Abkunft verschafft hätte. Ich wunderte mich, dass ich einen so gesunden Gedanken nicht längst gehabt hätte. "Man nennt dich," sagte ich zu mir selbst, "allentalben fräulein Mirabella; dies setzt voraus, dass deine Eltern von Adel gewesen sind. Warum ist aber nie von deinen Eltern die Rede? Du kannst doch kein isolirter Strahl sein. Die ganze Welt um dich her gibt zu, dass du es nicht bist, und doch wirst du wiederum durch die ganze Welt gezwungen, dich dafür zu halten." Mit solchen Ideen wandte ich mich an meinen Pflegevater, zum voraus überzeugt, dass er mir kein geheimnis aus meiner Geburt machen würde, wofern er nur selbst davon unterrichtet wäre. "Sie wissen, mein teuerster Vater," redete ich ihn an, "wie grenzenlos meine Liebe und achtung für Sie ist. Hatte je ein menschliches geschöpf ursache, mit seinem Geschick zufrieden zu sein, so hab' ich alle möglichen Bewegungsgründe, das meinige zu segnen; der Zufall, der mich Ihrer Pflege übergab, war in jedem Betracht ein beglückender. Allein, da ich nur Ihre geistliche Tochter bin, und von der ganzen Welt, Sie selbst nicht ausgenommen, als solche behandelt werde: so sagen Sie mir doch endlich, wer die eigentlichen Urheber meines Daseins sind. Ich weiss nicht, ob ich irgend etwas für sie werde empfinden können; denn alles, was von Dankbarkeit und Liebe in mir ist, haben Sie und meine teure Pflegemutter unstreitig für immer in Beschlag genommen. Aber mich drückt das Geheimnissvolle meiner Geburt; und der Wunsch, den Schleier, der auf ihr ruht, gelüpft zu sehen, wird um so lebhafter, je öfter ich bemerke, welchen hohen Wert man auf die Abkunft legt, und wie man auch mich, um meiner vorausgesetzten guten Abkunft willen, auszeichnet. Es ist mir, als wenn mein Inneres gewinnen würde, so bald die Ungewissheit, worin ich über diesen Punkt bisher gelebt habe, beendigt sein wird."
Mein Pflegevater hörte mich, seinem Charakter gemäss, sehr ruhig an, und nachdem er mich auf einen Sessel hingezogen hatte, der neben seinem Lehnstuhl stand, antwortete er mir folgendes: "Dein Ursprung, meine geliebte Tochter, ist mir selbst immer ein geheimnis geblieben. Es war der geheime Rat von K..., der mir deine Erziehung antrug. Von ihm hab' ich sehr regelmässig die Gelder erhalten, welche bei der ersten schriftlichen Verhandlung stipulirt wurden. Ob er aber im stand ist, Auskunft über deine Geburt zu geben, weiss ich nicht; ich habe es aber immer vermutet, weil er dich in seinen Schreiben immer fräulein Mirabella nannte. Wenn du von mir verlangst, dass ich ihn um Erörterungen bitten soll, so kann ich nicht umhin, dir eine abschlägige Antwort zu geben. Meiner Einsicht nach, wirst du wohl tun, wenn du die ganze Sache fürs erste auf sich beruhen lässt. Ich gebe zu, dass diese Ungewissheit dich drückt; ich gebe sogar zu, dass es gut sein würde, wenn diese Ungewissheit gehoben werden könnte. Allein so lange deine Eltern nicht von selbst zum Vorschein treten, wirst du dich vergeblich bemühen, sie kennen zu lernen und dich nur unglücklich machen. Zu deiner Beruhigung kann ich dir noch das sagen, dass (der Schleier, der auf deiner Geburt ruht, mag gelüpft werden, oder nicht) dein Schicksal wenigstens in sofern gesichert ist, als du Vermögen genug hast, mit Freiheit in der Gesellschaft dazustehen. Diese Notiz verdanke ich den Erklärungen des geheimen Rats. Ich füge nur noch hinzu: dass die Welt dich immer nach deinem Werte nehmen wird, und dass es also nur von dir abhängt, das Allerhöchste zu sein."
Die Bemerkung, womit mein Pflegevater seine Antwort beschloss, sprach mich ungemein wohltätig an; sie machte auf mich ungefähr eben den Eindruck, den ein kühlendes Lüftchen auf den erhitzten Wanderer macht. Ich fasste ihre Wahrheit sogleich, wiewohl ich in keine geringe Verlegenheit geraten sein würde, wenn ich sie auf der Stelle hätte zergliedern sollen. Da mein Pflegevater mir unmittelbar vorhergesagt hatte, dass mein Schicksal vollkommen gesichert wäre; so würde ich mich, seinem Wunsch gemäss, beruhigt haben, hätte er mir nicht zu verstehen gegeben, dass der geheime Rat von K... allein im stand sei, das Dunkel aufzuhellen, das auf meiner Geburt ruhete. Auf eine sehr natürliche Weise erhielt meine Neugierde eine Bundesgenossin an der Eitelkeit. Was meinem Pflegevater nicht gelungen war, das könnte, dachte ich, mir gelingen; und da mir die besondere Aufmerksamkeit, womit der geheime Rat mich beehrte, so oft wir an irgend einem dritten Orte zusammentrafen, nicht entgangen war, so nahm ich mir vor, ihn, der mir, unter anderen Umständen, ewig gleichgültig bleiben musste, so für mich zu interessiren, dass er von selbst mit dem geheimnis hervorträte. Mir schlug das Herz, indem ich diesen Vorsatz fasste; allein wie bestimmt ich auch fühlen mochte, dass er meiner unwürdig sei, so hatte ich doch nicht den Mut, ihm zu entsagen, oder ihn nicht in Ausübung zu bringen. Wie wenig kannte ich die Welt! Derselbe Mann, der mir vorher in allen Dingen zuvorgekommen war, und, um mich liebkosen zu können, seinen Ernst beseitigt hatte, nahm die allerabschreckendste Amtsmiene an, so bald er bemerkt hatte, dass ich ihm näher trat. Was blieb mir nun noch anderes übrig