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und eine Träne des ohnmächtigen Unwillens drang aus ihren schönen Augen.

"Sie haben Recht, Mirabella," sagte sie, "hier kein Gedeihen zu erwarten; und könnten Sie noch in meiner achtung gewinnen, so würde es durch die Entsagung geschehen, womit Sie in Beziehung auf sich selbst zu Werke gehen, indem Sie die Stelle der ersten Dame von sich ablehnen. Ich muss es ganz Ihrem Gutbefinden überlassen, ob Sie bei mir bleiben wollen oder nicht. Welche Partie Sie aber auch ergreifen mögen, nie werde' ich an Ihnen irre werden, so lange noch etwas in mir ist, wodurch ich das Edle von dem Gemeinen, das Schöne von dem Hässlichen zu unterscheiden im stand bin. Ich habe, um alles mit einem Worte zu sagen, weder das Recht, Sie unglücklich zu machen, noch die Befugniss, von Ihnen zu verlangen, dass Sie mich durch engeres Anschliessen an meine person noch unglücklicher machen sollen, als ich gegenwärtig bin; denn dies ist es doch zuletzt, was Sie allein vermeiden wollen."

Es gibt, behaupte ich, kein angenehmeres Gefühl, als sich in einer grossmütigen idee erraten zu sehen. Und wären mir, während meines kurzen Aufentalts am ...schen hof, die grössten Beleidigungen widerfahren; so würde' ich sie in diesem Augenblick vergessen haben. Ich küsste die Hand der Herzogin voll stummer Wehmut, während sie mit einem blick, aus welchem etwas Göttliches strahlte, mich ihre ewig teure Mirabella nannte.

Um mir meinen Aufentalt in der Nähe eines so herrlichen Wesens nicht unnötig zu verbittern, sorgte ich dafür, dass es noch an demselben Tage bekannt wurde, dass ich die Stelle einer Oberhofmeisterin abgelehnt hätte. Die Wirkungen dieser Nachricht zeigten sich bald. Um die achtung der meisten Menschen zu gewinnen, darf man ihnen nur unbegreiflich werden. Je weniger man darauf gerechnet hatte, dass ich eine so einträgliche und ehrenvolle Stelle ausschlagen würde, desto emsiger drängte man sich zu mir, um das Warum zu erforschen. Wie geschmeidig waren nun mit einemmale alle die Creaturen, welche sich noch kurz vorher so trotzig und boshaft bewiesen hatten! Dem Kammerherrn muss ich indessen die Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass er sich auch jetzt seinem legalen Charakter gemäss bewies. Kaum konnte ich mich bei seinem Anblick des Lachens entalten, so feist und glänzend hatte ihn seine Legalität gemacht, die in ihm, wie in allen anderen Menschen, sich ganz vortrefflich mit der goldenen Mönchsregel vertrug: "dass man seine Pflicht handlich erfüllen, den Herrn Abt in Ehren halten und die Welt gehen lassen müsse, wie sie nun einmal gehen will." Es war eine Lust, zu sehen, wie der ehrliche Kammerherr, von seiner Corpulenz gedrückt, auf einem Lehnstuhl da sass, die Ellenbogen auf die Lehnen gestützt, die Daumen um einander schiebend, und von Zeit zu Zeit so tief aufatmend, als ob die Bürde der Weltregierung auf ihm lastete. Und diesen Ehrenmann hatte ich einmal in meine Ideale verwickeln wollen; und diesem mann hatte ich zugemutet, einem jungen Prinzen Erhebung und bleibenden Antrieb fürs Edle zu geben! Fehlgriffe dieser Art werden in der Welt nicht selten gemacht; aber sehr selten lacht man darüber, weil man nicht auf die Kontraste merkt, zu welchen sie führen. Ich wollte einen Versuch machen, mit dem guten Kammerherrn über unseren ehemaligen Entwurf zu plaisantiren; allein ich hatte kaum davon zu sprechen angefangen, als der Schweiss aus allen seinen Poren hervorbrach; unstreitig weil er sich noch sehr lebhaft der Folter erinnerte, auf die ich ihn gesetzt hatte.

Der bewaffneten Neutralität, in welcher ich den Hofleuten gegenüber dastand, verdankte ich es, dass der Rest meines Aufentalts am hof sehr angenehm war. Lange durft' ich aber nicht bleiben, wofern ich nicht Misstrauen und Eifersucht erregen wollte. Ich trennte mich also von der Herzogin, so bald ich es nur über mich erhalten konnte. "Wir sehen uns wieder," sagte sie beim Abschied; "und so Gott will, kommt nun die Reihe des Aufsuchens an mich." Ich verstand dies so, als ginge sie damit um, ihre Eltern zu besuchen, und antwortete in diesem Sinne. Nähere Verabredungen wurden unter uns nicht genommen. Ich trat meine Rückreise mit frohem Herzen an, weil mir volle Genugtuung zu teil geworden war. Was ich nach meiner Zurückkunft unserem hof berichtete, machte um so mehr Vergnügen, weil es eine indirekte Lobrede auf die Weisheit entielt, womit man die Dinge sich selbst überlassen hatte. Mit Vergnügen trat ich in meine Einsamkeit zurück, welche nicht mehr einsam war, seitdem sie durch ein junges geschöpf belebt wurde, das sich täglich herrlicher entwickelte. Die Tage verstrichen mir als Minuten; aber sie dehnten sich desto mehr in der Erinnerung aus; ein sicheres Zeichen, dass sie weder gedanken- noch empfindungslos verlebt wurden. Das einzige, was mein Gemüt in einer unangenehmen Spannung erhielt, waren die Briefe der Herzogin voll bitterer Klagen über ihr Geschick. Doch, ohne hierüber in ein Detail einzugehen, begnüge ich mich, im Allgemeinen zu erzählen, wie sich ihr Geschick entwickelte, und wie wir gegen alle unsere Erwartungen ganz plötzlich wieder vereiniget wurden.

Das höhere Maass von Freiheit, welches der Herzog durch den Tod seines Vaters gewonnen hatte, wirkte in sofern nachteilig auf seine häuslichen Verhältnisse zurück, als es ihn zu Liebeshändeln aufgelegt machte, welche sein Ansehn kompromittirten. Seine Gemahlin war nicht sehr geneigt, davon Notiz zu nehmen; allein, indem einzelne