieg angekündigt, in Armenien sind wichtige Dinge vorgefallen, Verschwörungen für und wider das Geschlecht der Arsaciden. Welche Blitze aus den Wolken brechen werden, die sich von allen Seiten an unserm Horizont herauf ziehen, wissen nur die Götter. Wir müssen in geduldiger Ergebung zitternd erwarten, wen und wie der Schlag treffen soll. O welches traurige los, wenn die Liebe eines unglücklichen Paares, in das Schicksal der Reiche und Nationen verwebt, von ihm stürmisch fortgerissen wird, und nichts tun kann, als sich blind dem unwiderstehlichen zug hingeben! Calpurnia! Wie bist du auch in diesem Stücke glücklich! Eure Liebe wird kein Monarch stören, euer Bündniss wird nicht auf der beweglichen Welle der Volksgunst getragen! Kein ernster Wille einer Nation entscheidet über euer los! Ihr dürft euch im stillen Schatten des Privatlebens lieben, und mit einander leben, bis der Tod diese Bande sanft löset, und eines nach dem andern in das dunkle Reich der Nacht führet. O wie gern würde ich der schimmernden Aussicht auf den Tron der Arsaciden entsagen, wie gernwenn nur einmal die welken Bande, die mich an Serranus binden, durch das Machtwort des Augustus gelöset wärenmich mit Tiridates in irgend einem stillen Winkel der Wett verbergen! Aber darf ich wohl diese Wünsche laut werden lassen? Darf ich den zum Tron gebornen, den der heisse Wunsch der bessern Mehrheit seines Volkes, den die stimme der Weisen unter den Römern, den endlich sein hohes Gemüt mehr als Alles das zum Herrschen ruft, von seiner erhabenen Bestimmung ablenken, und ihn um meinetwillen in niedriges Dunkel begraben? Könnte ich diesen Verrat an der Welt, an seinem volk verantworten, und endlich, könnte ich hoffen, dass ein Herz, wie Tiridates, in dieser stillen Beschränkteit, dieser ruhmlosen Abgeschiedenheit, glücklich sein würde?

Und so muss ich schweigen, dulden, tragen, das, was das Aergste für liebende Herzen ist, Trennung, und Ungewissheit der Zukunft. Seit gesternwie stille, wie unendlich einsam ist es um mich her! Nirgends höre ich mehr die stimme des Geliebten, nirgends begegnet mir mehr die hohe teure Gestalt in der kalten, beziehungslosen Umgebung. Von Allem, was uns bevorsteht, kenne ich nur die Gefahren, die Hindernisse, die Schrecken mit Gewissheit. O meine Liebe! Das sind Schmerzen, von denen du keinen Begriff hast. Mögen die Götter dich vor ihrer Kenntniss bewahren! Was ist der Tod im Arm des Geliebten gegen diese Qual? Mit jedem Augenblicke sterbe ich einmal, denn jeder Augenblick rückt die lange, gefahrvolle Trennung näher, und so habe ich tausendmal den Tod gefühlt, ehe er kommen wird, sich meiner wirklich zu erbarmen.

Calpurnia! Ich bin sehr gebeugt, und zu den Leiden eines zerrissenen Gemütes gesellt sich seit einigen Tagen ein körperliches Uebelbefinden, ob bloss Zuwachs des erstern, ob Folge desselben und der vielen Verdrüsslichkeiten, die ich hier mit unsern Leuten und besonders mit Novius, unserm Verwalter, einem durchaus bösen Menschen hatte, weiss ich nicht. Genug, jetzt, da ich nach mehr als zwei Monaten wieder in deine arme zurückkehren, und den Geliebten vor der unendlichen Trennung vielleicht noch einmal in Rom sehen könnte, scheint meine zerrüttete Gesundheit mir auch diesen letzten Trost verweigern zu wollen. Ich habe an Serranus geschrieben, und eine wohlgeschlossene Sänfte bestellt. Vielleicht kommt er selbst, oder sendet einen seiner Vertrauten, mich abzuholen. Das wäre mir sehr angenehm, denn ich fürchte mich, krank und allein zu reisen. Von den hiesigen Leuten mag ich Niemand mitnehmen, ich habe sie auf einer viel zu schlechten Seite kennen gelernt. Wäre jene Hoffnung nicht, ich würde ohne weiteres die Rückkehr meiner Gesundheit und der bessern Jahreszeit hier erwarten. Aber diese Aussicht ist auch auf ein blosses V i e l l e i c h t nicht aufzugeben, und zwei Tage, mit dem Geliebten vor einer langenach wer bürgt dafür? – vielleicht ewigen Trennung zugebracht, sind mit keiner Krankheit, mit keinen Schmerzen, ja selbst mit dem tod nicht zu teuer erkauft.

Fussnoten

1 Aus Seneca's Tragödie: Die Trojanerinnen. 2 Deucalion und Pyrrha waren die einzigen Menschen, die nach einer Wasserflut, in der die übrigen Sterblichen zu grund gingen, übrig blieben. Auf Befehl der Götter warfen sie mit verhülltem Angesichte Steine hinter sich, aus welchen Menschen entstanden, und die Erde auf's Neue bevölkerten. 3 Nemesis war die Göttin des rechten Maasses, die Richterin des Uebermutes. Man sehe hierüber des verklärten Herders unübertrefflich schönen Aufsatz: Nemesis, im zweiten Bande seiner z e r s t r e u t e n Blätter 4 Armenien war lange Zeit ein unabhängiges Reich, in welchem Könige aus dem Geschlechte der Arfaciden regierten. Endlich wurde es von den Persern überwältigt, ihr letzter König Chosroes getödtet, und sein einziger Sohn Tiridates, als Kind, nur mit Mühe und durch die Treue der Diener seines Vaters an den römischen Hof gerettet. Hier wurde der Prinz in Hoffnungen auf das Reich seiner Ahnen erzogen, und zeichnete sich bei jeder gelegenheit durch persönliche Tapferkeit und Edelmut aus Nachdem Armenien sechshatte