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allen Dingen den Erscheinungen in dieser Welt die trügerische Maske abziehn, die ihnen Vorurteil, leidenschaft, Phantasie anlegen, und dann, wenn wir den schrecklichen Riesen auf seine wahre Zwerggestalt herabgebracht haben, zusehen, wie wir mit ihm fertig werden wollen. Jetzt will ich dir auch eine Stelle aus deinem ersten Briefe, die mich damals fast ein wenig verdross, parodirend zurückgeben. "Lass uns den eiteln Stolz auf Systeme aufgeben," schreibst du. "Wir sind nicht, was wir wollen, sondern was wir k ö n n e n ." Lass uns, sage ich dir, nicht hinter Entschuldigungen des Unvermögens flüchten, wo wir tätig sein, und handeln sollen! Wie oftich gebrauche mich der Waffen deines grossen stoischen Lehrerswie oft ist N i c h t w o l l e n die Ursache, N i c h t k ö n n e n der Vorwand!2

Sieh, Sulpicia, ich fühle, dass Agatokles mehr Bedeutung für mich bekommen könnte, als nach der Kenntniss, die ich von seinem Herzen und unsern gegenseitigen Verhältnissen habe, mit meiner Ruhe bestehen kann. Ich sage es aufrichtig; denn warum sollte ich mich der Neigung zu einem der edelsten Sterblichen schämen? Aber eben darum werde ich mich und ihn strenge bewachenund nie soll leidenschaft und ausschliessende Liebe die schöne Stille stören, in der allein mir so wohl ist. Freundschaft, achtung, zwangloser gebildeter Umgang, das ist Alles, wessen ich bedarf, um glücklich zu. bleiben. Das wollte ich suchen, das habe ich gefunden, und will es mir erhalten. lebe' wohl!

Fussnoten

1 Temistokles hat bei der Statue des Miltiades, der die Perser überwand, als Jüngling Tränen des Ehrgeizes geweint, und dann später die Perser, wie jener, geschlagen. 2 S e n e c a in seinen Episteln: Nolle in causa est, non posse praetenditur.

7. Sulpicia an Calpurnien.

Bajä, im Februar 301.

Was soll ich sagen, Calpurnia? Soll ich mehr das Glück deines frohen Sinnes bewundern, oder deine ungeheure Anmassung bedauernd anstaunen? Du fängst an zu lieben, ja du liebst bereits, du bleibst in der Gegenwart des geliebten Gegenstandes, und darfst es wagen, deinen Gefühlen so nahe, oder überhaupt nur einige Grenzen setzen wollen? Entweder du irrest schrecklich, und wirst nur zu früh aus deinem sorglosen Schlummer erwachen, oderdu bist die glücklichste Sterbliche, die jemals gelebt hat, und leben wird. Aber du, die du unsre Tragiker auswendig weisst, kennst du die Stelle nicht: Ich fürchte die Götter, wenn sie allzugünstig sind?1

Dass du und Agatokles einander näher kommen, dass ihr euch, trotz des Contrastes, oder eben um des Contrastes eurer Gemüter wegen, wechselseitig anziehen würdet, das habe ich vorgesehen, als Tiridates mir nebst der Schilderung seines Freundes, die Nachricht brachte, dass er als Gastfreund in eurem haus lebe. Dass du aber auch mit dieser Empfindung, mit der Neigung zu einem Agatokles, wie bisher mit allen übrigen, nach Gefallen zu spielen, sie zu' lenken wartet. Was denkst du denn von der Liebe? Welche Begriffe machst du dir von ihr? O dass die stimme einer unglücklichen Freundin die Kraft hätte, dich zu warnen, da es noch Zeit ist! Ja, die Liebe ist die schönste, die seligste Empfindung, deren das menschliche Herz fähig ist; sie ist es, die den armen Sterblichen auf Augenblicke seiner dürftigen Existenz vergessen lässt, und ihn in den Aufentalt der seligen Götter zu ihren Freuden entzückt. Aberdiese Freuden sind nicht für den Sohn der harten Erde, für das zu Mühe und Sorgen bestimmte Geschlecht des Deucalion2 gemacht! Die Götter strafen den Eingriff in ihre Rechte, und stossen den Frevler, der in dieser sterblichen Hülle sich an ihren Tisch drängen wollte, in den Tartarus hinab. Sieh hier den wahren Sinn der Fabel des Tantalus, oder Prometeus, der den himmlischen Funken stahl, um die Gebilde seiner Hand damit zu beleben! Nicht das stolze, kalte Vorrecht der Vernunft, die Seligkeit der Liebe, die ganz eigentlich das Glück des denkenden Wesens ausmacht, war es, womit er seine Geschöpfe weit glücklicher zu machen dachte; aber die Himmlischen straften den Raub, und Prometeus büsste durch unendliche Martern, was er in einem schönen Augenblick verbrach.

Ja, unendliche Martern liegen unter den reizenden Blumen der Liebe verborgen! Das fühle ich, das wirst auch du fühlen, und darum möchte ich warnen, rufen, flehen: Ziehe dich zurück, so lange es noch Zeit ist, wenn du nicht die grösste, Wahrscheinlichkeit eines glücklichen. Erfolges hast; siehst du aber den, liebt dich Agatokles, wie du ihn, stellt sich eurer Verbindung kein anderes Hinderniss in den Weg – o dann gehe hin, du Liebling der Götter, geniesse deines Glückes, unbeneidet von der trauernden Freundin, der kein so schönes los fiel, die aber an deiner Freude sich mit freuen wird! Geniesse es, aber gedenke der Nemesis3, und lass die heilige Scheue, die Furcht, es zu verlieren, dir seine Dauer versöhnend sichern!

O meine Calpurnia! Wie will ich mich freuen, wenn ich dich glücklich weiss! Du bist edel, gut, schön, liebenswürdig: vielleicht haben die Götter dich zu dem höchsten Glück bestimmt, das ihre Huld dem Menschen geben kann. Sein Abglanz soll meine Nacht erhellen