, die durch die Tore ein- und ausziehen. Wie manches Mal mag Er an ihrer Spitze gewesen sein! Das schärfste Auge könnte in dieser Entfernung keine Gestalt unterscheiden, aber der Gedanke daran erschüttert mein Innerstes, und macht jede Nerve beben.
Unter den Frauen, mit denen ich lebe, ist die witwe eines Freigelassenen aus dem Pisonischen haus. Verschiedene Schicksale haben sie von Rom hierher geführt, aber ihre Tochter Drusilla blieb aus anhänglichkeit freiwillig in Calpurniens Diensten. Das junge Mädchen, auch eine Christin, besucht ihre Mutter zuöfters von der Güte und Freundlichkeit ihrer Gebieterin, von dem wenigen Credit, in dem das männliche Geschlecht bei ihr steht, und dass sie nur höchstens Einen, einen Offizier der Leibwache, den sie schon in Rom gekannt, und nicht ungern gesehen habe, von der allgemeinen Verdammung ausnehme. Dann beschreibt sie uns manche kleine Unterhaltung, manches trauliche Symposion1, wobei der geschätzte Freund nicht fehlen darf. So bekamen wir die Schilderung eines Festes, das Calpurnia ihrem ruhmbekleideten Geliebten zu Ehren gab. Das fest muss unausbleiblich einen gewaltsamen Eindruck auf sein Herz gemacht haben, oder er müsste unempfindlich gegen so mächtige Reize, und mehr als demütig, er müsste blind gegen seinen Wert sein. Drusilla hatte selbst eine Rolle dabei, und sie mag sie ganz geschickt ausgeführt haben, denn es ist ein artiges wohlgebildetes geschöpf, dem man die bessere Erziehung ansieht. Das ist Calpurniens Werk, sagt die Mutter, sie hat sich des Mädchens wie eine ältere Schwester angenommen, und Drusilla ist ihr auch dafür mit ganzer Seele ergeben.
Und so ist denn der letzte Strahl von Hoffnung verschwunden! Calpurnia ist nicht allein höchst reizend und liebenswürdig, sie ist auch edel und schätzbar. Agatokles wird sich nicht bei näherer Kenntniss ihres Charakters kalt von ihr wenden, er wird sie immer mehr lieben, je mehr er sie kennen wird, und geistige Vorzüge werden das Band unauflöslich machen, das körperlicher Reiz und schmeichelndes Betragen um sein Herz warf. Und darüber traure ich? Es schmerzt mich, dass Calpurnia g u t ist? Ich hätte mich freuen können, dass eine person, die mich nie mit Willen beleidigt hatte, unedler Gesinnungen fähig gewesen wäre? Mich beeinträchtigt das Gute, was ein dankbares Gemüt von ihr erzählt? O Neid und Eifersucht, ihr Geburten der Eitelkeit und Selbstsucht! So muss auch ich euren giftigen Einfluss fühlen! So ist denn die Tugend, auf die ich stolz sein zu dürfen glaubte, nichts als Heuchelei, oder Schein gewesen, der vor einer ernsten probe entflieht! O Junia! Wie gebrechlich ist das menschliche Herz! Welche Hoffnung bliebe ihm auf Verzeihung und Gnade, wenn es nicht mit zitterndem Vertrauen zu dem väterlichen Erbarmen Gottes flüchten könnte!
Diese Stimmung darf nicht bleiben, sie ist nicht menschlich gut, viel weniger einer Christin würdig. Wo meine Kraft nicht ausreicht, halte mich ein stärkerer Arm. Heliodor kommt morgen von einer kleinen Reise zurück. So viel Ueberwindung es mich kosten mag, so wenig Schonung ich von diesem strengen Richter hoffen darf, so entülle ihm doch ein offenherziges geständnis den Zustand meiner Seele, und seine ernste Tugend zeige mir den Weg, auf dem ich mich wieder erheben, und Selbstachtung gewinnen kann.
Einige Tage später.
Ich bin viel ruhiger in meinem inneren. Leicht war diese Stille nicht erworben, doch ich hoffe, sie soll dauerhaft sein. Heliodors Strenge hat mich gebeugt, vernichtet. Aber wie die Pflanze nach dem schweren Gewitterregen sich am Strahl der Abendsonne aufrichtet, so richtet sich auch mein Geist durch versöhnende Reue, und feste Vorsätze gestärkt empor. Ich habe mich selbst überwunden, ich habe mein innerstes Wesen zum Opfer auf den Altar der Pflicht gebracht, und der himmlische Lohn folgt auf den Kampf. Ich kann nun zwar nicht mich über Calpurniens Edelmut und ihre Verbindung mit Agatokles f r e u e n – ach das ist noch nicht möglich! – aber ich kann bei der Gewissheit, dass ich ihn verloren habe, einige Beruhigung in dem Gedanken finden, dass er mit ihr glücklich sein wird.
Heliodor hat mir zur Sühnung meines Vergehens
eine Pflichtübung auferlegt, die mir wahrlich sehr schwer fällt, die nur die erkenntnis ihrer Verdienstlichkeit mich anfangs ertragen machen konnte. Ich war bisher von der Krankenpflege befreit, meine Erziehung, meine Erfahrung in weiblichen arbeiten beich widmete mich gern dieser Beschäftigung. Jetzt muss ich aus Heliodors B e f e h l – denn seine überzeugung spricht sich nicht, wie bei unserm ehrwürdigen Vater Teophron, als Rat oder Ermahnung aus – ich muss auf seinen Befehl mich der Pflege der Kranken widmen, und da er mir, meiner vorigen Verhältnisse wegen, Kenntniss in äussern Verletzungen zutraute – o welche Scenen rief dies Gespräch hervor! – so muss ich unter seiner und einer betagten Matrone Anleitung die Verwundeten besorgen. O meine Junia! das war eine schreckliche Aufgabe! Das erste Mal trug man mich ohnmächtig weg. Aber Heliodor war unerbittlich. In einer unvergesslichen Stunde führte er mir die Heiligkeit der Pflicht, das Beispiel unsers Erlösers, die schimmernden Taten so vieler Christen mit einer Beredtsamkeit zu Gemüte, dass ich endlich, in Tränen zerfliessend, in seine Hand den Schwur niederlegte, meinem Berufe treu zu bleiben, und sollte es mir Gesundheit und Leben kosten.
Seit dem geht es merklich besser. Ich habe ziemlich viel Uebung; denn die Grausamkeit der Heiden lässt es nicht an Unglücklichen fehlen, die der hülfe unseres Hauses bedürfen. Mein Widerwille verliert sich, meine Geschicklichkeit nimmt