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unmöglich wurden. Alles ging vortrefflich, so lange er mich für eine junge person seines Standes hielt; sobald er aber gehört hatte, dass man mich fräulein Mirabella nannte, veränderte er seine Metode auf Kosten seiner Kunst. Bis dahin hatte er ganz treuherzig gesagt: So und so muss es sein. Jetzt bat er, dass es mir belieben möchte, es so und so zu machen. Griff ich f statt fis, so bat er sich ein gnädiges fis aus. Überhaupt war seine Deferenz gegen das Vorurteil des Geburtsadels so gross, dass er es nicht offenbaren konnte, ohne mich aus allen meinen Angeln zu heben. Unbeschreiblich weh tat mir diese Wegwerfung; und um den unangenehmen Gefühlen zu entgehen, welche so wie der Mann nun einmal war, von dem Unterricht nicht getrennt werden konnten, gebrauchte ich den Ausweg, ihn allein ans Clavier zu setzen, und das zu singen, was er spielte. Auf diese Weise bildete ich meinen Sinn für Musik aus, ohne jemals die gewöhnliche Fertigkeit zu erwerben, welche sich durch die Fingerspitzen offenbaret; und ich weiss nicht, ob diese Ausbildung nicht die vorzüglichere war, da sie hinreichte, um zur Kenntniss dessen zu gelangen, was wahre Musik ist, und mich im Übrigen von jener Virtuosität, welche die Weiblichkeit vernichtet, entfernt hielt. Im grund hab' ich nie bedauert, dass ich keine grösseren Fortschritte gemacht habe.

Mein Tanzmeister war das vollkommenste Gegenteil von meinem Lehrer in der Musik. Ein geborner Franzose, lebte und webte er in seiner Kunst, welche in seinem Urteil das Complement aller menschlichen Vollkommenheiten war. Ich sage nicht zuviel, wenn ich behaupte, dass er auf das allervollkommenste in ihr untergegangen war; denn nichts verdiente seine Schonung, was der vollendeten Ausübung der Tanzkunst in den Weg trat. Wie wurde mir gleich in der ersten Lection zu Mute, als er, nach den ersten Vorzeigungen, mich unsanft bei der Schulter fasste, um meinen Füssen durch die seinigen die kunstmässige Stellung zu geben! Alles, was Gemüt genannt werden kann, wurde in mir aufgeregt, und hätte ich nicht die idee eines Lehrers festgehalten, so würde ich auf der Stelle die verletzte Schamhaftigkeit gerächt haben. Mit glühenden Wangen kehrte ich auf mein Zimmer zurück, als die Lection geendigt war; und als meine Pflegemutter mich fragte, was mich in einen solchen Aufruhr gesetzt habe, war ich schlechterdings nicht im stand, ihr irgend eine Antwort zu geben; so gross war meine Verworrenheit. Zagend ging ich in die zweite Lection. Dass meine Geschicklichkeit dadurch nicht gewann, versteht sich ganz von selbst. Mein Lehrer sprach mir den Mut ein, der die grosse Mehrheit aufrichtet, mir aber gar nicht fehlte. Die Übung wurde fortgesetzt, wiewohl ich schon halb betäubt war. Anstatt zu rechter Zeit abzubrechen, geriet der Meister in den gemeinen Kunsteifer; und indem er sagte, dass eine so edle Figur, wie die meinige, sich auch edel bewegen müsse, stürzte er auf mich zu, und bog, weil ich die Füsse nicht auswärts genug setzte, meine Knie mit den seinigen aus einander. Dies war aber mehr, als ich ertragen konnte. Eine Beleidigung meiner Schamhaftigkeit hatte ich verschmerzt; einen Angriff auf dieselbe glaubte ich ahnden zu müssen. Ich sprang also unmittelbar nach geschehener Tat auf den Meister zu, gab ihm eine Ohrfeige und lief atemlos auf mein Schlafzimmer. Jetzt musste die Sache zur Sprache kommen. Der Meister, der nicht wusste, wie er zu der Ohrfeige gekommen war, beklagte sich darüber bei meinem Pflegevater, und als mich dieser zur Rechenschaft forderte, kam mit meiner Unschuld die seinige freilich an den Tag, die Lectionen aber waren einmal für allemal abgebrochen, weil ich erklärte, dass ich lieber gar nicht tanzen lernen, als allein unterrichtet werden wollte. Diese Erklärung hatte die Folge, dass man noch einige andere junge Mädchen in die Lectionen zog; aber wie sehr mein Gefühl dadurch auch erleichtert werden mochte, so konnte ich mich doch nie gewöhnen, das Tanzen als eine freie Kunst zu nehmen. Mit brennenden Wangen ging ich in den Tanzsaal; mit brennenden Wangen verliess ich ihn. Es war mehr ein Abäschern gegen den Willen des Gemüts, als eine Bewegung auf Geheiss desselben, was ich Tanzen nennen musste; und daher ist es unstreitig gekommen, dass ich mein ganzes Leben hindurch so gleichgültig gegen dies Vergnügen geblieben bin, dem Andere so bereitwillig Gesundheit und Leben aufopfern. Auch bin ich in dieser Hinsicht immer eine Stümperin gewesen.

Obgleich die Lektüre damals noch nicht zu den Dingen gehörte, welche die Elemente einer weiblichen Erziehung ausmachen; so war ich doch durch meinen Pflegevater von meinem funfzehnten Jahre an mit drei französischen Dichtern bekannt geworden, die ich unablässig las und beinahe auswendig lernte. Es waren de la Fontaine, Peter Corneille und Racine. Die Fabeln des erstern zogen mich unendlich an, weil in ihnen eine Welt entalten ist, worein ein jugendlicher Geist sich nur mit Entzücken verlieren kann. Corneille und Racine beschäftigten mich gleich sehr; und ob man gleich glauben sollte, dass ich, als Frauenzimmer, meine Rechnung nur bei dem letzteren gefunden haben könne, so gestehe ich doch ohne Bedenken, dass die Stärke Corneille's mir wenigstens eben so zusagte, als die Sentimentalität Racine's; ja dass ich dem ersteren um des kräftigen Gemütes willen, das aus ihm spricht, im Ganzen den Vorzug gab, wie eifrig auch die Männer darauf bestehen mochten, dass ich nur den letzteren