Tränen Alles, was ich sagen konnte, ohne Calpurniens Besuche und ihre Verkleidung zu verraten; denn leicht hätte er bei seinen strengen Begriffen ein Aergerniss daran nehmen, und dem schönen Sclaven den Zutritt verwehren können, und ich – ach, ich will das Glück der Liebenden nicht stören!
Er fand es sehr unrecht, dass eine so verzeihliche Untreue, als die des Agatokles, der mich seit mehr als einem Jahre für tot hielt, mich so aufbrächte, dass ich ihn gar nicht wieder sehen wollte. Man könnte ja, meinte er, wenn die Liebe aufgehört habe, noch Freundschaft für einander fühlen, und sich herzlich gut sein. Es war vergeblich, ihm die Unmöglichkeit dieser Freundlichkeit begreifen zu machen; er sah es ein, dass das beschämende Gefühl des Flattersinns und Unrechts, wie verzeihlich es auch sei, das reine verhältnis ewig stören, und die verstimmten saiten nie wieder harmonisch klingen würden. Als er endlich meinem E i g e n s i n n d i e s e G r i l l e zugestand, fand er doch, dass, wenn ich auch Agatokles Freundin nicht sein wollte, so würde er doch erfahren dürfen, dass ich lebe, ja, er würde es, der natur der Sachen nach, über kurz oder lang erfahren müssen. Das musste ich zugeben – aber ich sagte zuletzt, als er mit unaussprechlicher Härte in mich drang, es würde mir nicht so viel daran liegen, dass Agatokles mein Dasein erfahre, wenn ich nur erst entfernt, und bei dir in Apamäa wäre. Nun wollte er die Ursache dieser S e l t s a m k e i t wissen. Er forschte, er fragte, und ach, auf allen Seiten gedrängt, und mit einer grausamen Consequenz von Schlüssen, Voraussetzungen und Folgen auf's Aeusserste getrieben, bekannte ich endlich, dass mir der Gedanke, mich, so entstellt wie ich bin, neben der schönen Calpurnia zu zeigen, unerträglich, und schlechterdings unmöglich sei.
Das ist's! fuhr er auf ein Mal mit einer Heftigkeit auf, dass ich zusammenschrak. Das ist's, die Eitelkeit ist's, die euer Geschlecht von jeher zum Bösen verführt, die den Tod, die Erbsünde, die alle Uebel der Welt über uns gebracht hat. Aus Eitelkeit sündigte Eva, aus Eitelkeit fallen ihre Töchter. Und nun ergoss sich ein fürchterlicher Strom von Beredtsamkeit, den ich vergebens zu unterbrechen suchte. Er hielt mir alle meine Vergehungen vor, seit dem ersten Augenblick, als er mich bei den Goten gefunden, Falschheit, übermässige leidenschaft, Verkehrteit, Bosheit, Eitelkeit – ach Gott weiss, was Alles! Ich fing an zu weinen und zu zittern. Ich erkannte, dass er in vielen Stükken Recht hatte; aber so schlimm, als sein Zorn mich machte, bin ich doch nicht. – O Gott! Meine Absicht war ja schuldlos! Kann es ein Verbrechen sein, nur nicht so ganz verschmäht und vergessen neben der glücklichen Nebenbuhlerin stehen zu wollen? Ich will ihnen ja kein Uebels – ach, ich habe es ja sogar schon über mein Herz vermocht, für Calpurnien zu beten! Kann ich denn gar so strafbar sein? Und doch legt es mir Heliodor als Busse auf, als unerlässliche Bedingung, unter der allein mir meine Sünden vergeben werden können, mich Agatokles zu entdecken? Was kann ich tun?
Er ging im höchsten Zorn von mir weg. Alles, was ich erhalten konnte, war, dass er nicht auf der Stelle zu Agatokles eilte, aber ich musste ihm geloben, es morgen selbst zu tun. O Junia! Das wird ein schrecklicher Tag werden!
Einige Stunden später.
Wie ein Engel, von Gott gesandt, ist mir auf einmal der Gedanke gekommen, mich an den edlen Constantin zu wenden. Er ist Agatokles Freund, es kann ihm an dem Zartgefühl nicht fehlen, das die Behandlung dieses Verhältnisses fordert. Ich werde ihm schreiben, mein Brief wird meine Rettung in Trachene, meine Befreiung durch Heliodor, meinen Aufentalt in Syntium, in Nicäa, und die Beweggründe entalten, die mich bisher so handeln machten. Constantin müsste nicht so edel sein, als ihn der Ruf und seine Gestalt verkündet, wenn er nicht Sinn für meine Lage, und den festen Willen haben sollte, das peinliche verhältnis auf die Art zu lösen, wie es für seinen Freund und mich am besten ist. Er kennt sein Herz, er wird die wirkung beurteilen können, die diese Entdekkung auf ihn machen muss. O wenn er – ich werde ihn dringend darum bitten – wenn er es so einzuleiten wüsste, dass Agatokles selbst damit zufrieden wäre, mich nie wieder zu sehen! Nie wiedersehen! Junia! Niemals – niemals, in meinem ganzen Leben nicht wieder sehen! – Es ist ein schrecklicher Gedanke! – Ich sehe seine notwendigkeit ein, aber ich zittere noch davor – ich kann ihn noch nicht ganz fassen. – Niemals.
Später.
Der Brief ist geschrieben. Ich erwarte Constantins Ankunft. Mit welchen Gefühlen! kannst du mir leichter nachempfinden, als ich sagen. O in dem Augenblicke, da das los fallen muss, da wir in die schikksalvolle Urne greifen, entsetzt sich das Herz, die festesten Entschlüsse wanken noch ein Mal, zum letzten Mal; und so drückend uns die Ungewissheit dünkte, so heftig ergreifen wir jeden Augenblick, der sie zu verlängern im stand ist. Die Nacht ist da.