, als dem Rate meines Pflegevaters zu folgen? Die Lektion, die mir für meine Eitelkeit geworden war, tief empfindend, fasste ich den Entschluss, gar nicht weiter an meine Geburt zu denken. Dies gelang mir auch so gut, dass ich nur durch den Tod des geheimen Rats (der ungefähr ein halbes Jahr darauf erfolgte) an die Neugierde zurück erinnert wurde, die mich einen monat hindurch so eigentümlich gequält hatte. Als ich die Nachricht von diesem tod erhielt, war mir zu Mute, wie einem, der nicht in den Besitz des versprochenen Schatzes gelangt ist, weil seine Wünschelrute nichts taugte.
Ich war um so gelassener, weil um diese Zeit mein Kopf in eben den Wirbel gezogen wurde, worin sich die Köpfe aller jungen Mädchen von meiner Bekanntschaft dreheten. Nichts ergreift eine weibliche Einbildungskraft so heftig und sicher, als die lebendige Vorstellung des schönen Zukünftigen. Die ganze Gegenwart versinkt, wenn von etwas Schönen die Rede ist, das mit Gewissheit erwartet werden kann; ist dies Schöne aber vollends ein Mann, so dürfte in der Zusammensetzung des Weibes schwerlich etwas entalten sein, das verlorne Gleichgewicht sogleich wieder herzustellen. Wie fest ich auch war, und wie noch weit fester ich mich auch glaubte, so verlor ich doch die Tramontane, so bald ich nicht umhin konnte, die Freude zu teilen, welche das fräulein Z... über die Zurückkunft ihres Bruders aus Italien empfand. Dies hing auf folgende Weise zusammen:
Ungefähr um eben die Zeit, wo meine Pflegeeltern mit mir in die Hauptstadt gezogen waren, hatte sich die Frau von Z... mit ihrer Tochter daselbst niedergelassen. Das fräulein war von meinem Alter, und ihre nächste Bestimmung fiel mit der meinigen zusammen, in sofern wir unsere letzte Ausbildung in der Nähe eines Hofes erhalten sollten, der in dem Rufe stand, der allergesittetste in Deutschland zu sein. Unsere Bekanntschaft war bald gemacht, und die Verschiedenheit unserer Charaktere brachte es mit sich, dass wir Freundinnen wurden. Unruhig, heftig, witzig, in ihrem Witze nicht selten beleidigend, und aus allen diesen Gründen zusammengenommen eben so oft von sich selbst, als von der Welt verlassen, bedurfte Adelaide (so hiess meine junge Freundin) einer Stütze, die sie nur in einem so sanften, stetigen und verständigen Wesen finden konnte, als ich nun einmal war. Ich meiner Seits bedurfte eines starken Reizes, um mir, bei dem gänzlichen Mangel glänzender Eigenschaften, der inneren Güte meiner natur bewusst zu werden; und da ich diesen Reiz vorzüglich in Adelaiden fand, so suchte ich sie wenigstens eben so sehr, als ich von ihr gesucht wurde. Unsere Freundschaft war weit davon entfernt, eine leidenschaftliche zu sein; aber gerade weil ihr dieser Charakter fehlte, war sie nur um so zuverlässiger und traulicher. Bisweilen musste es das Ansehn gewinnen, als ob ich für Adelaiden alles dasjenige wäre, was der Mann, als Intelligenz und moralische Kraft genommen, dem weib ist; allein da das Weib, seinem geistigen Wesen nach, nie ein Mann werden kann, so geschah es nicht selten, dass sich unser verhältnis umkehrte. Es waren zwei Talente in Adelaiden, welche dies bewirkten: nämlich das musikalische und das poetische. Ich fühle, dass ich mich hier sehr unvollkommen ausdrücke; aber ich will versuchen, die Sache selbst ohne Kunstausdrücke zu fixiren.
Adelaide hatte eine ungemeine Fertigkeit auf dem
Claviere, und liebte es, Proben ihrer Geschicklichkeit abzulegen. In dieser Hinsicht passten wir vortreflich zusammen; denn da ein solches Talent nicht in mir war, und meine Liebe für Musik darunter gar nicht litt, so halfen wir uns vortreflich aus, Adelaide mir, indem sie mir etwas vorspielte, ich Adelaiden, indem ich mich ihrer Kunst hingab, und diese von Zeit zu Zeit durch meine stimme verschönerte. Ausserdem fand meine Freundin sehr viel Vergnügen am Versemachen. Dies war, genau genommen, ihre schwache Seite; allein da das, was unsere schwache Seite ausmacht, uns immer am meisten am Herzen liegt, so suchte Adelaide für diesen teil ihrer Beschäftigung – soll ich sagen Bewunderung und Lob, oder Entschuldigung und Nachsicht? und ein sehr richtiger Instinkt sagte ihr, dass sie eins wie das andere nie erhalten könnte, wenn sie einen Mann zu ihrem Vertrauten machte. Es mochten Verse sein, was sie meiner Beurteilung vorlegte; Poesie aber war es gewiss nicht. Adelaidens ganze Zusammensetzung verhinderte sie, eine Dichterin zu werden; es fehlte ihr vor allen Dingen an dem Phlegma, das dazu, wie zur Ausübung jeder anderen schönen Kunst, erforderlich ist; mit allen poetischen Ideen, die ihr beiwohnten, konnte sie nie dahin gelangen, auch nur ein erträgliches lyrisches Ganze zu schaffen. Indessen passten wir auch in dieser Hinsicht herrlich zusammen. War in ihr die Erhebung, welche zu freien Schöpfungen führt, so war in mir die Ruhe, welche diese Schöpfungen vollendet; und nachdem ich das Mechanische des Versbaues weg hatte, fehlte es mir nicht an Kraft, meiner Freundin da nachzuhelfen, wo sie von ihrer Unvollkommenheit in Stich gelassen wurde. Auf diese Weise lebten wir ohne alle Eifersucht, mehr als Schwestern, denn als Freundinnen, bis die Ankunft ihres Bruders unseren gegenseitigen Gefühlen eine andere Wendung zu geben versprach.
Von diesem Bruder war dann und wann die Rede gewesen; aber ohne bemerkbare Wärme und ohne Entusiasmus, ungefähr so, wie man von Personen spricht, die man zwar liebt, mit denen man aber zufälligerweise in solchen Verhältnissen lebt, dass