den Frauen meine verstorbene Jugendfreundin zu sehen; mir war, als erkennte ich deutlich ihre Züge, als hörte ich den Ton ihrer stimme. – Es war ein Traum, setzte er tiefsinnig und mit einem schlechtverborgenen Seufzer hinzu – aber es was ein lieblicher Traum!
Ich sah, dass ihn das Reden erschöpfte, und kürzte meinen Besuch ab. Er dankte mir sehr innig für meine unaussprechliche Güte, wie er es nannte; ich versprach, ihn den folgenden Tag wieder zu sehen, wenn es mir möglich wäre. Er drückte mir die Hand, schon wollte ich mich entfernen, als sein Arzt, ein christlicher Priester, hereintrat. Mir waren die Züge dieses Mannes bekannt, ich sah ihn genauer an. Stelle dir mein Erstaunen vor – es war der Alte von Syntium, der Vater jener byzantinischen witwe, der geheimnissvollen Teophania. Mir ward ganz sonderbar zu Mut bei dieser Entdeckung. Ist er hier – so ist auch wohl seine Tochter nicht weit – vielleicht als witwe eines Christen hier im haus – und, erfährt es Agatokles? – Ich war besonnen genug, nichts von meiner Verwunderung zu äussern, und froh, dass der Alte mich nicht erkannte, eilte ich eben nicht sehr, dem Kranken, meine Entdeckung mitzuteilen. Wer weiss, wie viel oder wenig Besuche ich noch in dem Wittwenhause machen werde! Indessen beschäftigt das verhältnis eben, weil es verwickelt und seltsam ist, meinen Geist und meine Einbildungskraft sehr angenehm, und dass es mein Herz ja nicht mehr, als meine Ruhe erlaubt, besonders bei der Nähe dieser Teophania, beschäftigte, darüber soll meine Vernunft und meine richtige Schätzung des männlichen Geschlechts wachen. lebe' wohl! Ich sehe mit Neugier, mit Ungeduld, aber wahrlich ohne sehnsucht der Stunde der Dämmerung entgegen – ich will die Freude geniessen, so lange sie vernünftiger Weise währen kann, und sie, wenn es die Vernunft befiehlt, ohne Verdruss oder Reue aufgeben. lebe' wohl!
Fussnoten
1 Batyll war Anacreons, Antinous Kaiser Hadrians Liebling; beide sind ihrer Schönheit wegen berühmt, und die Bildsäulen des letzteren haben zu manchem gelehrten Streite Anlass gegeben. 2 Die Römer trugen Mäntel wider die Kälte und den Regen, welche von dichtem Wollenzeuge, und mit einer Kappe versehen waren.
72. Teophania an Junia Marcella.
Nikomedien, den 26. Februar 303.
Was steht mir bevor! Zu welchem entsetzlichen Schritte will mich der harte Heliodor zwingen! Ich soll mich Agatokles entdecken, jetzt – in diesen Verhältnissen, und ohne Verzug. Weigere ich mich, es selbst auf eine schickliche Art zu tun, so hat er mir gedroht hinzugehen, und ohne alle Schonung – denn was gilt Liebe und Zartgefühl einer so rauben Tugend? – es ihm geradezu zu sagen. Was bleibt mir übrig?
Wiedersehen! O Ton, der sonst meine ganze Seele mit Entzückungen durchbebte! Wiedersehen! Wie schrecklich, wie schauerlich klingt er jetzt in meinem Ohr! Ach, als wir uns im Garten zu Edessa trafen – wir waren durch heilige Pflichten getrennt – aber er liebte mich! Das sagte mir sein blick, seine ausgebreiteten arme, seine sprachlose Freude. Ich sank an seine Brust. Acht Jahre der Trennung hatten unsre Empfindungen nicht geändert; meine Hand war eines Andern, mein Herz war sein. O das waren glückliche Tage – die schönsten meines Lebens! Jetzt mit Scheu und Zittern sehe ich dem fürchterlichen Augenblicke entgegen, dieser Verwirrung, diesem bangen SchrekBeschämung mir qualvoller sein, als ewige Trennung!
Ich soll mich ihm zeigen, in dieser blassen abgehärmten Gestalt, mit diesen verweinten Augen, mit der Narbe auf den Wangen, ihm, der täglich das reizendste geschöpf der Erde in seine arme schliesst? Nein, nein, tausendmal lieber sterben! Und was bleibt mir übrig? – Ich will fliehen! er soll hören, dass ich lebe, aber er soll mich nicht wieder sehen! Er würde sich Mühe geben, mich artig zu empfangen, die Veränderung meiner Gestalt nicht zu bemerken, er würde mir recht viel Verbindliches sagen, wie es ihn freue, mich wieder zu sehen, wie bestürzt er über die Nachricht meines Todes gewesen u.s.w. Und ich – ich würde verzweifeln!
O was hat Heliodor über mich gebracht! In welchen Jammer hat er mich gestürzt! Und er glaubt noch ein Recht zu haben, mit mir zu zürnen, er sieht mich für strafbar an! Dahin kommt ein Herz, das sich jedem sanften Gefühl aus Anlage oder Grundsatz verschlossen hat!
Diesen Morgen kam er plötzlich und in sehr lebhafter Bewegung zu mir. Er hatte erst gestern spät den Namen und die Umstände seines Kranken erfahren. Mein ehemaliges geständnis fiel ihm ein, er eilte rasch zu mir, um mich um die Ursache meiner vorsätzlichen Verborgenheit zu fragen, da der Freund meiner Jugend unter einem dach mit mir lebte. Seine strenge Tugend hatte sich eine wohlgefällige Vorstellung dieser Ursache entworfen. Er hatte mir Kälte und schwärmerische Andacht genug zugetraut, dass ich freiwillig meinen liebsten Wünschen entsagen, mich den Pflichten des Hauses für immer widmen, und mein Leben in der ihm so erhaben dünkenden beschaulichen Abgezogenheit zubringen würde. Er war ganz gerührt von dieser Vorstellung, er fing an, mich zu loben, sein Auge ruhte mit väterlichem Wohlgefallen auf mir. O wie peinlich war mir dies Lob! Nicht der ungerechteste Verdacht hätte mich halb so sehr geschmerzt! Eine Weile schwieg ich, endlich konnte ich's nicht länger ertragend. Ich gestand ihm unter