Schreiben allein eine Entschädigung erlaubten. "Ich setze mich an den Schreibtisch, nur um meinem Unwillen Luft zu machen und meine Galle zu verdünnen," sagte er mir mehr denn zehnmal, und ich glaubte es ihm, weil dies mit seinem ganzen Wesen zusammenhing. Ein höchst charakteristischer Zug von ihm war, dass er, um ungehinderter schreiben zu können, oder, wie er sich auszudrücken pflegte, per poter scemar la bile, seiner Schwester einen sehr wesentlichen teil seines grossen Vermögens abgetreten hatte.
Man hätte glauben sollen, dass die Gräfin Luisa d'Albania und der Graf Vittorio Alfieri mit so entgegengesetzten Eigenschaften sehr wenig für einander vorhanden gewesen wären. Allein, indem die Gräfin mit der unendlichen Liebe, die in ihr war, einen Gegenstand der Hochachtung suchte, musste der Graf ihr teuer werden; und indem dieser mit seinem gränzenlosen Unwillen gegen das Verderbniss seiner zeiten doch Etwas lieben wollte, gab es für ihn keinen anderen Gegenstand, als ein Weib von Luisa's Gepräge. Beide bewunderten sich um so mehr, je weniger sie sich begriffen. War der Graf Brutus, so war die Gräfin Portia. Dies verhältnis wurde zuerst durch unsere Dazwischenkunft abgeändert. Die Herzogin, welche einmal für allemal mit dem männlichen Geschlecht gebrochen hatte, schloss sich enger an Luisen an, weil sie in ihr die eigene Vollendung zu erblicken glaubte. Ich hingegen fühlte mich an Vittorio Alfieri angezogen, unstreitig weil er nach Moritz der einzige Mann war, den ich achten konnte. Mir entging die Schwärmerei nicht, die aus ihm wirkte, und um keinen Preis hätte ich die Seinige werden mögen; allein, da die Phantasie zuletzt das einzige ist, was ein Weib an einem Mann lieben kann, so huldigte ich in meiner Hinneigung zu dem Grafen, soll ich sagen der Schwäche meines Geschlechtes, oder dem ewigen Gesetz, unter welchem es steht? übrigens war niemals eine Verbindung unter vier Personen inniger und schuldloser, als die unsrige.
Ich lernte nach und nach den Grafen ganz kennen. Selbst aus seinem besonderen Antriebe zum Schreiben machte er mir kein geheimnis, und es war warlich nicht seine Schuld, wenn ich seinen Tyrannenhass nicht teilte. Diese Trauerspiele der Freiheit (wie er seine Tragödien nannte), die einander so ähnlich sind, dass sie dem unbefangenen Auge nur als Variationen desselben Tema's erscheinen müssen, hatten alle nur einen und denselben Zweck, nämlich Verunglimpfung der Fürstenmacht. Aus der Emsigkeit und Anstrengung, womit der Graf arbeitete, hätte man schliessen sollen, dass ihm die Kunst über Alles teuer wäre; und doch war dies gar nicht der Fall. In ihm ordnete sich der Künstler dem Grafen, oder, wenn man lieber will, dem Aristokraten, auf das allerbestimmteste unter; in der Tat so sehr, dass er sich selbst verachtet haben würde, wenn er in sich nur den Künstler gesehen hätte. Was ihn unaussprechlich verwundete, war die Unempfindlichkeit seiner Zeitgenossen gegen den Zweck seiner Schöpfungen. Erraten sollten sie ihn und zu einem unendlichen Fürstenhass hingerissen werden; und da weder das eine noch das andere erfolgte, indem die Zuschauer und Leser nur bei dem tragischen Schicksal seiner Helden verweilend, lieber dem Mitleid als dem Unwillen Raum gaben, so wurde der Graf bisweilen zu einer Verzweifelung getrieben, worin es keinen anderen Trost für ihn gab, als die idee eines unbegränzten Ruhmes, der seiner in besseren zeiten harrete. Mit unbeschreiblicher Wollust erfüllte ihn dagegen alles, was die Wahrheit seiner Grundidee auch nur von fernher bestätigte. Die Nordamerikanische Revolution war für ihn eine Erscheinung von unberechenbarer Wirksamkeit für den gesellschaftlichen Zustand von Europa; und so bestimmt sah er durch sie alle Tronen umgestürzt, dass er in einem Washington den Heiland der Welt verehrte. Was ihn zu seiner eigenen Gattung machte, war diese innige Vereinigung des Schönen mit dem Politischen, die sein Wesen so einzig bestimmte. Ob die idee, von welcher er ausging, probehältig war, oder nicht, das kann und mag ich nicht bestimmen; das weiss ich aber, dass sie in ihm eine philantropische war. gibt es für die wahre Grösse keinen anderen Maassstab, als die Ideen, womit ein Individuum sich unablässig beschäftigt; so stand Vittorio Alfieri in einer Grösse da, welche die Mehrzahl gigantisch zu nennen gezwungen ist. Und welche Kindlichkeit bei dieser Grösse! Eben der Mann, dessen Kopf in politischer Hinsicht einem Vulkan glich, war durchaus unfähig, irgend ein Individuum zu kränken, selbst dann nicht, wenn er es verachten musste. Er selbst sprach hierüber, als über einen ewigen Widerspruch zwischen seinem Herzen und seinem Kopf, und war nur allzuoft ungewiss, ob er sich für einen Tersites oder Achilles halten sollte; dies rührte aber nur daher, dass er in seinem Unwillen und Hass die Liebe verkannte, welche die Quelle derselben war. In sich selbst war er ein Ganzes, wie die natur es selten hervorbringt; allein, indem er sich nicht als ein solches erschien, konnte er, anstatt sich seiner Individualität zu freuen, sich nur zerreiben und vor der Zeit zerstören. Bewundernswürdig waren seine Affektionen in Beziehung auf einzelne Zweige der Kunst. Wäre er bloss Künstler gewesen, so würde die Kunst für ihn eine einige gewesen sein; denn er hätte in den Künstlern nur immer die Poeten sehen können. Weil er aber Graf und Künstler zugleich war, so schied er die Poesie von allen übrigen Künsten, und mehrere derselben berührten ihn gar nicht. So waren z.B. Malerei und Bildhauerei durchaus nicht für ihn