1806_Unger_101_28.txt

wünschen, dass Klopstocks Schöpfung sich in Jedermanns Händen befände. Aber ich bin versichert, fügte ich hinzu, dass dies Gedicht, anstatt wie andere Werke in dem Zeitstrom unterzugehen, einer ganzen Ewigkeit von entwicklung trotzen und in eben dem Maasse an Wert gewinnen wird, in welchem es als reine Poesie dasteht." Dieser Gedanke fiel dem Herrn Capellan auf; und weil er ihn wirklich nicht verstand (was mir sehr wahrscheinlich geworden ist, seitdem ich andere seines Gelichters kennen gelernt habe), oder weil er gute Ursache hatte, ihn nicht verstehen zu wollen, legte er mir die naive Frage vor: Wie ich das meinte? "Ich meine," erwiderte ich, "dass wenn der religiöse Geist, welcher die Messiade dictirt hat, längst verflogen sein wird, dies Heldengedicht nicht nur noch bezaubern, sondern auch um so mehr bezaubern wird, je weniger sich der Glaube, oder vielmehr der Unglaube, bei der Lektüre ins Spiel mischet." Der Capellan, der mich noch immer nicht verstand, liess irgend etwas Albernes fallen, wodurch er zu verstehen gab, dass er von mir voraussetze, nur Religiosität treibe mich zur Lektüre der Messiade; und als ich hierauf nicht antwortete, nahm er sogleich gelegenheit, über die Irreligiosität des Zeitalters (welche ihm bei weitem vollendeter erschien, als sie wirklich war) ein Langes und Breites zu sprechen, und sich so eine brücke zu bauen, um zur Herzogin zu kommen, die er als das Muster aller Fürstinnen vorstellte. Eine nähere Bekanntschaft mit ihr, meinte er, würde mir zeigen, wie sehr es zu wünschen wäre, dass ihr Geist den ganzen Hof durchströmen möchte; und hierauf erfolgten neben den Lobeserhebungen, welche der Herzogin gemacht wurden, mehrere Winke, welche mich orientiren sollten. Ich liess den hochwürdigen Herrn ausreden, und als er das Bedürfniss fühlte, wieder zu Atem zu kommen, setzte ich das Gespräch durch einige Bemerkungen fort, worin ich zu verstehen gab, dass, allen meinen Beobachtungen zufolge, der Hof wirklich von dem geist der Herzogin durchdrungen sei. "Ach wie viel fehlt daran," antwortete der Hofcapellan; "da ist z.B. der Kammerherr unseres geliebten Erbprinzen, ein Mann, dem ausser seinem Vorteile nichts heilig ist, und gegen den sich der ganze Hof verschwören sollte, da er es so geflissentlich darauf anlegt, die liebenswürdigste Prinzessin verhasst zu machen, um ...." "Still! still, Herr Hofcapellan! fiel ich ihm in die Rede; dies sind Dinge, über welche wir nicht berechtigt sind zu sprechen. Die Wendung, welche Sie der Unterhaltung zu geben geruhen, ist mir so neu als interessant, aber ich darf darauf nicht eingehen, wenn ich nicht einmal für allemal aus der Bahn weichen will, die ich mir vorgezeichnet habe." Der Hofcapellan sah mich mit so dummen Augen an, als wenn von Verschmitzteit und Ränkesucht nie eine Spur in ihm gewesen wäre. Offenbar erstaunte er darüber, an ein Wesen geraten zu sein, dem er nicht gewachsen war; und ob er sich gleich alle Mühe gab, in sein voriges Gleichgewicht zurückzutreten, und seinen Besuch recht absichtlich verlängerte, um mir irgend einen Vorteil abzugewinnen, der alles, was zwischen uns vorgefallen war, wieder ins Gleiche bringen möchte, so schieden wir zuletzt doch so auseinander, dass von einer Gemeinschaft zwischen uns beiden, was auch immer ihr Gegenstand sein möchte, nicht wieder die Rede sein konnte.

Was den Kammerherrn des Erbprinzen betraf, so hatte ich längst bei mir ausgemacht, dass er bei weitem unschuldiger sei, als er in der Darstellung des Hofcapellans erschien. Sein Hauptverbrechen war, der Liebling des Erbprinzen zu sein, dessen Gunst er durch nichts so sehr erobert hatte, als durch seine Polsterartigkeit, wenn man mir diesen Ausdruck gestatten will. Es ist wahr, es fehlte ihm nicht an Verstand; allein sein Verstand war nicht der schöpferische, der Anderen gebietet, indem er ihnen Richtungen gibt, die sie aus sich selbst zu nehmen allzuschwach sind, sondern der legale, der nur immer den fremden Willen bearbeitet, und folglich gar nicht für und durch sich existirt. Des Kammerherrn höchster Grundsatz war: der Erbprinz ist der Herr. Diesem Grundsatz gemäss wagte er es nie, dem Erbprinzen zu widersprechen. Hätte dieser seine Gemahlin lieben können, so würde er nichts dagegen einzuwenden gehabt haben; da aber der Erbprinz dies nicht konnte, so hatte der Kammerherr auch wiederum nichts dagegen, dass er seine Verbindung mit einer früheren Geliebten fortsetzte, und tat, was in seinen Kräften stand, die Wünsche des Prinzen in dieser Hinsicht zu befriedigen. Er meinte es gewiss mit der ganzen Welt gut; aber da es einmal unmöglich ist, der ganzen Welt zu genügen, so hielt er es nur mit dem, dem er seine Dienste einmal gewidmet hatte. Seine Furchtbarkeit war gewiss nicht weit her; indessen erschien er allen denjenigen furchtbar, welche in Erwägung zogen, dass es, nach dem tod des Herzogs, nur von ihm abhängen werde, Premier-Minister zu sein. Einem solchen Schlag zuvorzukommen, wollte man ihn so zeitig als möglich verdrängen. Wenn man mich in die Cabale zu verflechten wünschte, so geschah dies um der guten Meinung willen, die man von meinem verstand gefasst hatte. Nichts beabsichtigte man weniger, als eine Vereinigung des Prinzen mit der Prinzessin, und der Hofcapellan hatte sich nur in das Complott ziehen lassen, weil er erfahren hatte, dass eben