seinem Gemüte umspannend, kann er zu Individuen nicht mit Liebe herabsteigen, ohne sein Wesen zu zerstören. Sie gelten ihm etwas, aber nur im Vorbeigehn, nur im Fluge, nur in so weit sie sich deutliche Begriffe von seinem Geschäfte machen und keine Ansprüche an den Menschen bilden, die der Monarch nicht erfüllen kann, ohne seiner Pflicht zu entsagen. Wer dies nicht fassen kann, weil es ihm an Kraft fehlt, aus sich selbst heraus zu gehen und sich gewissermassen mit dem Könige zu identifiziren, der ist verloren, wenigstens in sofern sein verhältnis zu dem Könige nie ein angenehmes für ihn werden kann. Wie neu mir auch der Dienst noch ist, so erkenne ich doch schon aufs deutlichste, dass ich, um jedem Widerspruch zu entgehen, in welchen ich mit mir selbst geraten könnte, von vorn herein allem Egoismus entsagen und nur in der Liebe leben muss; und um mir die Auflösung dieses schweren Problems zu erleichtern, wiederhole ich mir unaufhörlich, dass Friedrich nichts anderes ist, als die allgemeine Intelligenz des Staates, an dessen Spitze er steht, und dass ich für alle Dienste, die ich ihm leisten kann, hinlänglich belohnt bin, wenn ich ihn als allgemeine Intelligenz begriffen habe. In der Tat, das ist das grosse Ziel, das ich mir vorgesetzt habe. Erreiche ich es jemals, so hat die Stunde meines Abschiedes in eben dem Augenblick geschlagen, wo ich es erreicht habe. Eben so unbefangen, ehrlich und uneigennützig, als ich in Friedrichs Dienste getreten bin, verlasse ich dieselben, indem ich dem Monarchen melde, dass ich die Reife erhalten habe, die ich beim Eintritt in seine Dienste suchte. Die Urteile um mich her berühren mich nicht, weil ich die Quelle derselben aufgefunden habe; wenn das Gemüt die Stelle des Verstandes vertritt, so ist Schiefheit und Verwirrung unvermeidlich. Man muss, einem Friedrich gegenüber, nicht als Mensch, sondern nur als Staasdiener gelten wollen; man muss sich mit ihm identifiziren, ohne jemals zu verlangen, dass er sich mit uns identifizire."
Moritz, welcher, unmittelbar nach der Übergabe von Schweidnitz, in die Nähe des Königs gekommen war, begleitete sein Idol als Adjutant auf dem zug nach Mähren. Viele unvorhergesehene Hindernisse hemmten den Lauf der Kriegsoperationen. Als alle endlich überwunden waren und Olmütz belagert werden konnte, fehlte es an den Belagerungsmitteln, weil es den Österreichern gelungen war, einen grossen teil derselben zu zerstören. Die Lage des preussischen Heeres in Mähren war um so kritischer, da Laudon eine solche Stellung genommen hatte, dass der Rückzug nach Schlesien wo nicht unmöglich, doch wenigstens sehr gefährlich geworden war. Nur Friedrichs überlegenes Genie konnte hier Rettung bringen. Ein Marsch, auf den der österreichische General nicht gerechnet hatte, weil er über lauter Gebirge führte, brachte das preussische Heer in verschiedenen Abteilungen durch Böhmen und die Grafschaft Glatz dennoch nach Schlesien zurück. Gewiss waren die Mühseligkeiten dieses Marsches für jeden unbeschreiblich; aber, wie andere sie mehr oder weniger empfinden mochten, für Moritz waren sie, wenigstens seinen Briefen nach, gar nicht vorhanden. Überhaupt war es auffallend, dass er nie von den Beschwerden seiner Existenz, sondern nur immer von den neuen Ideen sprach, womit sie ihn bereicherte.
Bekanntlich waren die Russen, während Friedrich in Mähren verweilte, aus Preussen, welches sie als Eigentum verschonten, verheerend nach Pommern und der Mark vorgedrungen. Küstrin, dessen Festung sie allein verhindern konnte, in das Herz des preussischen Staates einzudringen, wurde von ihnen belagert und in einen Aschenhaufen verwandelt. Der Sturm, womit der russische General die Festung bedrohete, sollte anheben, als sich die Nachricht von der Ankunft des Königs verbreitete. Mit vierzehntausend Mann war Friedrich aus Schlesien aufgebrochen, den Barbaren, die nur zerstören konnten, das Handwerk zu legen. In einem verhältnissmässig kurzen Zeitraum hatte er unter grossen Beschwerden sechzig deutsche Meilen zurückgelegt; und so wie er sich dem Kriegesschauplatz genähert hatte, war sein Gemüt von den Brandstätten und Trümmern ergriffen worden, welche den verheerenden Zug der Russen bezeichneten. Die Stimmung, worin er sich befand, ging, wie ein elektrischer Strahl, auf seine Krieger über. In allen entwickelte sich der Gedanke: dass Verschonung eines solchen Feindes ahndungswürdiger Frevel sei, den man an der Menschheit selbst begehe. Racheschnaubend näherten sich die Preussen den Russen, und in dem Heere der letzteren erfuhr man nur allzubald, dass die ersteren keinen Pardon geben würden. Eine mörderische Schlacht lag im Hintergrunde.
Sie wurde bei Zorndorf geliefert. Was Andere vor mir beschrieben haben, mag ich nicht wiederholen. Genug, diese Schlacht war die Verklärung der preussischen Tapferkeit. Der König selbst stürzte sich in jegliche Gefahr. Um ihn her fielen seine Adjutanten, seine Pagen. Gleich einer ehernen Mauer stand der linke Flügel der Russen da, als der rechte bereits geschlagen war. Was diesem geschehen war, musste auch jenem zu teil werden, wenn Friedrich seine Staaten mit Erfolg retten wollte. Seidlitz eröffnete das Gemetzel, indem er die russische Reiterei warf. Es wurde vollendet; aber indem Moritz als Adjutant hiehin und dortin flog, fiel er, von einer Flintenkugel, welche der Zufall leitete, ereilt, eine halbe Stunde vor dem Ausgang einer der merkwürdigsten Schlachten des siebenjährigen Krieges, mit vielen anderen edlen, welche im Kampfe fürs Vaterland hier ihr Grab fanden. Erst am folgenden Tage fand man ihn unter den toten. Die Kugel war durchs Herz gefahren. Den Tod hatte er also nicht empfunden.
Seine Briefe