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und erliegen ihrem geistigen Unvermögen nur allzubald. Mit dem besten Willen, nur Deutsche zu frequentiren, sahen wir uns genötigt, unseren Geselligkeitstrieb im Umgange mit französischen Ausgewanderten zu stillen, wofern wir nicht ganz auf uns zurückgebracht sein wollten.

Jahr und Tag war auf diese Weise verflossen, als die französische Gräfin C... sich enger an uns anzuschliessen begann. Hätte sie es mit mir allein zu tun gehabt, so würde ihr die Lust dazu nach den ersten Versuchen vergangen sein; denn meine physiognomische Formel sagte mir gleich bei der ersten Bekanntschaft, dass diese Frau, obgleich, vermöge ihres sehr gebildeten Verstandes, für den Umgang wie geschaffen, zu denjenigen gehöre, mit welchen man sich in kein bleibendes verhältnis einlassen muss, weil sie seiner unwürdig sind. Da Eugenia aber zwischen uns beiden stand, so war von ihrer Seite der Versuch zu wagen, von der meinigen zu erdulden. Ich war höchst begierig, die Triebfedern kennen zu lernen, welche sie in Bewegung gesetzt hatten; allein wie gespannt auch meine Aufmerksamkeit auf alle ihre Reden sein mochte, so konnte ich doch eine längere Zeit hindurch nichts Unedles entdecken; und da meine Freundin mir den Vorwurf machte, dass ich in meinem Misstrauen zu weit ginge, so wurde ich nach und nach sogar geneigt, an der Wahrheit meiner Regel wenigstens in sofern zu zweifeln, als ich einzelne Ausnahmen gestattete.

Die Gräfin war weit häufiger bei uns, als wir bei ihr; die Ursache lag in ihrer gegenwärtigen Lage, welche eine strenge Ökonomie notwendig machte. Wie selten wir uns aber auch bei ihr zeigen mochten, so hatten wir doch nie das Vergnügen, irgend eine Spur von Reinlichkeit und Ordnung bei ihr zu finden. Eugenia verzieh auch dies, wiewohl sie eingestand, dass alles anders sein würde, wenn die Gräfin aus Einem Stücke wäre. Ich mochte also noch so deutlich zu erkennen geben, dass wir durch eine engere Verbindung mit dieser Frau unserem Wesen entsagten; meine Winke waren verloren, und Eugenia schien sogar ein gewisses Ergötzen daran zu finden, dass sie eine Frau kennen gelernt hatte, welche alle Weiblichkeit in den Wind schlug und das Gemüt unter die Füsse trat.

Wir mochten unsere Besuche drei bis viermal wiederholt haben, als wir bei der Gräfin eine gewisse Aurora kennen lernten, welche, um alles mit einem Worte zu sagen, die Gräfin in Ungebundenheit des Geistes noch übertraf, wiewohl es mir nicht entgehen konnte, dass sie sich, uns gegenüber, nicht wenig Gewalt antat. Talentvoller und einschmeichelnder kann übrigens kein Weib sein, als diese Aurora es war. Zu einer Tassonischen Armida fehlte ihr die Schönheit; allein wer hätte diesen Mangel nicht verziehen, wenn er nur ein einzigesmal ein Zeuge ihrer heitern Laune, ihres sprudelnden Witzes, ihrer Sarkasmen auf sich selbst und der Kindlichkeit war, womit sie gelobte sich zu bessern? Alle Männer waren von Auroren wie bezaubert, und die Weiber trösteten sich mit dem Besitz soliderer Eigenschaften, welche Aurora keiner von ihnen streitig machte.

Wir wurden auf die Bekanntschaft des Chevalier de B... vorbereitet, und nicht lange darauf führte die Gräfin ihn bei uns ein. Ein schöner Mann, wenn von blossem Wuchse die Rede ist! In seinen Mienen lag etwas Hartes, das er vergeblich durch Geschliffenheit und gut gewandte Phrasen zu mildern suchte. Er behaupteteund seine Manieren bewiesen es unwidersprechlichdass er bis zum Ausbruche der Revolution in den besten Cirkeln der Hauptstadt gelebt und mit dem hof durch die Prinzessin Lamballe in der engsten Verbindung gestanden habe; aber seine Auswanderung motivirte er so schlecht, dass er dem Titel eines Chevaliers die grösste Schande machte. übrigens war seine Partie gleich nach der ersten Bekanntschaft genommen. Um nämlich Eugenien mit Erfolg den Hof machen zu können, glaubte er mich mit tausend Artigkeiten überschütten zu müssen. Was ihm durchaus nicht klar werden wollte, war das verhältnis, worin wir standen. Denn anstatt Eugeniens Freundin in mir zu sehen, betrachtete er mich fortgesetzt in dem Lichte einer Duenna, und indem er mich als eine solche behandelte, konnte er nicht verfehlen, mir alle Vorsichtigkeit einer Duenna einzuflössen und sich dadurch selbst zu schaden. Nur allzuoft ist es im Leben der Fall, dass die Combinationen der Listigen in sich selbst zusammenstürzen, weil sie nicht umfasst haben, was sie zu ihrem eigenen Gedeihen umfassen sollten; und es ist mehr als merkwürdig, dass es, um solche Menschen mit Erfolg zu beherrschen und zu seinen Zwecken zu leiten, nur einer Ehrlichkeit bedarf, die alle List überflüssig macht.

Für einen unbefangenen Einsichtsvollen hätte es ein Schauspiel ganz eigener Art sein müssen, zwei deutsche Frauen ihre Eigentümlichkeit gegen die Angriffe verteidigen zu sehen, welche von zwei sehr gewiegten Französinnen, die von einem eben so gewiegten Franzosen unterstützt waren, darauf gemacht wurden. Ich will unsere Gegner nicht beschuldigen, dass sie es darauf anlegten, uns zu demoralisiren; eine solche Absicht zu haben, hätten sie sich in ihrer wahren Gestalt erkennen müssen, welches durchaus nicht der Fall war. Allein die Demoralisation musste ganz von selbst erfolgen, sobald wir nachgiebig genug waren, uns von ihnen gebieten zu lassen. Und wie dies vermeiden? Die Unwiderstehlichkeit der Franzosen besteht gerade darin, dass sie es in der Kunst des Ausweichens so weit gebracht haben; sie respektiren, dem Scheine nach, jede ihnen gegenüberstehende Individualität, weil sie wissen, dass man sich ihrer durch nichts so leicht bemächtigt, als durch diesen scheinbaren Respekt. Am allergefährlichsten war Aurora. Nach einem gewissen