durch diese Liebe! Wie gern wäre ich ihm zu Füssen gesunken, um ihm für das Leben seines Freundes zu danken! – So liebe ich ihn denn noch? So wird denn diese Flamme nie erlöschen? So ist kein Leichtsinn, keine Kränkung fähig, mich zu heilen? O ich bin schwach bis zur Verächtlichkeit – ich verdamme mich selbst darum – aber ich kann – ich kann nicht anders. Tief in mein Wesen, in die feinsten Fäden meines Lebens ist diese Liebe verweht – sie wird nur mit ihnen zerrissen. O zürne mir nicht, Junia! Ich fliehe bald – bald zu dir!
Fussnoten
1 Die Häuser der Alten, sowohl in Italien, als vorzüglich im Morgenlande, hatten selten Fenster auf die Strasse. Man trat durch den Torweg in den Hof, um welchen herum die Zimmer gebaut waren, deren Fenster und Türen gleichfalls auf den Hof gingen.
71. Calpurnia an Sulpicien.
Nikomedien, den 25. Februar 303.
Bald sind es zwei Monate, seit du Nikomedien verlassen hast. Du musst längst in Ecbatana ganz eingewohnt sein, und noch habe ich ausser einem kleinen Briefchen, das du mir unterwegs schriebst, und das eben nicht Gemacht war, mich über deinen Zustand zu beruhigen, keine Nachricht von dir und Tiridates erhalten. Ich bin sehr um dich bekümmert, und beschwöre dich, wenn meine ängstigenden Gedanken wahr sein sollten, wenn du zu krank zum Schreiben wärest, mir durch Tiridates, durch eine Sclavin, durch wen du willst, nur ein paar Zeilen zu senden, die meine Zweifel endigen. Ich selbst bin jetzt in einer sonderbaren Stimmung. Sehen möchte ich die Miene doch, mit der du diesen Brief lesen wirst, und die Bemerkungen hören, die du darüber machst. Abenteuer, tragische und zärtliche Scenen, Schrecken, Verwundungen, Verkleidungen – kurz Alles, was ein milesisches Mährchen anziehend machen kann, habe ich dir heute zu berichten, und ich hoffe, es wird dir im Lesen wenigstens die Hälfte von dem Schrecken und dem Vergnügen machen, das es mir in der Wirklichkeit verursachte. Schon lange hätte Abenteuer zu erfahren, mein Leben floss in gar zu gewöhnlicher Alltäglichkeit hin. Nun haben die Götter und meine Laune mir eins beschert, und du sollst Alles getreulich hören.
Vorgestern war ein trüber unruhiger Tag für Nikomedien. Es galt eigentlich nur den Christen, deren Tempel auf kaiserlichen Befehl zerstört wurden, um ein Mal ihrem Unwesen ein Ende zu machen, aber die ganze Stadt fühlte die Wirkungen dieses Schlags. Allentalben fielen bald tolle, bald blutige Auftritte vor, und es verging keine Stunde, wo man nicht meinem Vater irgend ein Verbrechen oder einen Unglücksfall zu berichten kam. Mir war recht unheimlich zu Mut. Wäre ich eine Schwärmerin, so würde ich dies Gefühl für Ahnung ausgelegt haben; so aber sehe ich sehr deutlich ein, dass es nichts als eine natürliche Folge der begebenheiten dieses Tages war. Ich legte mich spät nieder, und schlief nicht viel, denn auch die Nacht war nicht stille. Da weckte mich am Morgen das Geräusch meiner tür, die leise geöffnet wurde, ich fuhr auf, Drusilla trat herein – mit einem gesicht, das schon von Weitem Uebels prophezeite. Was ist's, rief ich, was ist geschehen? "Erschrick nicht, Gebieterin," sagte sie nach der Art dieser Menschen, und goss dadurch kalte Schauer über mich – "es ist ein grosses Unglück –" ich sprang zitternd am ganzen leib aus dem Bette. Mein Vater – rief ich; denn nichts Geringeres als ein Unfall, der ihn oder uns Alle betroffen hätte, stand vor mir. "Nein," sagte Drusilla, "dein Vater ist recht wohl; bleib nur und höre mich." Ich war im Begriff fortzueilen. "Agatokles –" fuhr sie fort, und sah mich ängstlich an. – Auf ein Mal fühlte ich, wie sich die ganze natur meiner Empfindungen änderte; ich fühlte noch Bangigkeit, aber nicht mehr jene fürchterliche Beklemmung, die mir vorher den Hals zugeschnürt hatte. Agatokles? wiederholte ich. Was ist's mit ihm? "Er ist schwer verwundet, vielleicht tot." Jetzt erschrak ich von Neuem – ich zitterte, und musste mich setzen, ohne sprechen, ohne Drusilla fragen zu können. Sie ersparte mir's, und berichtete mir mit unerträglicher Weitläuftigkeit, dass er gestern Abends in der langen Strasse beim Tempel der Ceres sich einer armen Frau angenommen, welche die Priester der Götter zwingen wollten, ihr zu opfern, dass der wütende Haufe ihn umringt, übermannt, und mit vielen Wunden für tot auf dem platz liegen gelassen. Seine Soldaten hatten ihn gesucht, und brachten ihn endlich in das Wittwenhaus der Christen. Dort ist er jetzt, ob tot, ob sterbend, wusste Drusilla nicht zu sagen. Der Sclave, der ihr die Botschaft brachte, wusste selbst nicht mehr, ein seltsames Gemisch von Empfindungen wogte nun in meiner Brust auf und ab, Mitleid, sorge, Aerger über seine Schwärmerei, und Bewunderung seines Heldenmuts. Endlich siegte das Mitleid, und mit ihm wurde der Wunsch, ihn zu sehen, ihm den Anteil zu zeigen, den ich an ihm nahm, herrschend. Mein Vater hatte alsobald hingesandt, um sich nach ihm zu erkundigen. Die Antwort war beruhigend, er lebe – seine Wunden waren nicht tödtlich. Von Augenblick zu Augenblick wurde jenes Verlangen stärker in mir, und ein seltsamer aber interessanter Plan entwickelte