Denkart, der Religion selbst, von der verzehrenden Flamme einer leidenschaft kommen, die mit wütender Gewalt das ergriffene Herz über alle Schranken des Wohlstandes und der Weiblichkeit hinreisst? Von dieser Macht der Gefühle habe ich keinen Begriff; aber wer so liebt, muss auch versichert sein, eben so heiss wieder geliebt zu werden. Und was bleibt dann für die Vergessne, Verstorbne übrig!
Heute Morgens, als ein luftiger süsser Schlummer Kraft wieder gegeben hatte, hörte ich Agatokles leise rufen. Ich zog den schwarzen dichten Schleier fest um mein Gesicht, meine ganze Gestalt zusammen, und trat mit klopfendem Herzen an sein Lager. Er öffnete die Augen kaum, und forderte nur mit leiser stimme zu trinken. Ich reichte ihm den Becher, meine Hand zitterte. Wo bin ich? sing er nach einer Weile wieder an: Wo hat man mich hingebracht? Ich legte die Hand auf den Mund, und schwieg. Ich fürchtete zu reden, da ich in diesem Augenblick gewiss nicht über meine stimme gebieten konnte. Ich weiss nicht, ob er mich für stumm, der eigensinnig hielt – er schloss die Augen wieder, und sank auf die Kissen zurück. Jetzt kam Heliodor, nach den Wunden zu sehen. Agatokles erwachte wieder, und wiederholte seine Frage. Heliodor gab ihm Bescheid, er schien sehr zufrieden, und ein freundlicher blick, eine Bewegung seiner Hand dankte mir für den teil, den ich an seiner Pflege hatte. Seine Wunden waren, so gut sie sein konnten; der ehrwürdige Arzt empfahl ihm nichts als Ruhe, und stärkende Arzneien. Ich weinte ungesehen Tränen der reinsten Freude, aber ich wagte es nicht, länger bei ihm zu bleiben, aus Furcht mich zu verraten. Die Schwäche, die noch von den Erschütterungen des vorigen tages an mir sichtbar war, diente mir bei der Vorsteherin des Hauses zur Entschuldigung, dass ich Tabita mehr für Agatokles zu tun überliess, als ich selbst zu verrichten wagte. Ach, diese Versagung kam mich schwer genug an. Aber die Freude konnte ich mir nicht abschlagen, so viel wie möglich im Nebenzimmer zu sein, und wenigstens seine stimme zu hören.
Gegen Abend, als es bereits zu dämmern anfing, wagte ich es hinein zu gehen. Er sah mich freundlich an, und grüsste mich als seine s t u m m e W o h l t h ä t e r i n . Ich neigte mich, ohne zu antworten, und beschäftigte mich an einem Tische mit Zurechtlegen seiner Binden. Jetzt kam eine Aufwärterin des Hauses, und meldete Agatokles, einer seiner Sclaven sei da, der ihn zu sprechen wünsche. Er liess ihn kommen. Gerechter Gott! Wer kam? Ein bildschöner Knabe in niedlicher Sclavenkleidung trat ein. Das hellbraune Haar flatterte in reichen Locken um seine weisse Stirn und die blühenden Wangen. So schwebte die reizende Gestalt näher an's Betts – ich erkannte sie jetzt – es war Calpurnia! Auch Agatokles, der sie vorher verwundert angesehen hatte, erriet die Wahrheit. Er erschrak sichtbar. C a l – rief er – aber mit unbegreiflicher Fassung fiel ihm die Leichtfertige in's Wort: Callias, ja, dein treuer Callias ist's, der unmöglich von der Gefahr seines Gebieters hören konnte, ohne sich selbst davon zu überzeugen. Bei diesen Worten stand sie an seinem Bette. Er fasste ihre Hand, ich sah ihn erröten, und wieder erbleichen, ich sah die glühenden Blicke, die sie auf ihn warf, die selige Trunkenheit, mit der sein leuchtendes Auge über die reizende Gestalt hingleitete, und die schönen Formen mit Entzücken betrachtete. Ich hörte ihn jetzt ihr mit gerührter stimme für ihre Güte danken, und das Entsetzen, das mich vorher an einer Stelle gefesselt hielt, lösete sich in wilden Schmerz auf. Ein heftiges Schluchzen übermannte mich, dass die Glücklichen sich erstaunt nach mir umsahen. Ich entfloh. Ach Gott! So enden sich meine Hoffnungen!
Zwei Stunden später.
Ich hatte mir vorgesetzt, ihn nicht wieder zu sehen, sein Zimmer nicht wieder zu betreten. Ich hätte es auch gehalten; aber Tabita war bei einem andern Kranken beschäftigt, als Heliodor den Abend kam, um Agatokles zu besuchen, und so musste ich mit ihm, ihm kleine Handreichungen zu leisten. Mit scheuem Widerwillen betrat ich das Zimmer – sah ich ihn wieder, den ich einst nie anders, als mit Entzükken wieder zu sehen dachte, den ich gestern in der traurigsten Lage leblos und in seinem Blute doch freudig wiedersah! Und warum? Bin ich denn die Flatterhafte, die Leichtsinnige? Bin ich's, die ihn so tief gekränkt? O Junia! Warum scheute ich seinen Anblick? In welche seltsame Gestalten verhüllt sich oft Puls ging fieberhaft. O ich wusste wohl warum – und zitterte vor Zorn und Schmerz, dass der unbesonnene, unweibliche Schritt des leichtfertigen Geschöpfes sein Leben in Gefahr setzen könnte. Noch war unser Geschäft nicht geendet, und meine Angst, in diesem Augenblick vielleicht durch einen Zufall verraten zu werden, nicht vorbei, als der schöne Mann eintrat, der den vorigen Abend so viel Anteil an Agatokles gezeigt hatte. Die Augen des Kranken strahlten vor Freude. Constantin! rief er, und der Fremde stürzte an seine Brust. Sie hielten sich lange umarmt. – Das war also Constantin, der Sohn des abendländischen Cäsars, der Agatokles einst das Leben rettete! Nun war mir seine Teilnahme am vorigen Abend erklärbar. Wie teuer ward er mir