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Unstreitig verstand er mich nicht, ob er sich gleich das Ansehn gab, als hätte er dies längst vermutet. "Indem nun," fuhr ich fort, "die Kräfte so einander entgegen wirken, begreifen Sie sehr leicht, dass unser Plan, in so weit er auf Vereinigung des Erbprinzen mit seiner Gemahlin abzweckt, nur auf einem einzigen Wege durchgetrieben werden kann. Alles ist verloren, wofern die Individualität beider gleich sehr respektirt wird. Von dem, was die Pflicht gebietet, kann hier gar nicht die Rede sein; denn hat sie nicht immer geboten und ist sie nicht immer unter die Füsse getreten worden? Sie müssen von der Voraussetzung ausgehen, dass die Neigungen Ihres Herrn die Erbprinzessin in die Form hineingedrängt haben, worin sie jetzt erscheint, und alles aufbieten, was in Ihren Kräften steht, den Erbprinzen so zu stimmen, dass er keine unzeitigen Ansprüche an die Gemahlin macht, die das Weib in ihr verwerfen muss. Meine Sache wird es sein, die Erbprinzessin aus dem geistigen Schwerpunkt, in welchem sie versunken ist, wieder heraus zu heben und den Engel in ihr von neuem zu verkörpern. Gemeinschaftlich müssen wir dahin arbeiten, den Erbprinzen in eine achtung zu setzen, die er bis jetzt noch nicht gefunden hat. Da ich mich nie über ihn erklärt habe, so kann ich, ohne mich mit mir selbst in Widerspruch zu bringen, alles Gute von ihm sagen. Sorgen Sie ihrer Seits dafür, dass es mir dazu nicht an Veranlassung fehle. Wir Weiber achten an den Männern nichts so sehr, als die staatsbürgerlichen Tugenden, und ich stehe Ihnen dafür, dass ich die Prinzessin in den Prinzen verliebt mache, so bald dieser aufhört, seine Bestimmung nur von Seiten der Genüsse zu schätzen, welche damit verbunden sind. Über kurz oder lang tritt er an die Stelle seines Vaters; bewegen Sie ihn doch, sich dazu in jeder Hinsicht vorzubereiten. Ganz neue Gefühle müssen in der Erbprinzessin erwachen, wenn sie, welche nie abfiel, sondern nur verdrängt wurde, wieder an den Gemahl angezogen werden soll."

Entwürfe dieser Art können nur dann gelingen, wenn sie zwischen einer Palatine und einem Kardinal von Retz verabredet werden. Ich sage wohl nicht zu viel, wenn ich behaupte, dass der veredelte Geist der Palatine auf mir ruhete, als ich diese Vorschläge tat; aber der Kammerherr war weit davon entfernt, ein Kardinal von Retz zu sein. Es war seine Legalität, was ihn unfähig machte, mit mir vereinigt zu wirken. Gegen den Zweck hatte er nichts einzuwenden; eben so wenig konnte er die Mittel missbilligen; die Moralität unseres Entwurfs war über allen Zweifel erhaben. Aber woher den Mut nehmen, seinem Herrn eine Richtung zu geben! Dies war die Klippe, an welcher alles scheitern musste; und ich gestehe, dass, wenn ich diese Klippe geahnet hätte, ich meinen ganzen Entwurf für mich behalten haben würde. Der grosse, wenn gleich sehr verzeihliche, Fehler, den ich beging, bestand darin, dass ich Verstand und Genie verwechselte. Ich glaubte an dem Kammerherrn einen tüchtigen Gehülfen gefunden zu haben, weil er ein Mann von Verstand war; aber ich bedurfte eines Mannes von Genie, und davon war, genau genommen, keine Spur in dem Kammerherrn. Mochte er noch so sehr versichern, dass er mich vollkommen verstanden habe; er konnte meine idee nur verderben.

Da meine Operationen von denen des Kammerherrn abhingen; so war ich auf nichts so aufmerksam, als auf das Betragen des Prinzen gegen seine Gemahlin. Gewisse Modifikationen in demselben zeigten mir an, dass eine Unterredung statt gefunden haben müsse; aber diese Modifikationen hatten noch keinen so bestimmten Charakter, dass ich mit Sicherheit auf den Gehalt der Unterredung zurückschliessen konnte. Mir schlug das Herz vor Ungeduld; in mehreren Billets zeigte ich dem Kammerherrn an, dass keine Zeit zu verlieren sei. Dieser mochte seiner Seits den besten Willen von der Welt haben; da er aber seiner Einsicht unterlag, so konnte er sein Geschäft nur verderben. Unfähig, einen solchen Charakter, wie der der Prinzessin nun einmal war, zur Anschauung zu erheben, und sich unstreitig einbildend, dass das, was wir erreichen wollten, sich auf mehr als einem Wege erreichen lasse, gab er seinem Herrn lauter solche Anschläge, dass dieser sich in der achtung der Prinzessin noch weiter zurücksetzen musste. Soll ich das Betragen des Prinzen mit Einem Worte charakterisiren, so muss ich sagen, dass es ein galantes war. Was in aller Welt konnte aber die Prinzessin mehr empören, als dieses Gemisch von Ehrerbietung und Verachtung, zusammengehalten durch Heuchelei und Niederträchtigkeit? Sie hätte zu den allergemeinsten Naturen gehören müssen, wenn ihr der Prinz auf diesem Wege achtungswert geworden wäre. Auch fühlte sie sich tief verwundet; und ob sie gleich kein Wort fallen liess, wodurch sie ihren inneren Zustand offenbaret hätte, so zeigte doch eine gewisse unbeschreibliche Traurigkeit, wie heftig der Schmerz war, der ihr Innerstes durchwühlte. Es lag am Tage, dass der Kammerherr sich nicht hatte von der idee losreissen können, die er von der Gebrechlichkeit des weiblichen Geschlechts hatte; und wollen wir ihm hier Vorwürfe darüber machen, dass er in dieser Hinsicht auf Einer Linie mit den meisten Männern stand, welche nie begreifen können, wie es ausser ihrer Realität noch eine andere geben könne?

Es versteht sich von selbst, dass ich neutralisirt war, so bald die Sache diese Wendung genommen hatte; denn ich hatte mich nur zur Nachhülfe anheischig gemacht