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Der Vertrag, den wir stillschweigend geschlossen hatten, dauerte fort, und keine von uns beiden beabsichtigte einen Bruch desselben. Die Prinzessin bat mich indessen neben ihr Platz zu nehmen, und redete mich hierauf folgendermassen an: "Ich kenne jetzt keine angenehmere Zerstreuung, als die der italiänischen Dichter, weil diese mich am schnellsten in die Regionen führen, wo ich die Wirklichkeit vergesse. Aber ich bin nicht länger im stand, dies hohe Vergnügen allein zu geniessen. Sie, meine geliebte Mirabella, sollen es mit mir teilen. Wenn ich Sie ersuche, meine Vorleserin zu sein, so leitet mich dabei der besondere Eigennutz, die Musik der italiänischen Poesie durch Ihre stimme erhöht zu fühlen. Wählen Sie, welches Gedicht Sie wollen, und lesen Sie mir vor, was Ihnen beliebt." Mit der besonderen Zärtlichkeit, die ich noch immer für Tasso's befreites Jerusalem hatte, wählte ich dies göttliche Gedicht; und da der Charakter der Erminia mich immer vor allen übrigen weiblichen Charakteren, die in demselben entfaltet sind, angezogen hatte, so las ich den sechsten Gesang vor. Ich war bis an die Stelle gekommen, wo Erminia auf ihrer Flucht beim Anblick des Lagers der Christen in folgende Klagen ausbricht:

O belle agli occhi miei tende Latine,

Aura spira da voi che mi recrea,

E mi conforta, pur che m'avvicine.

Cosi a mia vita combattuta e rea

Qualche onesto riposo il Ciel destine,

Come in voi solo il cerco: e solo parme,

Che trovar pace io possa in mezzo all' arme.

Raccogliete me dunque, e in voi si trove

Quella pietà, che mi promise Amore etc.

Als die Prinzessin, von ihren Gefühlen überwältigt, in die Worte ausbrach: "O wäre doch auch für mich eine Flucht möglich!" und unmittelbar darauf dem gepressten Herzen durch einen Strom von Tränen Luft machte. Mir fiel bei diesem Anblick das befreiete Jerusalem aus den Händen, und, meiner früheren Vorsätze uneingedenk, warf ich mich zu den Füssen der Prinzessin nieder, sie beschwörend, dass sie mir nichts verhehlen möchte. "Ich bin ganz die Ihrige," rief ich aus, "so bald Sie verlangen, dass ich es sein soll."

Die Prinzessin sah mich mit der Miene der Rührung an, und nachdem sie sich gefasst hatte, sprach sie folgendes:

"Ich habe Sie nur allzugut erraten, Mirabella; um nicht zu verschlimmern, was sich nicht verbessern liess, nahmen Sie diese Stellung an, worin Sie die Dinge sich selbst überliessen. Aber ich hätte Sie nie kennen lernen müssen, wenn ich auch nur einen Augenblick an Ihrer Bereitwilligkeit, alles was in Ihren Kräften steht, für mich zu leiden und zu tun, hätte zweifeln sollen. In dem gegenwärtigen Augenblicke folgen Sie mehr Ihrem Gemüte, als Ihrem verstand; aber dies liegt so sehr in der natur der Sache, dass Sie mir dadurch nur um so teurer werden. Wie die Lage der Sachen ist, wissen Sie, ohne dass wir jemals darüber gesprochen haben. Auch jetzt wollen wir nicht ausführlich darüber werden. Genug, dass ich die Verlassenheit, worin ich mich befinde, nicht länger ertragen kann. An irgend ein menschliches Wesen muss ich mich anschliessen können, wenn das Leben einen Wert für mich behalten soll. Mein Gemahl kann es nicht sein, und wer bleibt mir übrig, als Sie? Ich stehe für nichts, wenn Sie sich mir noch länger entziehen. Berechnen Sie hiernach, was Sie tun müssen. Die Politik, von welcher Sie sich bisher leiten liessen, hat Ihrem guten Herzen zuletzt am meisten Wehe getan. Warum wollen Sie ihr noch länger folgen? Verderben lässt sich nicht, was schon im höchsten Grade verdorben ist. Ich verzeihe Alles, und verzeihe mit der höchsten Freudigkeit des Gemüts; aber meine Bedingung ist, dass Sie sich fester, als jemals, an mich anschliessen. Ihnen gegenüber werde' ich die Kraft haben, Alles zu ertragen, was mir noch bevorsteht; oder vielmehr, ich werde von nun an gar nichts mehr zu ertragen haben, und meines Daseins von neuem froh werden. Hätt' ich von mir allein abgehangen, wer weiss, ob ich jemals in ein verhältnis getreten wäre, wodurch eine Scheidewand zwischen uns errichtet werden musste? Da dies einmal geschehen ist, so wollen wir lieber gar nicht daran zurückdenken. Gewiss, wir sind uns selbst genug; nur müssen wir fest zusammenhalten, und auf die Wirklichkeit um uns her so wenig als immer möglich zurückblicken. Was hab' ich von meiner Freundin, von meiner Mirabella, zu erwarten?"

Meine Antwort auf diese Frage war, wie sie nach einer solchen Scene sein konnte; ich wiederholte mein: "Ich bin die Ihrige mit Allem, was in mir ist;" denn ob sich gleich die Folgen dieser Vereinigung nicht berechnen liessen, so wollte ich doch lieber aus Heroismus edel, als aus Feigheit klug handeln.

Es war von diesem Augenblick an gleich viel, wo wir existirten; aber um der Prinzessin einige Erleichterung zu verschaffen, entwarf ich den Plan zu einem Sommeraufentalt auf einem drei Meilen von der Hauptstadt gelegenen Lustschlosse, welches seit vielen Jahren unbewohnt geblieben war. Voraussehen liess sich, dass dieser Plan grosse Schwierigkeiten finden würde; vorzüglich von Seiten der Herzogin, welche seit einiger Zeit ihre Schwiegertochter liebgewonnen hatte, weil sie wenigstens eben so unglücklich war, als die Herzogin selbst. Allein alle diese Schwierigkeiten liessen sich überwinden, sobald es