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mir gelang, den Kammerherrn des Erbprinzen in mein Interesse zu verflechten. Ich trat zu diesem Ende mit ihm in Unterhandlungen, und so bald er eingesehen hatte, dass für ihn selbst nichts dabei zu wagen sei, bestimmte er den Erbprinzen, seine Genehmigung zu geben. Es gewann für den grossen Haufen der Hofleute das Ansehen, als sei eine Versöhnung zwischen dem Erbprinzen und seiner Gemahlin erfolgt, weil ich darauf bestand, dass der Erbprinz, um den Schein zu retten, uns begleiten sollte, und er sich wirklich dazu hergab. Doch, von dem Nachmittag des zweiten Tages an, waren wir uns ganz selbst überlassen, und so wenig um die Folgen unserer Isolirung bekümmert, dass wir nur daran dachten, wie wir recht angenehm leben wollten. Ein ziemlich hoher Berg lag zwischen der Hauptstadt und dem Lustschlosse, und mehr bedurfte es nicht, uns glauben zu machen, dass wir von der ganzen Welt geschieden in dem Paradiese selbst lebten.

Die Lage des Lustschlosses war die reizendste, die man sich denken kann. Auf einer Anhöhe gelegen, war es rechts durch unabsehbare Wiesen und links durch einen dunklen Tannenwald begränzt. Vorn dehnte sich ein geräumiger Garten aus, den man anzubauen nicht vernachlässigt hatte, und in welchem eine zahlreiche Orangerie neben den Treibhäusern hin ihre Wohlgerüche verbreitete. Hinten war ein dicht verwachsener Park mit zahmen Wildprett angefüllt, und an den Park lehnte sich eine Meierei mit hohen Lindenbäumen bepflanzt. Der Aufentalt war über alle unsere Ertwartungen romantisch und bequem. Ihn durch nichts zu verderben, hatten wir von der Dienerschaft nur diejenigen mitgenommen, die uns unentbehrlich waren. Ein halb geöffneter Wagen mit zwei Pferden war unsere einzige Equipage; aber auch von ihm wollten wir nur selten Gebrauch machen. Unsere Genüsse sollten zugleich einfach und ausgesucht sein; und dazu war vor allen Dingen nötig, dass der Tisch nie befrachtet, die Bibliotek hingegen mit allen den Dichtern angefüllt war, die uns jemals entzückt hatten; denn da die Wirklichkeit uns einmal verhasst war, so wollten wir ihr auf allen möglichen Fittigen entfliehen. Unser Leben sollte, wenigstens für den nächsten Sommer, ein wahres Idyllenleben sein, und um diese idee immer gegenwärtig zu haben, nannte mich die Prinzessin in eben dem Augenblick Chloe, wo sie mir gebot, sie selbst Daphne zu nennen.

Es fehlte uns beiden nicht an Erfindungskraft. Die ersten Morgenstunden wurden im Garten oder im Park verlebt, wo wir mit irgend einer leichten Arbeit in der Hand, mehr empfindend als denkend, uns nach allen Richtungen hin bewegten. Ward die Sonnenhitze uns allzustark, so begaben wir uns in einen Pavillon, wo wir abwechselnd vorlasen. Der Anfang wurde mit Gesners Idyllen gemacht; allein wir legten sie bald zurück, weil es uns vorkam, als ob der grösste Reiz, den sie gewähren könnten, nicht in den Gemälden, sondern in der Einfassung entalten sei. Ich hatte seit ungefähr einem halben Jahre einen teil meiner Musse auf das Studium der spanischen Sprache und schönen Literatur gewendet, und die Prinzessin mit dieser Liebhaberei angesteckt. Indem wir frühere Fortschritte gegenwärtig zu unserem Vergnügen benutzen wollten, verfielen wir auf die Diana des Montemayor, und machten sehr bald die Entdeckung, dass dies Meisterstück der sogenannten Schäferpoesie ohne Gleichen dasteht, und allen modernen Idyllendichtern zum Muster dienen muss, wofern der wahre Dichter eines Musters bedarf. Das dritte Buch der Diana, welches die geschichte der unglücklichen Belisa entält, bezauberte uns vor allen; wir wurden nicht müde es zu lesen und wieder zu lesen, bis wir ganz davon durchdrungen waren. Bezauberte uns Montemayors Einfachheit, so entzückte uns Boscan's und Garcilaso's kunstreiches Genie nicht minder. Es kam uns vor, als ob der Strom der Gedanken und Empfindungen in diesen Dichtern etwas ganz Eigentümliches habe, wodurch er von Anfang bis zu Ende aufs innigste zusammenhange und immer nur Ein Erguss sei. Noch andere spanische und italiänische Dichter wechselten mit diesen ab. War die Lektüre geendigt; so kehrten wir in das Lustschloss zurück, wo wir, im rechten Flügel, der lachendsten und unabsehbarsten Aussicht gegenüber, zu Mittag assen, und uns auf diese Weise selbst das Materielle vergeistigten. Nur die einfachsten Gerichte durften auf unserer Tafel erscheinen, und junges Geflügel war die einzige Fleischspeise, die wir uns erlaubten. Die schwülen Mittagsstunden wurden verschlafen, oder verträumt, wofern dieser Ausdruck auf Personen anzuwenden ist, welche gewissermassen nie aus ihrem Traum erwachten. Gegen Abend fuhren wir aus. Die ganze umliegende Gegend wurde von uns besucht, und wo wir gelegenheit fanden, unsere liebenden Gefühle zu ergiessen, da blieb sie nicht unbenutzt. Ein leichtes Abendessen empfing uns bei unserer Zurückkunft, und unmittelbar darauf erfolgte jener süsse Schlummer, den Gesundheit und Unschuld geben.

In diesem Kreislauf von Beschäftigungen und Vergnügen verstrich ein Tag nach dem andern, bis ein Schreiben von dem Kammerherrn des Erbprinzen mir zu verstehen gab, dass ich die achtung für den Schein, auf welcher ich vor meiner Abreise in Beziehung auf die Prinzessin so nachdrücklich bestanden, seit meiner Ankunft auf dem Lustschlosse in Beziehung auf den Prinzen ganz aus den Augen gesetzt hätte. Der Vorwurf war gerecht; und wie schwer es uns auch fallen mochte, aus unserer Idyllenwelt, wär' es auch nur auf wenige Stunden, herauszutreten, so musste doch irgend etwas geschehen, den begangenen Fehler wieder gut zu machen. Ungefähr vierzehn Tage nach unserer Ankunft auf dem Lustschlosse fuhren wir also in die Hauptstadt zurück, um an dem hof zu mittag zu essen, und unmittelbar darauf in unsere