langweilig das Hofleben unter gewissen Bedingungen werden kann.
Die Erbprinzessin verstand mich vollkommen; auch in den zartesten Empfindungen und Ideen begegnete sie mir mit einem Takt, der, wenn ein Dritter als Zuschauer zwischen uns in der Mitte gestanden hätte, diesen notwendig hätte bezaubern müssen. Wir, die wir drei Jahre hindurch in der vollkommensten Freundschaft gelebt hatten, welche auf Erden möglich ist, verabredeten jetzt stillschweigend unter uns, dass, obgleich unsere Unschuld dieselbe sei, es dennoch Geheimnisse gäbe, welche wir Ursache hätten, uns gegenseitig zu verbergen. Hieraus entwickelte sich ein eigentümliches verhältnis, das freilich nie Consistenz gewinnen konnte, aber, so lange es dauerte, unseren inneren Zustand so modifiziren musste, dass unsere gegenseitige anhänglichkeit an einander verstärkt wurde. Sonst hatte sich die Erbprinzessin in ihrer Liebe zu mir eben so frei gefühlt, als ich mich in der meinigen zu ihr. Jetzt hingegen, wo die in ihrem Gemahl eingeschlossene zurückstossende Kraft sie in Ansehung des Spielraums liebender Gefühle so wesentlich beschränkte, und wo ich meiner Seits durch die Erbärmlichkeit des Hofes ganz auf mich selbst zurückgeworfen wurde, jetzt konnten wir den Stützpunkt, dessen wir bedurften, nur eine in der anderen finden. Wir würden glücklich gewesen sein, hätten wir dem zug folgen dürfen, der uns zu vereinigen versprach; aber gerade darin lag das Verzweifelnde unserer Lage, dass wir diesem zug nicht folgen durften; wenigstens nicht mit der Rücksichtslosigkeit, welche die Freundschaft gebietet. Wir beide ahneten, dass ein Zeitpunkt eintreten würde, wo wir dem Verderben nur durch festes Aneinanderschliessen entrinnen könnten; aber wir wollten diesen Zeitpunkt nicht beschleunigen, welches unvermeidlich war, sobald wir zum voraus gemeinschaftliche Sache machten. Mochte das Problem, das wir uns aufgegeben hatten, immerhin nicht zu lösen sein; genug wir wollten, was die Klugheit gebot, so lange ehren, als es wahrer Freundschaft unbeschadet geschehen könnte.
Den übrigen Mitgliedern des Hofes war ich ein unerklärbares Rätsel. Was sie durchaus nicht begreifen konnten, war, wie man an einem hof fremd und doch so abgeneigt sein könnte, sich an irgend eine Partei anzuschliessen. Diese meine Eigentümlichkeit war ihnen um so unbegreiflicher, da ich, dem Anscheine nach, ganz isolirt dastand, und selbst von der Prinzessin, deren Gesellschaftsdame ich sein sollte, vernachlässigt war. Gern hätte mich die eine oder die andere Partei für sich gewonnen; aber gerade das, was mich zum Gegenstand so mannichfaltiger Bewerbungen machte, musste mich behutsam und vorsichtig machen. Dies war nämlich das bischen Verstand, wodurch ich mich auszeichnete. Wie bescheiden ich selbst auch darüber denken mochte, so konnte ich mir doch nicht verhehlen, dass ein Amalgam mit diesen Personen für mich unmöglich sei. Es war vor allen Dingen ihre unbeschreibliche Flachheit, die mich von ihnen zurückschreckte. In der Tat, man erweiset den Hofleuten in der Regel allzuviel Ehre, wenn man von ihrer Intrigue mit irgend einer Art von achtung spricht, sollte diese achtung sich auch nur durch Missbilligung und Abscheu ausdrücken. In keiner Sache tief, sind sie es eben so wenig in der Intrigue. An dem Kitzel fehlt es ihnen nicht, wohl aber an dem geist, der sich ein Ziel setzet und seine Mittel demselben anpasst. Es würde wenigstens eine Art von Poesie in das Hofleben gebracht werden, wenn dieser Geist vorherrschte; allein dies ist so wenig der Fall, dass es immer und ewig nur die leidige Prose bleiben kann. Es ist wahr, jeder hat sein besonderes Interesse, dem er nachgeht; doch, indem man sich mehr von irgend einem Instinkt als vom verstand leiten lässt, vertrödelt man das Leben, ohne jemals ans Ziel zu gelangen; und daher die grosse Zahl der Unzufriedenen, die, wenn sie endlich aus allen ihren Erwartungen herausgefallen sind, wenigstens ihre Rechtlichkeit retten wollen, und, indem sie von unerkannten Diensten sprechen, die sie geleistet haben, sich nur immer selbst verdammen. Kurz: die eigentliche Gemeinheit, in sofern sie mit Flachheit eins und dasselbe ist, wird nirgend sicherer und allgemeiner angetroffen, als an den Höfen, vorzüglich aber an den kleinen deutschen Höfen. Und dies gerade war, was mir in meiner neuen Lage eine Behutsamkeit gebot, welche man unbegreiflich nannte.
Mich zu erforschen schickte man das Factotum des
Hofes, den Herrn Hofcapellan, an mich ab. Dieser Mann, der, seinem Berufe nach, der rechtlichste und edelste des ganzen Hofes sein sollte, war, wie es zu geschehen pflegt, nur der feinste und eigennützigste; und so gross war die Verkehrteit aller Mitglieder des Hofes, dass man ihn gerade um derjenigen Eigenschaften willen achtete, die ihn vor jedem intelligenteren Richterstuhle verdammen mussten. Seine Erscheinung kam mir nicht ganz unerwartet, wiewohl ich in dem Augenblick, wo er sich melden liess, auf seinen Empfang nichts weniger als vorbereitet war. Der Zufall wollte, dass Klopstocks Messiade aufgeschlagen vor mir lag, als er in mein Zimmer trat. Der hochwürdige Herr konnte, nachdem die ersten Begrüssungen vorüber waren, nicht umhin, einen neugierigen blick auf meine Lektüre zu werfen; und als er Klopstocks Messiade erblickte, die er wenigstens von Hörensagen kannte, war seine erste Frage: Ob mir diese Lektüre Vergnügen mache? "Unendliches," war meine Antwort; "ich erblicke in der Messiade eine Welt, wie sie sich noch keinem schaffenden Geist aufgeschlossen hat. Alles ist gross und erhaben, und weil man das Grosse und Erhabene nicht betrachten kann, ohne dem Kleinen und Niedrigen zu entsagen, so wäre wohl zu