dem Range nach bleiben, weil die Unendlichkeit, die in ihr war, durch kein anderes Weib ersetzt werden konnte. Auch die Gräfin ihrer Seits fühlte sich wieder an Vittorio angezogen, da die Herzogin nicht mehr war. Ich stand von nun an zwischen beiden in der Mitte, gleichsam als Dolmetsch ihres gegenseitigen Interesses. Sie baten mich, mit ihnen nach Florenz zurück zu gehen, und ich tat es in Ermangelung eines besseren Schicksals. Mehrere Jahre blieb ich bei ihnen, und war ein Zeuge von Alfieri's steigender Verwirrung und Luisa's wachsender klarheit. In diesem Zeitraume verheiratete ich meine Pflegetochter mit dem Professor D..., einem Deutschen, dessen Bekanntschaft ich in Rom gemacht hatte, wo er jene lieb gewann und nicht eher rastete, als bis ich ihm erlaubte, sie zu ehelichen und mit nach Deutschland zurück zu nehmen.
Der Prätendent von England war indess gestorben und bald darauf die französische Revolution ausgebrochen. Die Felsenmasse die bisher auf Vittorio Alfieri's Brust gelegen hatte, wurde durch diese beiden Ereignisse versprengt; denn das erstere erfüllte alle die Wünsche, die er in Beziehung auf die Gräfin unterhalten hatte, und durch das letztere glaubte er alle seine politischen Ideale der Realisirung nahe. Den Coturn von sich schleudernd, fasste er den Entschluss, nach Frankreich zu gehen und ein Bürger der neuen Republik zu werden. Die Gräfin d'Albania war leicht beredet, ihm dahin zu folgen; denn von allen gleichgültigen Dingen war der Ort ihrer Existenz ihr das gleichgültigste. Auch ich sollte mit nach Frankreich gehen; da mir aber die Franzosen noch immer zuwider waren, und alles, was ich jetzt noch lieben konnte, sich in Deutschland befand, so entschuldigte ich mich so gut, als möglich, indem ich versprach, dass ich erst eine Reise in mein Vaterland machen und alsdann meine Freunde in Paris aufsuchen wollte. Beide gingen über Turin nach Lyon, von wo aus sie ihre Wallfahrt nach der Hauptstadt des Reiches fortsetzten. Ich begab mich in die pisanischen Bäder, um daselbst neue Bekanntschaften anzuknüpfen, und mit diesen nach Deutschland zurück zu gehen. Hier war es, wo ich meine Eugenia zuerst kennen lernte. Ehe ich aber in meiner eigenen geschichte fortfahre, muss ich noch einen blick auf die Gräfin d'Albania und den Grafen Vittorio Alfieri werfen.
Nur Weniges hab' ich seit meiner Trennung von beiden erfahren. Die erstere kehrte nach Italien zurück, sobald die Revolution eine blutige Wendung genommen hatte. Der letztere blieb in Paris, bis alle seine Erwartungen getäuscht waren. In einer feurigen Ode besang er die Zerstörung der Bastille; in einer noch feurigern den Umsturz des Trones. Als aber der Schrecken eintrat, da siegte seine Menschlichkeit über alle seine Ideale. So gross wurde sein Abscheu vor allem, was um ihn her vorging, dass er sich mehr, als jemals, in der Einsamkeit begrub. Sich zu zerstreuen, lernte er Griechisch, und hätte ein Künstler aus ihm werden können, so würde es unter diesen Umständen geschehen sein. Doch die heitere Region der Kunst sollte ihm ewig verschlossen bleiben. Anstatt sich von den Schlacken der Aristokratie zu reinigen, wurde er trübsinnig und schwermütig; und wie konnte dies ausbleiben, da von allem, was er geahnet hatte, das Gegenteil erfolgte und sein ganzes System über den Haufen geworfen wurde? Nach einem achtjährigen Aufentalte in Frankreich kehrte er nach Florenz zurück, wo die Gräfin d'Albania unterdessen gestorben war. Hier lebte er seitdem zerbrochenen Herzens als ein von seinen Idealen Verlassener. Hat er nicht selbst die Dauer seines Lebens abgekürzet, so ist er wenigstens nicht ungern gestorben. Wenige Menschen haben im Kampfe mit sich selbst mehr gelitten. In einem Sonnet, das ich sorgfältig aufbewahre, weil er es zu einer Zeit machte, wo er mit sich selbst höchst unzufrieden war, redet er sich also an:
Uom, sei tu grande, o vil?
Und seine Antwort ist:
Muori; il saprai.
Aber der unglückliche Mann ist nie hinter das geheimnis gekommen, das ihn einzig beschäftigte; denn nie konnte er seiner Verwirrung Meister werden; sie musste ihn tödten. Ich habe oft gedacht, dass Alfieri in jenen zeiten, wo das Feudalwesen in seiner Blüte dastand, ein herrlicher, hoch hervorragender Mann gewesen sein würde. Nicht die Feder, sondern Lanze und Schwert waren ihm, allen seinen Anlagen nach, vom Schicksal beschieden; sein grosses Unglück war dass seine Existenz in zeiten fiel, wo sich von beiden kein Gebrauch mehr machen lässt. Sanft ruhe seine Asche; sie ruhe um so sanfter, weil alle Stürme, die sein Dasein zerrütteten, innere Stürme waren, deren Wut sich nicht beschwichtigen liess. Selbst Bonaparten, der das Problem der französischen Revolution so vollständig gelöset hat, musste Alfieri hassen, weil er nicht an seiner Stelle war.
Gleich bei der ersten Bekanntschaft fühlte ich mich unwiderstehlich an Eugenien angezogen. Es war ihre Physiognomie, was mir die Versicherung gab, dass wir Freundinnen werden könnten; und da dieser Bürge sich in diesem, wie in jedem anderen Falle, bewährt hat, so so sehe' ich mich genötigt, hier einen teil meines Systemes in Ansehung freundschaftlicher Verbindungen zu entüllen. Ich werde von der einen Seite sehr viel Mühe haben, mich deutlich zu machen, und von der andern, gegen alle meine Neigungen, zu einer (wenn gleich kurzen) Dissertation über das verhältnis der Physiognomie zur Freundschaft hingerissen werden. Allein ich muss mich jener Beschwerde und diesem