Karoline Pichler
Agatokles
1. Calpurnia an Sulpicien.
Rom, im December 300.
Welcher Einfall von Sulpicien, in diesen Tagen auf's Land zu gehen, und den Zeitpunkt, worin die Hauptstadt der Welt in ihrem glänzendsten Lichte erscheint, auf einer einsamen Villa am Ufer der See zuzubringen, die in dieser Jahreszeit von Stürmen gepeitscht und mit Nebeln bedeckt ist! Was, um aller Götter willen, kann sie dort halten? Wie ist es möglich, allen Freuden und Herrlichkeiten der Saturnalien1 zu entsagen, um in der abgeschiedensten Einsamkeit sich selbst zu leben?
Sich selbst! nicht doch. Wer das nicht besser wüsste! Lass immerhin die Welt ist jene Ausrufungen ausbrechen, und vergebens raten, was dich jetzt in jene Stille lockt: sie soll und darf die heimlichen Reize nicht kennen, die deine Verborgenheit verschönern. Das ist recht und in der Ordnung. Aber dass du auch mir ein geheimnis daraus machen willst, das kann ich dir nicht verzeihen. Ich darf ja nur E i n e n N a m e n nennen, um dein Gesicht mit dem schönsten Purpur zu überziehen, und dich, falls du den Brief in Gegenwart einer gewissen person liefest, noch reizender zu machen! Aber da würde dir ja ein Augenblicke nicht. Es sei dir genug, zu wissen, dass ich von Allem unterrichtet bin, und deine Zurückhaltung dir nichts nützt. Wahrlich, du machst deine Sachen schlau und gut! Unter dem Verwande der Sorgfalt für deine Landwirtschaft erhältst du von deinem mann die erlaubnis, und einen grossen Dank obendrein, jetzt auf deine Villa zu gehen, um den nachlässigen Verwalter zu überraschen, und – während der gute Ehemann in Rom die Emsigkeit seiner Frau nicht genug rühmen kann, hat sie sich nur gelegenheit verschafft, ihren Liebling ganz ungestört und nach Gefallen zu sehen.
Doch Scherz bei Seite, liebe Freundin! Die Sache hat eine viel zu ernste Seite, als dass ich länger in jenem Tone fortfahren könnte. Wie war es dir möglich, diesen Schritt zu wagen, und die Augen ganz vor den Folgen, die er wahrscheinlich haben wird, zu verschliessen? Tiridates ist liebenswürdig, tapfer, edel, seine königliche Abkunft, sein und seiner Familie Unglück macht ihn anziehend, und ich begreife wohl, dass er einem feinfühlenden gebildeten weib, besonders einem, das leider in seinem haus nichts solches aufzuweisen hat, gefährlich werden kann; ich begreife, dass du ihn liebst: und dass er dich, die schöne geistreiche Frau, dafür anbetet, ist nicht mehr als seine Schuldigkeit. Aber muss man darum so halsbrechende Dinge wagen? Du konntest ja den armenischen Prinzen täglich in deinem haus sehen. Dein Mann, ich weiss es, schätzt sich's zur Ehre, den Liebling des Cäsar Galerius2 seinen Freund nennen zu können. Er prahlt damit, er gibt sich das Ansehen, die Absichten des Prinzen durch sich und seine Freunde an den Höfen von Mailand und Nikomedien zu unterstützen, und wenn einst Tiridates den Tron seiner Väter besteigt – gib Acht – dein Serranus lässt dann nicht undeutlich merken, dass ohne ihn das Alles wohl nicht geschehen wäre. Was trieb dich denn also fort? Was bewog dich, jetzt nach Bajä zu gehen, wo dein Umgang mit Tiridates weit mehr auffallen muss, als in Rom, und deine häusliche Ruhe, deinen Ruf vor der Welt auf's Spiel zu setzen? Wenn dein Mann, der, wie alle eitle Menschen, eifersüchtig ist, erfährt, was auf seiner Villa vorgeht, (und wie leicht ist das nicht, da deine Leute darum wissen müssen?) wird er nicht toben, rasen und ein aufsehen machen, das dich dem boshaftesten Gelächter der Stadt Preis geben, dir die herrschaft über ihn, die allein deine häusliche Ruhe sichert, entreissen, und dir den Aufentalt bei ihm vollends unerträglich machen wird? Willst du dich dann von ihm trennen? Wird das dein Vater zugeben, der in die Verbindung mit der Anicischen Familie seinen Stolz setzt? Und was steht dir dann für ein Leben bevor?
Es ist wahr, du kannst in Nom deinen Tiridates weder so oft noch so ungestört sehen, als dein Herz wünschen mag. Dein Mann, die Freunde deines Mannes, deine Verwandten, die dich besuchen, sind öfters zugegen. Das ist aber auch das einzige, was du zu ertragen hast, und – aufrichtig gesprochen – liegt nicht selbst in dieser Störung, in diesen Entbehrungen ganz eigentlich die Würze der Liebe, die wohl ohne sie gewiss nicht halb so warm und reizend sein würde?
Du nennst mich immer die Leichtsinnige, die Epikuräerin; aber du kennst entweder die Lehren dieses Weisen nicht in ihrem ganzen Umfange, oder du schliessest die Augen absichtlich vor ihrem Wert. Kluges Maass, sparsamer Genuss der Freude, Kraft zur Entbehrung des Liebsten, wenn es die Vernunft fordert, das ist es, was man in seiner Schule lernt, die bei weitem nicht so leicht, so locker ist, als du glaubst. Ich an deinem platz, zum Beispiel, würde nicht nach Bajä3 gegangen sein, ich würde mir den Genuss der Freuden, die mich dort erwarteten, aus grundsätzen versagt haben, und meinen Geliebten lieber seltner, und mit minderer Freiheit sehen, um ihn i m m e r sehen zu können; den grossen Vorteil abgerechnet, dass unsre gegenseitige Liebe dann viel länger neu und anziehend geblieben, und mit dem grossen Reize der Heimlichkeit gewürzt gewesen wäre.
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