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sich in meinem kopf. Ich wollte Männerkleider anziehen, und so unerkannt ihn besuchen. Je mehr ich dem Gedanken nachhing, je reizender schien er mir, und so wurden denn niedliche Sclavenkleider bestellt, und Alles geheilt und verschwiegen bereitet; denn Niemand, auch mein Vater, sollte um diesen Schritt wissen, den ich mir, falls er ihn missbilligte, weder von ihm verwehren lassen, noch geradezu wider seinen Willen tun wollte. Die Kleider kamen, ich zog sie an, sie sassen vortrefflich. Drusilla ordnete mein Haar, so gut es gehen wollte, damit mein Kopf dem eines Knaben ähnlich wäre, und ich musste gestehen, dass der Knabe, der mir da aus dem Spiegel entgegen sah, sein Lobliedchen wohl eben so gut verdiente, als Batyll oder Antinous1. Nun, als die Dämmerung kam, warf ich einen grossen Mantel meines Bruders über mich, zog die Kappe2 tief in's Gesicht, und machte mich mit dem treuen Phädo, der den Kopf gewaltig über die Mummerei schüttelte, auf den Weg. Das Herz pochte mir wohl ein wenig, ob vor Angst oder vor Erwartung, weiss ich nicht. Wir kamen glücklich vor die Stadt, und in das Haus. Hier liess ich mich als einen Sclaven, der seinen Gebieter zu sprechen wünschte, bei Agatokles melden. Man führte mich in ein einfaches aber durchaus anständiges Zimmerich trat beklommen ein. – Sehr bleich, erschöpft, aber mit ruhiger Miene und heiterm Auge lag Agatokles auf dem Bette, sein rechter Arm war mit schneeweissen Binden umwickelt, sonst konnte ich kein Zeichen von Krankheit oder Verwundung an ihm entdecken. Mir ward seltsam zu Mut. Jetzt erst, da er nicht mehr zurückzunehmen war, sah ich lebendig die Sonderbarkeit meines Schrittes und der Rolle ein, die ich spielte. Doch es war zu spät. Agatokles hatte mich bereits erkannt, ich sah, dass er im Begriff war, mich zu nennen. Ich erschrak, denn nun erst ward ich eines schwarzen ganz verschleierten Frauenzimmers gewahr, das an einem Nebentische mit Leinenzeug beschäftigt war. Ich fasste mich schnell, fiel ihm in die Rede, und nannte mich Calliasseinen Sclaven. Ich sah, dass er erstaunt und gerührt war; er fasste meine hände mit seiner Linken, drückte sie heftig, und sah mich mit einem Blicke an, der mir tief in die Seele drang. Gerade in diesem Augenblicke stürzte das schwarze Frauenzimmer mit einem sonderbaren laut, der wie Schluchzen klang, zur Tür hinaus. Agatokles wandte sich schnell nach ihr um. – "Was war das?" – sagte er; "mich dünkt, sie weinte?" So schien es mir auch, erwiderte ich. "Es ist eine seltsame Frau," fuhr er nach einer Weile fort. "Seit gestern pflegt sie meiner mit der grössten Geduld und Sorgfalt, aber ich habe ihr Gesicht noch nicht gesehen, und ihre stimme nicht gehört; ich weiss nicht, kannoder will sie nicht sprechen." Ich fing ein anderes Gespräch an, ich fragte ihn um die Vorfälle des gestrigen Abends, aber er antwortete mir sehr zerstreut, indem er öfters nach der tür sah, und es gelang mir nur mit Mühe, ihn von dem Gegenstand, der seine Aufmerksamkeit so sehr beschäftigte, abzubringen. Er fragte mich jetzt, welcher sonderbare Zufall mich in dieser Kleidung hierher führte? – "Kein Zufall, mein Freund!" antwortete ich, "sondern der Wunsch, dich zu sehen, mich selbst zu überzeugen, wie es dir geht, und ob es in meines Vaters, oder meiner Macht stehe, deine Lage zu erleichtern, etwas für dich zu tun." Er schien bewegt, sein Auge glänzte, er fasste meine Hand, aber schnell senkte er den blick wieder, drückte meine Hand an seine Brust, und sagte mit unterdrückter stimme: "Ich verdiene diese Güte nichtgewiss, schöne Calpurnia! ich verdiene sie nicht." Ich war ein wenig verlegen über diese Antwort, in die sich so mancher Sinn hineindeuten liess. Mir fiel die geschichte mit jener Teophania und meiner Zeichnung ein. – Aber ich hatte nun einmal die Rotte der heldenmütigen Freundschaft übernommen, ich musste sie mit Ehren ausspielen. Ich sagte ihm also, was sich in einer solchen Lage sagen lässt, wo man weder sich, noch der Freundschaft etwas vergeben, weder seine Güte an einen Undankbaren verschwenden, noch den geschätzten Freund, den vielleicht nur Bescheidenheit so reden hiess, kränken will. Ich zog mich zum Verwundern gut aus der Sache, so, dass ich überzeugt bin, Agatokles weiss bis diese Stunde nicht recht, woran er mit mir ist, und die Unterredung nahm nach und nach einen ruhigen gang. Er erzählte mir nun ganz kurz, und mit manchen Unterbrechungendenn seine Schwäche erlaubte ihm nicht viel zu sprechendie geschichte des gestrigen Abends. Ich konnte seinem Edelmut meine volle achtung nicht versagen; aber der gefährliche Eindruck, den der interessante Zustand des Erzählers, und der Inhalt der geschichte auf mein Herz hätte machen können, wurde mächtig durch die Schilderung gedämpft, die Agatokles von seinem Zustande machte, als er zu sich kam, sich bereits für tot, und die Umstehenden für Bewohner einer andern Welt hielt. Die sonderbare Beleuchtung, fügte er mit sichtlicher Rührung hinzu, der fremde Ort, die schwarzen Frauen in langen Schleiern, die blassen Gesichter trügen bei, die Täuschung zu vermehren. Ich glaubte unter