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von dort erst auf einem Umwege nach Nikomedien gehen. Sobald ich in meiner stillen Freistätte angelangt bin, werde ich dir schreiben. lebe' wohl!

Fussnoten

1 Diaconissinnen waren christliche Wittwen, welche in den Kirchen, besonders bei der Taufe weiblicher Katechumenen dienten.

67. Agatokles an Phocion.

Nikomedien, im Februar 303.

Das Gewitter zieht sich von allen Seiten zusammen. Bald ist es nicht mehr möglich, seinen Schlägen auszuweichen; so werde ich ihnen denn mit männlichem Mute begegnen. Gestern liess der Präfect der Leibwache mich rufen. Vielfache Neckereien, in denen der Sinn des kaiserlichen Edicts überschritten wurde, haben die lange Geduld der unglücklichen Christen ermüdet. Es sind hie und da unruhige Auftritte vorgefallen, und diese wahrlich natürlichen Regungen der Selbsterhaltung brandmarkt die Tyrannei mit dem Namen Rebellion. Man bot die bewaffnete Macht gegen sie aufmit ungleichem Erfolge. An einigen Orten wurden die Verfolgten das Opfer der Uebermacht, an andern musste der kleine Haufe der Soldaten der Ueberzahl der Unglücklichen weichen, die ihr Teuerstes und Höchstes mit der Wut der Verzweiflung verteidigten. Man hat nun beschlossen, wirksamere Maassregeln zu ergreifen, und ich sollte mit ein paar Centurien, die ich mir aus den geprüftesten Kriegern selbst auswählen durfte, nach Cäsarea, wo die Misshandlungen des Stadtpräfecten dem Bischof, einem ehrwürdigen Greis, bereits das Leben gekostet, zwungen hatten.

Hier zu schweigen war unmöglich. Aber die Pflicht des Sohnes gebot, das nicht mehr zu verhehlende geheimnis dem Vater wenigstens zuerst zu entdecken. Ich bat mir Bedenkzeit aus, und kündigte meinem Vater meinen Entschluss, den Auftrag nicht zu übernehmen, und die Ursache desselben an. Er wütetedas hatte ich vorhergesehener drohte mit Enterbung und Fluchich war darauf vorbereitet, es schreckte mich nichter verbannte mich zuletzt aus seinen Blicken, und verbot mir, sein Haus je wieder zu betreten. Ich würde unwahr sein, wenn ich behaupten wollte, dass mich dies Betragen nicht geschmerzt habe; aber es schmerzte mich mehr um seinetwillen, denn ich fürchtete die schädliche wirkung des Zorns für den abgelebten Greis. Von ihm ging ich zum Präfecten der Leibwache, und erklärte ihm, warum ich unmöglich gegen die Christen streiten könnte. Er schien eben so erstaunt als aufgebracht, und nachdem er sich in Drohungen mit der Ungnade des Kaisers, mit Verlust meiner Stelle, und in leerer Wiederholung aller der seichten Beschuldigungen gegen das Christentum, die man gewöhnlich vorbringen hört, erschöpft hatte, machte er zuletzt einen Versuch, mich zu bekehren. Ich hatte meines Vaters Zorn und Fluch ertragen, kaum konnte das Beginnen des Präfects mir mehr als ein Lächeln abnötigen. Ich bat ihn zu tun, was seine Pflicht in diesem Falle von ihm fordern würde, und das Uebrige meiner überzeugung zu überlassen. So verliess ich ihn.

Als ich in dem Quartier meiner Kameraden angelangt war, brachten die Sclaven meines Vaters alle meine Gerätschaften, Bücher, Waffen, Kleider. Mein Vater wolle nichts mehr von mir wissen, er habe keinen Sohn mehr; diese Botschaft gab er den Sclaven mit, und dachte mich dadurch sehr tief zu kränken. Mich rührte die Trauer und Liebe, die diese guten Menschen mir zeigten, und mein Herz öffnete sich mildern Empfindungen. Am Abend langte ein Brief aus Nicäa an. Teophania war verschwunden, Niemand wusste wohin. In Lysias haus wird ein tiefes Schweigen darüber beobachtet. Heliodor hat sie begleitet. Marcius Alpinus ist einige Tage vorher nach Cäsarea abgereist. Sollte sie ihm dahin gefolgt sein? Unmöglich! Heliodor kann die Frau, die sich seinem Schutze übergab, die er in's Haus seiner Verwandten brachte, nicht einem Marcius Alpinus in die arme führen; sei sie übrigens, wer sie wolle! Ihr Geschick beunruhigt mich. Ich kann den Gedanken, den ich einmal von ihr gefasst habe, nicht aufgeben, und jetzt, da sie auf's Neue für mich verloren scheint, wird er mir wahrscheinlicher als jemals.

Wahrlich, es hätte dieses Zusatzes nicht bedurft, um meine Lage höchst unangenehm zu machen. Indessen soll nichts mein Bewusstsein erschüttern. Ich weiss, was ich zu tun habeob es schwer oder leicht sei, darf ich nicht fragenes m u ss geschehen! Jeder, der in dieser Zeit sich als Christen bekennt, hat einen viel härteren Stand, als die längstbekannten Glaubensgenossen. Man sieht ihn gleichsam als einen trotzigen Rebellen, als einen offenbaren Verächter des kaiserlichen Gebotes an. So geht es mirso würde es Constantin gehen, der auch in diesen entscheidenden Augenblicken dem Augustus seine wahre Gesinnung entdecken müsste, wäre er nicht der Sohn des Cäsars. Misstrauen und Hass umlauert uns von allen Seiten, selbst die Briefe sind nicht sicher. Solltest du lange keinen erhalten, so denke, dass es mir unmöglich war zu schreiben, oder das Geschriebene sicher abzusenden. lebe' wohl!

68. Teophania an Junia Marcella.

Nikomedien, im Februar 303.

Seit zwei Wochen bin ich hier, eine Viertelstunde von Nikomedien entfernt. Von dem flachen Hausdache sieht mein Auge die nahe Stadt, die Giebel ihrer prächtigen Tempel, die ehrwürdigen Türme unsrer Kirchen, von denen leider jetzt kein laut zu uns herüber tönen darf. Linker Hand gegen das Stadttor zu, das an's Meeres-Ufer führt, liegt das Quartier der kaiserlichen Leibwache. Dort wohnt Agatokles. Ich sehe den Rauch aus den Essen steigen, ich höre an stillen Abenden die kriegerische Musik herüberschallen, ich entdecke zuweilen schimmernde Schaaren