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Herrn nicht verlassen; ein strenger Befehl gebeut Gehorsam, und man lässt ihn mit seinen Geretteten ungehindert fliehen. Aber Agatokles wird das Opfer ihrer Wut. Schwer und vielfach verwundet sinkt er nieder, und wie sein Mantel sich auseinander schlägterkennen die nächsten mit Schrecken, dass sie einen Offizier der Leibwache getödtet haben. Sie entfliehen, der erschrockene Haufe zerstreut sich. Agatokles bleibt allein im Blute schwimmend liegen. Der Sclave war sogleich in das Quartier seines Herrn geeilt, und verkündete den treuen Soldaten die Gefahr ihres Anführers. Sie stürmen hinausaber wie sie auf den Platz kommen, ist Alles einsam, und mit Schrecken und Schmerz finden sie seine Leiche. Sie nähern sicher atmet noch, mit roher Kunst sucht ihre Liebe das Blut seiner vielen Wunden zu stillen, und einige von den Soldaten, geheime Christen, beschliessen, ihn an den besten Ort, den sie für diesen Fall kennen, zu bringen, in das Wittwenhaus der Christen, die sich in der Nähe der Stadt mit Werken der Wohltätigkeit beschäftigen, und bei denen in diesen Tagen schon mancher Unglückliche Schutz gefunden hat. Die Wachen am Tor lassen sie ziehen, da sie ihr Vorhaben hören, und nun eilt der Sclave zurück, mir die Unglücksbotschaft zu bringen. Mir öffnet mein Name die geschlossenen Stadttore, ich fliege zu meinem Freund. Bleich, ohne Bewegung, ohne Bewusstsein finde ich ihn unter den Händen zweier Frauen, von denen die jüngere, in Tränen zerfliessend, kaum so viel Besonnenheit übrig hatte, um den Verwundeten zu behandeln. Nie sah ich eine solche Rührung bei einer Unbekannten. Ich trat zu Agatokles, ich fasste seine Hand, ich nannte seinen Namen, endlich schlug er das müde Auge auf, blickte starr um sich her, ohne etwas zu erkennen, und schloss es sogleich wieder. Jetzt schien die Bewegung der Fremden sich noch zu vermehren, sie zitterte so stark, dass ich ihr riet, sich lieber zu entfernen, wenn ihr der Anblick vielleicht zu schauderhaft wäre. Sie sah mich starr und wild an. "Um keinen Preis der Weltnicht um meine Seligkeit!" antwortete sie heftig mit bebender stimme, und fuhr emsiger in ihrem traurigen Geschäft fort. Der Arzt kam, ein bejahrter Priester, er untersuchte die Wunden, mit Angst sah ich seinem Urteil entgegen. Blässer als der Verwundete, mit einem Zittern, das ihren ganzen Körper fieberhaft erschütterte, harrte die Frau auf seinen Ausspruch. Er erklärte endlich, dass die Wunden zwar bedenklich, aber nicht tödtlich seien. Hier sank die Unbekannte mit einem Freudengeschrei ohnmächtig nieder, und man musste sie wegbringen. Ich blieb noch eine Weile, ich erkundigte mich nach der Fremden, deren Betragen mir so seltsam aufgefallen war. Nichts, was ich hörte, vermochte mir eine Aufklärung zu geben, oder eine Vermutung zu begründen. Agatokles erholte sich nicht so weit, dass er eines vollen Bewusstseins fähig gewesen wäre, und so entfernte ich mich endlich, um nicht meine eigne Sicherheit in Gefahr zu setzen, und schreibe dir also gleich die Ereignisse dieses merkwürdigen Tages. Was in meiner Seele vorgeht, kannst du denken; du weisst, was mir die Sache meiner Glaubensgenossen, meine künftigen Aussichtenund Agatokles sind.

Die Nacht ist vorgerücktder Bote wartet. lebe' wohl!

70. Teophania an Junia Marcella.

Nikomedien, den 24. Februar 303.

Zitternd, angstvoll, jetzt mit freudigen Schauern, jetzt voll banger Besorgnisse setze ich mich nieder, dir von dem wunderbarsten, dem teuersten, dem bängsten Augenblicke meines Lebens Nachricht zu geben. Eine Wand scheidet mich von Agatokles, ich höre sein leises Atmen, jeden laut des Schmerzes, den sein Zustand ihm entreisst. Ich fahre freudig empor, wenn ich glaube, dass er ruft, dass er meiner bedarf, und ich zittre jedes Mal, dass er trotz der sorgfältigsten Verhüllung mich erkennen, und diese Erschütterung ihm tödtlich sein könnte. Du begreifst nicht, wie das zusammenhängt. Ach, wenn es mir möglich ist, mein tiefbewegtes Gemüt zu sammeln, so will ich mich bemühen, Alles, was seit gestern geschehen ist, ordentlich zu erzählen. Was noch fehlt, was unzusammenhängend ist, wird deine Liebe nachsehen.

Die traurigen Auftritte des gestrigen Tages wirst du mit mir und allen unsern Glaubensgenossen geteilt haben, indem das Gerücht allgemein verbreitet ist, dass derselbe Schlag an Einem Tage in allen Städten des Reichs bestimmt war, die christliche Religion zu zerstören. Ich sage dir also nichts von unsern Gedanten uns stille in unsern Mauern, brachten die Zeit mit Gebeten und Verpflegung der Unglücklichen zu, die die blutigen Vorfälle des Tages nur zu häufig zwangen, bei uns hülfe zu suchen, und erwarteten jeden Augenblick, dass der Sturm sich bis zu uns verbreiten, und wir gezwungen sein würden, unsern stillen Aufentalt zu verlassen.

Müde von den Sorgen und Pflichten des bangen Tages sass ich am Abend, als es schon ganz finster geworden war, in meinem Zimmer, dessen Fenster gerade auf das gegenüber stehende Tor1 gehen. Ein heftiges Pochen an demselben erschreckte mich, ich sah die Pforte sich öffnen, und viele Männer, die ich beim Schein der fackeln an ihren Rüstungen für Soldaten erkannte, drangen herein. Ich glaubte nichts anders, als dass es jetzt um uns geschehen sei, ich eilte an's Fenster, die Stille, die Ruhe, mit der die Krieger standen, befremdete mich, ich sah schärfer hin, und entdeckte nun