, welche man vorher von mir gehabt hatte, war sich gleich geblieben; und so fand ich bei meinem Zurücktritt in die gesellschaftlichen Zirkel, welche ich ehemals besucht hatte, denselben Empfang wieder, womit man mir in allen Dingen zuvor zu kommen gewohnt war. Die etwanigen Bewegungen des Neides, wenn ja dergleichen in dem Busen der einen oder der andern meiner Gespielen vorhanden gewesen waren, hatte Moritzens Tod zum Stillstand gebracht; man näherte sich mir mit desto mehr Freundschaft, je bestimmter man voraussetzte, dass dieser Tod mich sehr unglücklich gemacht hätte. Ich sprach, ganz der Überzeugung gemäss, welche das Anschaun mit sich führt, mit Entusiasmus von dem Vollendeten; aber ich überliess es Anderen, mein Schicksal zu beklagen, weil ich mich hiermit nicht befassen konnte, ohne zur Lügnerin zu werden, was ich aus allen Kräften verabscheuete. dafür hatte ich denn freilich den Verdruss, Condolenzen über Condolenzen annehmen zu müssen, von welchen die eine noch abgeschmackter war, als die andere. Überhaupt bemerkte ich bei diesem meinen Zurücktritt in die Gesellschaft, dass ich seit Jahr und Tag eine so spröde Individualität gewonnen hatte, dass ich für den Umgang unendlich weniger taugte, als vorher. Ich untersuchte nicht, ob die Personen, mit welchen ich gerade zu schaffen hatte, über oder unter meinem Horizont waren; allein ich fühlte, dass zwischen mir und ihnen irgend eine Antipatie obwaltete, die, sie mochte nun gegründet sein, worin sie wollte, die grösste Aufmerksamkeit auf mich selbst nötig machte, da ich als ein unverheiratetes Frauenzimmer nicht berechtigt war, den Ausschlag zu geben. Selbst mit dem grössten Wohlwollen und den hellsten Ideen kann man dahin kommen, die Gesellschaft zu fliehen; ja, in solchen Eigenschaften liegt zuletzt der stärkste Bewegungsgrund zur Isolirung, oder wenigstens zur Beschränkung auf einige Wenige, da einmal kein Einzelner verlangen kann, dass alle Übrigen sich in seine Form schmiegen sollen, und es von der anderen Seite doch etwas sehr Wesentliches ist, seine Individualität zu retten. Sind wir einmal breit getreten, so mag es immerhin etwas Gutes sein, aller Menschen Freund sein zu können; allein so lange wir es noch nicht sind, müssen wir alles, was unseren Charakter ausmacht, als das köstlichste Kleinod bewahren, weil eine kräftig ausgesprochene Individualität zuletzt mehr wert ist, als die ganze Gesellschaft. Ich sollte dies nicht sagen, weil ich ein Weib bin; aber meine Rechtfertigung liegt in dem Stillschweigen, welches die Männer in Beziehung auf diese Wahrheit behaupten.
Adelaide, welche mir unter diesen Umständen besonders teuer wurde, nicht weil der Unterschied, den die natur selbst zwischen uns gelegt hatte, durch die Länge der Zeit aufgehoben war, sondern weil die Gewohnheit des Beisammenseins den Ausschlag über diesen Unterschied gab – Adelaide sah sich seit dem tod ihres Bruders, der sie zu einer sehr reichen Erbin gemacht hatte, von Bewerbern umgeben, welche den Augenblick, wo sie sich für den einen oder den anderen von ihnen erklären würde, nicht zeitig genug erleben konnten. Das Unglück des armen Mädchens bestand recht eigentlich darin, dass unter diesen Bewerbern kein einziger war, der ihr achtung abgewinnen konnte. Ich habe immer bemerkt, dass diejenigen Frauenzimmer, welche im Besitze bestimmter Talente sind, in die grösste Verlegenheit geraten, so bald es darauf ankommt, über ihre person zu disponiren; und in dieser Verlegenheit befand sich auch Adelaide. Was ihre Freier am meisten in Betrachtung zogen, ihr Vermögen, war gerade das, worauf sie den geringsten Wert legte. Dagegen brachte sie ihre Fertigkeit in der Musik und Poesie, oder vielmehr im Clavierspielen und Versemachen, in einen desto höheren Anschlag; und wo nun unter den jungen Männern ihres Standes denjenigen finden, den sie der Erwerbung solcher Talente in ihrer person würdig gehalten hätte? Es gab Einen, der sich nur hätte zeigen dürfen, um mit offenen Armen von ihr empfangen zu werden; aber dieser Eine war fern, im Kriegesstrudel umgetrieben, vollkommen unbekannt mit der Schönen, welche ihn über alle Männer ehrte; es war der berühmte Kleist, dessen einzelne Gedichte damals anfingen bekannter zu werden, und der, wenig Monate darauf, in der Schlacht bei Cunersdorf verwundet, sein Leben nur rettete, um es im Lazaret auszuhauchen. Alle Übrigen mochten sie noch so sehr loben; da ihr die idee blieb, dass sie von der Sache selbst nichts verständen, so konnte sie nicht umhin, sie sammt und sonders als ein Pack feiler Schmeichler zu verachten. Mir leuchtete schon damals ein, dass Adelaide für eine Ehe so gut als verdorben sei. Hätte sie kein bedeutendes Vermögen gehabt, so hätte es nur gewisser Umstände bedurft, um ihr die Weiblichkeit wiederzugeben, welche die Talente ihr genommen hatten; durch die herrschaft, welche sie als reiche Eigentümerin über die Umstände ausübte, musste sie ewig verhindert werden, in die volle Weiblichkeit zurück zu treten. Sie war klug genug, um nur dem mann, dessen Anspruchslosigkeit ihr vollendete Freiheit versprach, ihre Hand zu geben; allein, weil bei ihr alles ins Unendliche ging, so bedurfte sie für ihre Eigentümlichkeit eines Beschränkers, und da sie diesen in ihrem Gatten nicht fand, so war es wohl kein Wunder, wenn sie in der Folge von der Sonderbarkeit zur Seltsamkeit und von dieser zur Albernheit überging.
Herr von M..., den sie wählte, war ein begüterter Landedelmann, von gesundem Geist und guten Sitten. Er war unstreitig die beste Partie, die Adelaide machen konnte; das Schlimme war nur,