so wollte ich auch die einzige sein, welche das Terrain räumte, ein noch grösserer Triumph wäre zu viel Ehre für diese erbärmlichen Seelen. Der Besiegte hätte in den Augen der Welt immer Unrecht, und darum müsse die Prinzessin nicht als besiegt erscheinen. Ich gäbe zu, dass ihr der Aufentalt an diesem hof unerträglich sein würde, so bald ich mich entfernt hätte; allein es käme auch nur darauf an, einen besseren Vorwand zu finden, und dieser würde nicht zu teuer erkauft, wenn die peinliche Lage der Prinzessin noch einige Monate fortdauerte. Am Ende hätte sie es doch immer in ihrer Gewalt, mit gebietender Herrlichkeit hervorzutreten, so bald sie es für gut befände; denn all dies Volk, das sie in dem gegenwärtigen Augenblick um meinetwillen verunglimpfe, würde sie anbeten, so bald sie es verlangte. "Ob Egoismus, oder Liebe für meine Freundin," fuhr ich fort, "meine Schritte leitet, darüber kann wohl kein Zweifel statt finden. Alles, was ich vernünftiger Weise bezwecken kann, ist: Rettung derjenigen, die ich gegen alle meine Absichten unglücklich gemacht habe. Ich will bleiben, so bald Sie mir beweisen können, dass mein Bleiben sicherer zum Ziele führt. Allein davon werde' ich mich nie überzeugen; denn der Kampf, in welchen wir geraten sind, ist von einer so seltsamen Beschaffenheit, dass wir, selbst mit dem höchsten Mute, die Flucht ergreifen müssen, wenn wir uns nicht für immer besudeln wollen. Sagen Sie selbst, meine Freundin, wodurch wollen wir die Gerüchte niederschlagen, die man gegen uns in gang gebracht hat? Der blosse Versuch würde uns brandmarken. In uns beiden ist so Vieles entalten, was sich durchaus nicht vor Gericht stellen lässt; und wer würden unsere Richter sein, wenn wir es auch in unserer Gewalt hätten, unsere Gegner zu fassen? Das Leben gilt mir alles in Beziehung auf Sie; aber eben deshalb möchte ich nicht vor der Zeit untergehen. Hier können wir uns nur durch das Gefühl unserer Ohnmacht vernichten. Hab' ich mich aber einmal aus dem Strudel gerettet, der uns in seinen Abgrund zu ziehen droht, so bekomm' ich meine ganze Freiheit wieder; und meine Energie wird um so grösser sein, je ehrwürdiger mir das Ziel ist, das ich verfolge. Erlauben Sie mir, zu Ihren Eltern zurück zu reisen, um diesen die nötigen Aufschlüsse über Ihre Lage zu geben."
Die Prinzessin empfand, dass ich Recht hatte. Es war nun nur noch davon die Rede, wie meine Entfernung einzuleiten sei. "Ich habe," sagte ich, "nur von Ihnen abgehangen, und kann daher meinen Abschied nur aus Ihren Händen erhalten." Die Prinzessin setzte sich sogleich nieder, um dem Herzog und ihrem Gemahl zu melden, dass sie für gut befunden habe, mich zu entlassen, nachdem ich selbst darauf angetragen. Unter stummen Umarmungen schieden wir von einander, nicht ohne Tränen, diesen ewigen Symbolen der Ohnmacht. Mein Reisekoffer war bald gepackt, und nach zwei Stunden befand ich mich auf dem Wege nach W..., freier atmend, mit tausend Entwürfen für die Zukunft beschäftigt, das Bild der geliebten Prinzessin immer vor Augen habend.
Ich kam wohlbehalten an. Mit meinem Berichte fand ich Eingang, so weit die elterlichen Gefühle reichten; da diese aber bei fürstlichen Personen durch politische Verhältnisse in sehr engen Schranken gehalten werden, so war das letzte Resultat meiner grossmütigen Unternehmung, dass man das Schicksal einer geliebten Tochter beklagte, und es ihrem verstand überliess, die Gewalt desselben zu brechen. Vergeblich sagte ich, dass dies nur dadurch geschehen könne, dass die Prinzessin zur Gemeinheit herabsänke. Die einzige Antwort, die ich hierauf erhielt, war: dass man sich nach seiner Umgebung bequemen müsse. Unstreitig bedachten diejenigen, die mir diese Antwort gaben, nicht, wie abscheulich sie war; ich aber musste fortan den Mut verlieren, mich noch einmal zu verwenden. Zwar blieb ich in der Nähe des Hofes, und so oft ich an demselben erschien, wurde ich auf eine Art empfangen, welche sehr deutlich anzeigte, dass man mich um der Ideale willen ehrte, die aus mir sprachen; allein, da alle Berührungspunkte, in welchen ich ehemals gestanden hatte, wegfielen, so beschlich mich die Langeweile, und um dieser zu entrinnen, gab es keinen besseren Ausweg, als die Einsamkeit. Mit der Prinzessin blieb ich in Verbindung. Posttäglich empfing ich Briefe von ihr, worin sie mich mit den begebenheiten des ...schen Hofes bekannt machte; posttäglich antwortete ich ihr, und jeder meiner Briefe entielt irgend eine Aufforderung, ihren Charakter zu behaupten. Denn ich konnte mich durchaus nicht von der idee losreissen, dass ein menschliches geschöpf alles preisgiebt, wenn es dem Heiligsten entsagt, das in ihm ist. Über diesen Punkt war ich mit mir selbst vollkommen im Reinen; und wenn nur diese denkart eine männliche genannt werden kann, so ist es die meinige nicht bloss gewesen, sondern auch immer geblieben.
Geschahe es, um meine Einsamkeit aufzuheitern, oder liebenden Gefühlen einen unmittelbaren Gegenstand zu verschaffen, dass ich mich um diese Zeit eines von seinen Eltern verlassenen liebenswürdigen Kindes annahm? Vielleicht war noch etwas Höheres dabei im Spiele. Der Mensch hört nicht auf, die Unschuld zu lieben, welche im Fortgange seiner Entwikkelung so notwendig als unwiderbringlich verloren geht. Nun hatte ich zwar die meinige bisher bewahrt; allein je teurer sie mir zu stehen kam, desto