Mute sein, weil er allentalben auf seines Gleichen stösst. Dem vornehmeren teil der Römer besonders ist ein Entwickelungsgrad eigen, wie man ihn, ausserhalb des Kirchenstaates, schwerlich auf irgend einem Erdfleck antrifft. Je unbestimmter und schwankender die gesellschaftlichen Verhältnisse in Italien, besonders aber im Kirchenstaate, sind, desto stärker ist die Aufforderung, welche jeder Einzelne hat, in diesem Kampfe aller gegen alle seine Existenz zu sichern. Daher die Feinheit, womit man sich gegenseitig behandelt. Schon von der frühesten Jugend an nimmt das Studium menschlicher Kräfte und Eigentümlichkeiten seinen Anfang; es ist also kein Wunder, wenn man es hierin zu einem hohen Grade der Vollendung bringt. Das verhältnis der Kirche zum staat, oder vielmehr das verhältnis des Mittelpunkts der Teokratie zu der Welt trägt nicht wenig dazu bei, dem geist der Römer eine Gewandteit zu geben, wie man sie sonst nirgend findet; eine Gewandteit, die, obgleich ursprünglich nur in den ersten Repräsentanten der Kirche vorhanden, von diesen selbst auf die untersten Volksklassen übergeht. Mit Vergnügen erinnere ich mich einer Unterredung mit dem berühmten Cesarotti, der, als von dem Charakter der Römer unter uns die Rede war, mir Folgendes zur Aufhellung desselben sagte:
"Unser ganzes gegenwärtiges Wesen besteht aus drei Elementen, die, wie verschiedenartig sie auch scheinen mögen, den innigsten Zusammenhang unter einander haben. Das erste ist die Messerträgerei; eine Folge des unvollkommenen gesellschaftlichen Zustandes, in welchem wir leben. Das zweite ist unsere Religiosität, welche mit unserer physischen Trägheit in enger Verbindung steht, und durch nichts so sehr gehalten wird, als durch den Umstand, dass von Rom aus aller kirchlicher Impuls geschieht. Das dritte ist unsere Kunst, wodurch wir, abgesehen von der Kraft selbst, welche sie möglich macht, nichts weiter beabsichtigen, als Sicherstellung unserer Eigentümlichkeit. Man zerstöre eines dieser Elemente in uns, so sind die beiden anderen zugleich zerstört. Auf den ersten Anblick sollte man freilich glauben, dass die Messerträgerei dem hohen Aufschwunge, welcher in das Gebiet der Kunst führet, nicht gerade notwendig sei. Ich will auch nicht im Allgemeinen behaupten, dass ohne Messerträgerei keine Kunst statt finden könne. Aber etwas anderes ist Kunst überhaupt, und etwas anderes römische Kunst insbesondere. Die letztere kann nur dadurch möglich werden, dass das Gemüt dem geist eine Erhebung gibt, wie sie nun einmal erforderlich ist, um das Ausserordentliche zu stand zu bringen. Hätten wir eine regelmässige, nur für den Kirchenstaat vorhandene Regierung, beschäftigte sich diese Regierung nur mit der Beglückung der Untertanen, und fände Jeder im Ackerbau, in der Ausübung irgend eines Handwerks, in Fabrikarbeit und dergleichen, was zur Leibesnahrung und Notdurft gehört; so wären wir gewiss eben so moralisirt, als die Bürger anderer Staaten. Da wir keine solche Regierung haben, und auch alle übrige Bedingungen geradezu wegfallen; so sind wir nicht moralisirt, aber wir sind Römer, und, was man auch zu unserem Nachteil im Auslande sagen mag, unseren grossen Vorfahren bei weitem mehr verwandt, als die Kurzsichtigkeit es begreifen kann. Was unsere Vorfahren durch eine mit physischer Gewalt verbundene List vollzogen, das vollziehen wir durch die reine List. Die römische Universalmonarchie hat deshalb noch nicht aufgehört, weil es keine römische Imperatoren mehr gibt; die Bande, durch welche die Welt an Rom gefesselt ist, sind nur geistiger geworden. Wollen Sie leugnen, dass dies grosse Eigenschaften von Seiten der Römer voraussetze? Der würde ein Tor sein, der unseren gesellschaftlichen Zustand als Muster empfehlen wollte; wer ihm aber alle Kraft abspricht, der versündigt sich an der Wahrheit. Das staatsbürgerliche Elend, das hier vielleicht grösser ist, als in irgend einem anderen europäischen staat, muss vorhanden sein, damit es einzelnen Menschen gelinge, über die ganze Menschheit hervorzuragen. Das Wesen eines Römers ist auf ein ungemeines Maass von Kraft berechnet. Wer im Besitze desselben ist, der emergirt, und muss als ein Repräsentant der Römerheit betrachtet werden; wer es nicht ist – nun der gehört zum Pöbel, zu den Lastträgern der Gesellschaft. Von einem höheren Standpunkt aus betrachtet, ist die Kraft immer dieselbe, und der Unterschied besteht nur in der temporellen Richtung, die sie genommen hat. Dasselbe Individuum, dass Sie heute als Bildhauer oder Maler in seiner Werkstätte bewundern, ist vielleicht nach acht Tagen ein Cardinal, und als solcher nicht minder bewundernswert. Jene Universalität, welche zu jedem ausgezeichneten Lebensgeschäft geschickt macht, finden Sie nur in dem Römer; und man möchte sagen, sie sei ihm angeboren, so bestimmt geht sie aus seinem ganzen Wesen hervor. Anderwärts zerquetschen staatsbürgerliche Klemmen tausend und aber tausend Kräfte; hier ist dies nicht der Fall, weil die idee des Rechts uns fremd ist, und wir gewissermassen fortgesetzt im Zustande der natur leben. Wer dem anderen ein Bein unterschlagen kann, hat auch die Befugniss dazu, und niemand frägt, ob er ungrossmütig gehandelt habe. Jeder will der Erste sein; jeder sich zum Mittelpunkt machen. Er tue es auf seine Gefahr; gelingen kann es ihm immer nur in sofern, als er allen Übrigen zusammengenommen gewachsen ist. Möglich, dass unser Wesen in der Folgezeit sehr bedeutend abgeändert wird; aber so lange Rom das Centrum der Teokratie bleibt, wird es auch Römer geben, und überall begreife ich nicht, was den Römer aus der Welt verbannen könnte, da sein Wesen nicht an eine einzelne Form gebunden, sondern immer in der Kraft gegründet ist. Es ist vielleicht sogar wünschenswert, dass irgend eine Revolution erfolge, die