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Einsamkeit zurückzukehren. Ich befürchtete bei dieser gelegenheit, dass die Erbprinzessin alle die Ungeduld beweisen würde, welche dann einzutreten pflegt, wenn wir uns von geliebten Formen losreissen müssen; allein meine Befürchtung war sehr überflüssig, und ich bemerkte jetzt zum erstenmale, wie meine Freundin, seit ihrer förmlichen Wiedervereinigung mit mir, eine Ruhe gewonnen hatte, die sich durch nichts stören oder unterbrechen liess. Ein Seufzer aus der äussersten Tiefe der Brust, so bald wir das Stadttor im rücken hatten, war alles, was zum Vorschein trat, um ihre Liebe für Freiheit, Offenheit und Unschuld zu beurkunden; und als wir an Ort und Stelle angekommen waren, drängte sich das geständnis hervor: dass sie nur an meiner Seite glücklich leben könne.

Derselbe Besuch wurde alle vierzehn Tage wiederholt, und zur Abwechselung erhielten wir auch wohl auf einige Stunden die Ehre, von dem Herzog oder dem Erbprinzen selbst besucht zu werden. So wie aber die Zeit vorrückte, fingen wir an, den Winter zu fürchten, den wir uns als diejenige Jahreszeit dachten, in welcher die künftige Freiheit durch die drückendste Sklaverei erkauft werden müsste. Wohlmeinender, liebender und schuldloser konnten schwerlich zwei andere Wesen sein; allein dies alles rettete uns nicht vor der Langenweile, der Kränkung und dem Argwohn. Mit unseren Eigenschaften mussten wir das Schicksal mancher anderer Weiber teilen, die nur deswegen verkannt werden, weil man ihre Eigentümlichkeit nicht zu begreifen vermag. Den Klang des Silbers kann man nur durch Silber erforschen; und eben so bedarf es einer sympatetischen Seele, um den wahren Gehalt eines edlen Gemüts kennen zu lernen. Warlich nicht alle Weiber sind lächerlich, die in die Regionen der Kunst und des Schönen streben. Wie können sie es vermeiden, wenn ihre bescheidensten Ansprüche auf die Wirklichkeit unerfüllt bleiben? Zuletzt will jede von uns, die nicht von der Wiege an verdorben ist, nur ihren rechtmässigen teil an häuslicher Zufriedenheit; aber wenn auch dieser versagt wird, bleibt dann etwas anderes übrig, als das wirkliche Glück durch ein eingebildetes zu ersetzen? Manche, die von einem bösen Dämon getrieben zu werden scheint, so lange sie disseits der Schwelle ihres Hauses verweilt; manche Andere, welche nur in der schönen Kunst lebt und alle ihre Nerven zerreisset, um als Schriftstellerin zu glänzen, würden, wenn sie an den rechten Mann gekommen wären, das baare Gegenteil von dem geworden sein, was sie jetzt sind. In der Begränzteit der meisten Männer liegt für Weiber, die nur einigermassen einer entwicklung fähig sind, eine zur Verzweiflung treibende Kraft. Das Weib will bewahren, was es instinktmässig für sein Herrlichstes erkennt, die Weiblichkeit; aber durch die Einseitigkeit des Mannes aus sich selbst heraus getrieben, schwärmt es umher, die verlorne Stütze zu suchen, und findet es sie nicht in der Kunst, so muss es Ruhe in der Zerstörung seines Wesens finden. So endigen die meisten.

Unaufhaltbar näherte sich der Winter. Wir mussten unser Paradies verlassen und in die Hauptstadt zurückkehren. Die Verhältnisse am hof waren noch dieselben; aber das Gemüt der Erbprinzessin hatte durch den Aufentalt auf dem Lustschlosse eine Verwandlung erfahren, welche nicht ohne Folgen bleiben konnte. So lange ihr Gemahl die einzige Stütze war, die es für sie gab, musste sie sich ihm, wenn gleich gegen ihren Willen und gegen alle ihre Neigungen, unaufhörlich nähern; und da konnte es denn nicht fehlen, dass sie zurückgestossen und einmal über das andere beleidigt wurde. Jetzt, wo sie in mir, oder vielmehr in ihrer Liebe für die schöne Kunst, eine Stütze gefunden hatte, jetzt war ihr der Gemahl so gleichgültig, als ob er gar nicht vorhanden gewesen wäre. Der Erbprinz mochte sich hierüber nicht wenig wundern; aber selbst dann, wenn er über diese Verwandlung gar nicht nachdachte, musste es ihm sehr empfindlich sein, dass er in seiner Gemahlin keinen Gegenstand des Hasses mehr hatte, während er eines solchen für seine anderweitigen Verhältnisse bedurfte. Immer ruhig, immer gelassen und heiter, ohne irgend eine Spur von beleidigtem Stolze zu zeigen, und ohne irgend einen Anspruch zu bilden, wodurch sie den Neigungen ihres Gemahls in den Weg getreten wäre, stellte sich die Erbprinzessin beständig in den edelsten Formen dar, eben so sehr ein Gegenstand der Verzweiflung für denjenigen, der ihr etwas anhaben wollte, als der liebenden Huldigung für Alle, welche unbefangenen Gemütes auf sie hinblickten. Dies musste zu neuen Entwickelungen führen; ich sah es vorher und zitterte vor dem Ausgange, aber ich begriff den ersten Anfang nicht eher, als bis er gemacht war.

Von den Eigenschaften seiner Schwiegertochter bezaubert, und, weil eben diese Schwiegertochter mit allem Glanze der Gesundheit und Schönheit bisher unfruchtbar geblieben war, nicht ohne sorge für seine Descendenz, wollte der Herzog von den Ursachen belehrt sein, welche den Erbprinzen und dessen Gemahlin von einander entfernt hielten. Da fehlte es nun nicht an Personen, welche, sich der Erbprinzessin annehmend, alle Schuld auf das verhältnis schoben, worin ihr Gemahl noch immer mit seiner ersten Geliebten stand. Der Herzog war vor der Vermählung seines Sohnes von diesem Verhältnisse unterrichtet gewesen, hatte sich aber gar nicht träumen lassen, dass es noch immer fortdauerte. In Harnisch gesetzt durch die Entdeckung, wozu man ihm verholfen hatte, hielt er es für seine Pflicht, diesem Unwesen auf dem Wege der Gewalt sogleich ein Ende zu machen. Ohne also auf die Individualität seines Sohnes die mindeste Rücksicht zu nehmen, und ohne irgend eine von den Folgen, welche dieser Schritt nach sich ziehen