Maassstab genommen, gab es für sie gar keine Tugend; allein sie beschönigte alle ihre Laster oder Schwächen dadurch, dass sie kein geheimnis daraus machte, und so oft die Sache ernstaft zu werden begann, über sich selbst plaisantirte. Zwischen der Gräfin und dem Chevalier in der Mitte stehend, war sie ein ausgesuchtes Werkzeug zur Erreichung jedes egoistischen Zweckes; denn so vollkommen war alles edlere Gemüt in ihr ausgestorben, dass sie sich den grössten Abscheulichkeiten preisgegeben haben würde, ohne nur eine Ahnung davon zu haben, dass es Abscheulichkeiten wären. Bewundernswürdig war es, dass alle diese Personen sich mit Idealen trugen, welche nie von ihnen wichen; allein sie blickten darauf hin, wie auf das goldene Zeitalter, und Asträa war für sie auf immer entflohen. Unparteiisch gesagt, fanden sie alles, was einen Wert in ihren Augen haben konnte, in uns wieder, und die Art des Interesses, welches sie für uns fühlten, mochte zuletzt nur darauf beruhen, dass wir ihre Gegensätze waren; allein, um dies anzuerkennen, hätten sie aus dem Gespinnst heraustreten müssen, womit sie sich umgeben hatten; und so weit reichte ihre Kraft nicht.
Über alle Veredelung hinaus, konnten sie es immer nur darauf anlegen, uns in ihren Wirbel zu ziehen; und für uns bestand die Aufgabe darin, wie wir uns in unserem eigenen Wirbel halten möchten. Eugenien schien die Gefahr minder gross, als mir. Als ich sie eines Tages auf das verhältnis aufmerksam machte, worein wir geraten waren, antwortete sie mir: "Wir hätten es ja in unserer Gewalt, dies verhältnis aufzuheben, sobald wir es für gut befänden. Sie selbst sähe sehr deutlich ein, dass sie dadurch nie gewinnen könnte; allein so lange der Verlust erträglich wäre, würde sie nicht brechen, weil sie doch einigen Ersatz in dem Geistesreichtum dieser Personen fände. Überall begriffe sie nicht, wie wir den längeren Aufentalt in der Kaiserstadt ohne diesen Umgang ertragen wollten. Das Casperle zu besuchen, fühlten wir uns zu gut, und ganz und gar in die Einsamkeit zurück zu treten, wäre weder heilsam noch unseren Planen entsprechend. Wie wenig Terrain der Chevalier bei ihr gewönne, davon wäre ich selbst Zeuge. Nur Aurora amüsire sie, als ein Wesen, das mit der ganzen Gesellschaft gebrochen habe und noch immer den Ausschlag geben wollte. Es gäbe ja zuletzt kein anderes Mittel, zum Gefühl seines Wertes zu gelangen, als der Umgang mit Personen dieser Art, die sich so treuherzig beredeten, die Geburt habe alles für sie getan."
So lange Eugenia dieser Ansicht getreu blieb, konnte ich ganz ruhig sein. Ich störte also den Chevalier auf keine Weise in seinen Bewerbungen um meine Freundin, und sah es ruhig an, wie Aurora, anstatt die Ungebundenheit zu predigen, sie auf das allerliebenswürdigste repräsentirte. Meine ganze Aufmerksamkeit war nur darauf gerichtet, welche Wendung diese Verbindung nehmen werde, um einen bestimmteren Charakter zu gewinnen.
Die Gräfin liess mich nicht lange warten. Nachdem sie einigemale in der Gesellschaft gegähnt hatte, brachte sie das Kartenspiel in Vorschlag. Der Chevalier und Aurora waren nicht abgeneigt davon; und da Eugenia und ich die Wirte waren, so durften wir uns nicht versagen, wie fremd uns auch der Spielgeist sein mochte. Als aber die Sache einmal in gang gebracht war, fand kein Stillstand statt. Wie bedeutend auch unsere Verluste sein mochten, so durften wir sie nur in dem Lichte solcher Tribute betrachten, welche der Freundschaft dargebracht wurden. Dies war indessen der geringste Nachteil, den wir von unserer Nachgiebigkeit hatten. Ein nicht zu berechnender stand uns dadurch bevor, dass wir uns durch das Spiel mit unseren Gegnern identifiziren mussten. Es ist nun einmal das Eigentümliche des menschlichen Geistes, immer dahin zu neigen, wo er die meiste Beschäftigung findet, sollte er sich auch dadurch zerstören. So lange der Austausch von Ideen und Gefühlen unsere einzige Unterhaltung gewesen war, fanden Eugenia und ich darin das Mittel, unsere Individualität gegen jeden Angriff zu verteidigen. Sobald hingegen alle Unterhaltung in Spiel ausgeartet war, kamen wir in eine so unvorteilhafte Stellung, dass aller Widerstand vergeblich wurde und in sich selbst verging. In der Tat, man braucht nur aus Neigung zu spielen, um das Gefühl seines Wertes zu verlieren und jeder Erhebung unfähig zu werden; denn indem der Geist seine ganze Kraft auf das Spiel richtet, büsset er sie in Beziehung auf alle edleren Gegenstände ein, auf die sie gerichtet werden könnte.
Indem ich diese Reflektionen machte, war ich auch auf den Rückzug bedacht. Aber wie ihn einleiten? Eugenien zurücklassen und sie dem allerschlimmsten Schicksal preisgeben, war eins; und dies vermochte ich nicht über meine Liebe für sie. Eugenien die Augen öffnen, war misslich, da das Spiel, welches sie liebgewonnen hatte, zwischen ihr und mir in der Mitte stand, und der freundschaftlichen Wärme, womit sie mir sonst entgegen zu kommen pflegte, nur allzuviel Abbruch tat. Ich machte den Anfang meiner Operationen damit, dass ich mich vom Spiele ausschloss und dadurch gewissermassen aus der Schussweite setzte. Dies musste sehr übel aufgenommen werden; und dies wurde auch wirklich der Fall. Ohne mich indessen daran zu kehren, spielte ich die Beobachterin. Mir selbst zurückgegeben, bemerkte ich mit Entsetzen, welche Fortschritte durch das Spiel in der Familiarität gemacht waren. Aurora fand es gar nicht mehr der Mühe wert, ihre Gebrechen zu verschleiern; sie sprach darüber, als ob es unmöglich wäre, Verstand zu haben und anders zu