dieser Kammerherr im Punkt der Religion ein wenig locker sei. Indem ich also in dem gegenstand des Parteihasses keinen Widersacher der Prinzessin erblickte, konnte ich unmöglich geneigt werden, mich mit den Übrigen zur Entfernung eines Mannes zu vereinigen, der zuletzt der Unschuldigste von Allen war.
Ich konnte dies um so weniger, weil mir immer deutlicher einleuchtete, dass das Missverhältniss zwischen dem Erbprinzen und seiner Gemahlin eben so sehr durch die Individualität der letzteren als durch die des ersteren gehalten wurde. Es ist gewiss sehr zu bedauern, wenn die Tugend selbst die Quelle unseres Missgeschicks und unserer Leiden wird; allein dies ist unter gewissen Umständen eben so notwendig, als dass das Gegenteil der Tugend zum Missvergnügen mit sich selbst und zur Opposition gegen die ganze Welt führen muss. Es war ganz offenbar die Liebenswürdigkeit der Erbprinzessin, was sie ihrem Gemahl so verhasst machte. Wäre der Prinz in den Besitz seiner Gemahlin gekommen, ohne vorher in einem ernstaften verhältnis mit einer anderen person gestanden zu haben; so würde er, bezaubert von der Liebenswürdigkeit seiner Gemahlin, vielleicht sein ganzes Leben hindurch an keine Untreue gedacht haben. Da dies nicht nur nicht der Fall war; da die ehemalige Geliebte noch immer ihren Platz in seinem Gemüte behauptete, und, von den Eigenschaften der Gemahlin unterrichtet, es sich vielleicht doppelt angelegen sein liess, die Zuneigung des Prinzen zu fesseln; so konnte es schwerlich fehlen, dass dieser, von seinen Neigungen auf der einen, und von seinen Pflichten auf der anderen Seite gedrängt, in eine leidenschaft geriet, wie sie dem Menschen nur einmal eigen ist, so oft er sich zwischen zwei Feuern befindet. Erleichterung für sich selbst konnte der Prinz unter diesen Umständen nur dadurch erhalten, dass seine Gemahlin Eigenschaften offenbarte, welche die Untreue wo nicht rechtfertigen, doch wenigstens entschuldigen; da diese aber immer in derselben moralischen Schönheit dastand, und, ohne weder zur Rechten noch zur Linken aus der einmal vorgezeichneten Bahn zu weichen, nur immer darauf dachte, wie sie die Weiblichkeit retten wollte, so blieb ihm zuletzt nichts anderes übrig, als entweder sich selbst, oder diejenige zu hassen, die ihn, wenn gleich gegen ihren Willen, in einem solchen Widerspruch mit sich selbst erhielt. In der Tat, mehr, als alles andere, war dies die Quelle der heftigen Ausbrüche, welche sich der Erbprinz gegen seine Gemahlin erlaubte; und welche Wahrscheinlichkeit, dass sich dies jetzt noch abändern lassen werde! Um anhaltend zu hassen, darf man nur beleidigen; und wen es befremdet, dass fürstliche Personen bei weitem tiefer in ihrem Hasse sind, als andere Erdensöhne und Töchter, der darf nur bedenken, dass jenen die Beleidigung unendlich mehr kostet, als diesen, weil sie sich auf die Kunst des Ausweichens bei weitem besser verstehen, und, nur im höchsten Drange der Not und nie ohne ihrem Wesen zu entsagen, zu dem, was man Unhöflichkeit nennt, gebracht werden können. Fasset man dies gehörig, so hat man den Schlüssel zu sehr viel Erscheinungen, welche in der Regel äusserst schlecht interpretirt werden. Um nur nicht unhöflich sein, oder beleidigen zu müssen, (und beides ist zuletzt einerlei) hat man sich, wer weiss wie oft, durch eine Vergiftung aus der Affaire gezogen. Dies ist besonders an grossen Höfen der Fall gewesen, wo man noch weit mehr ursache hatte, die Folgen eines Skandals in Erwägung zu ziehen, als an kleineren, wo die Bürgerei zuletzt, wenn gleich in einer etwas veredelten Gestalt, ihr Wesen forttreibt. Wäre von den Scenen, welche täglich zwischen dem Prinzen und seiner Gemahlin statt fanden, nur eine einzige an dem französischen oder spanischen hof vorgefallen, so wäre eine Trennung – gleich viel unter welcher Form – unvermeidlich gewesen. Ich will damit nicht sagen, dass ihre Feindschaft in der Periode, von welcher hier die Rede ist, den höchsten Gipfel erstiegen hatte; allein es gibt Verhältnisse, bei welchen es gleich viel ist, welchen Grad der Verschlimmerung sie erreicht haben, so bald man sagen muss, dass sie aufgehört haben gut zu sein. Die Erbprinzessin fühlte sich warlich nicht minder unglücklich, weil ihr Gemahl noch einige Rücksichten nahm, die unter Personen fürstlichen Standes nie wegfallen dürfen, wenn sie nicht zu dem Pöbel herabsinken wollen.
Ich machte sehr bald die Bemerkung, dass ein weit höheres Maass von Kraft erfordert wird, die Dinge in einem gegebenen Zustande zu erhalten, als sie zu leiten. Das Erstere ist in der Regel ganz unmöglich; die menschliche natur ist es, was diese Unmöglichkeit hervorbringt. Das letztere lässt sich bewerkstelligen; nur erfordert es eine Überlegenheit des Geistes, wodurch man den Ausschlag über seine ganze Umgebung gibt. Nichts war dadurch gewonnen worden, dass ich mich neutralisirt hatte; allein wie meine Taktik so verändern, dass ich das Verlorne wieder gewann? Diese Aufgabe war schlechterdings nicht zu lösen, da ich es mit Personen zu tun hatte, durch welche sich kein einziger von den Planen ausführen liess, die ich entwerfen konnte. Unaussprechlich leiden sah ich die Prinzessin, und eben so unaussprechlich blutete mein Herz bei diesem Anblick; aber wie ich sie retten, oder wenigstens erleichtern sollte, darüber konnte' ich durchaus nicht mit mir selbst ins Reine kommen. Der Zufall tat zuletzt mehr, als ich erwartet hatte.
Es war an einem von den schönen Tagen, durch welche der Frühling zum Sommer übergeht, als die Prinzessin mich gegen Abend zu sich rufen liess. Ich eilte in ihre Nähe; wir waren allein.