. Alles, was zu seiner Umgebung gehörte, wurde als Bestandteil seines Wesens betrachtet; und so erhielten die Namen seiner vorzüglichsten Generale eine Illustration, welche sie schwerlich auf irgend einem anderen Wege erworben haben würden.
Kein Jahr war reicher an Glückswechseln, als das Jahr 1757. Im Anfang desselben Sieger, so dass Maria Teresia sich in Wien selbst nicht sicher glaubte, wurde Friedrich bald darauf aus Böhmen vertrieben. Von seinen Bundesgenossen verlassen, von allen Seiten mit Feinden umringt, dem Verderben blosgestellt, ermannte er sich zu neuen Triumphen. Die Schlachten bei Rosbach und Leuten setzten ganz Europa in Erstaunen; vorzüglich die letztere, in welcher eine selbstgeschaffene Taktik dem dreimal stärkeren Feinde den Sieg entriss. Die Wiedereroberung Schlesiens folgte diesem Siege. Gern hätte Friedrich auf seinen Lorbeern ausgeruht; denn der Krieg war gegen alle seine Wünsche erfolgt, und die Fortsetzung desselben störte ihn in edleren Entwürfen. Allein wie tief auch seine Feinde das Übergewicht seines Genies empfunden haben mochten, so fühlten sie sich noch nicht erschöpft, und ihre Kampflust gebot seinen Neigungen.
Ich befand mich bald nach der Schlacht bei Leuten eines Nachmittags in dem haus der Frau von Z... Es war die Rede von dem neuen herrlichen Siege, den die preussische Tapferkeit erfochten hatte, und mit tiefgefühlter Teilnahme sprach man von Friedrichs misslicher Lage bei seiner Ankunft in Schlesien, und von der Art und Weise, wie er, wenige Tage vor der Schlacht, seinen Generalen in einem Kriegsrat den Zustand seines Gemütes offenbaret. Plötzlich sprang Moritz, der während dieser Unterhaltung stumm und in sich selbst vertieft da gesessen hatte, von seinem Lehnstuhl auf, und, in die Mitte des Zimmers tretend, sprach er, starren Blickes und festen Tones, uns allen unerwartet, folgenden Monolog:
"Könnt' ich etwas an diesem Friedrich tadeln, so würde es die Vorliebe sein, die er für französischen Geist und französische Sitte zeigt. Wie wenig kennt er sich selbst, wenn er Formen ehrt, die keine andere Grundlage haben, als die Flachheit selbst! Doch er gebehrde sich, wie er wolle, nie wird er das Gemüt eines Deutschen ganz verleugnen können. Durch dies kräftige, reiche Gemüt gebietet er selbst den Franzosen, deren Schöngeisterei vor seinem Genie verstummt, und deren Hinterhaltigkeit vor seiner Ehrlichkeit erbebt. Ja, er ist das Grösste, was das Schicksal diesen zeiten verleihen konnte; der einzige Mann seines Jahrhunderts, bestimmt, ein neues Geschlecht zu gründen, und in der Weltgeschichte mit unverwelklichem Lorbeer zu prangen. Wer seine Rechtlichkeit anklagt, vergisset, dass das Genie die unversiegliche Quelle neuen Rechtes ist, und jeglichen Beruf aus sich selber nimmt. Alle kräftigen Naturen, so viel ihrer in Deutschland übrig geblieben sind, sollten Kreis um ihn schliessen und seine Sache zu der ihrigen machen. Was ist das Leben ohne Liebe, und wie kann man das Leben höher ausbringen, als wenn man grosse Entwürfe befördern hilft! Ich weiss, dass diese Zieten und Seidlitz und Keit nur Maschinen sind; allein war jemals der Mensch etwas anderes, als Werkzeug in den Händen des Schicksals, und was ist das Schicksal selbst, wenn es seinen letzten Grund nicht in der idee eines vielumfassenden Kopfes hat? Friedrichs Planen dienen, ist die höchste Bestimmung, die man sich geben kann. Je grösser er der Nachwelt erscheint, desto mehr Verdienst hat man sich um die Mitwelt erworben; denn nur dadurch kann er wahrhaft gross werden, dass man kein Bedenken trägt, sich ihm aufzuopfern. Magnetisch fühl' ich mich an ihn angezogen, und verdorben ist meine ganze Existenz, wenn ich nicht dahin gelange, mich in seinem geist zu spiegeln. Mich seiner würdiger zu machen, hab' ich es nicht an Anstrengungen fehlen lassen. Jetzt hat die Stunde der Vollbringung geschlagen. Keinen Augenblick will ich verlieren."
Es war uns sonderbar zu Mute bei diesem Monolog; denn so rücksichtslos wurde er gesprochen, dass unsere erste Ahnung keine andere sein konnte, als die, dass Moritz von Sinnen gekommen sei. Adelaide, welche neben mir sass, umschlang mich mit ihrer Linken und starrte auf ihren Bruder hin. Ob auch ich auf ihn hinstarrte, oder die Augen niederschlug, weiss ich nicht; aber das weiss ich, dass ich nun mit einemmale gefunden hatte, was ich bisher vergebens suchte. Es war also Friedrich der Grosse, der sich zwischen mich und meinen Moritz in die Mitte stellte und unsere Vereinigung verhinderte. Einen solchen Nebenbuhler hatte ich nicht erwartet. Sollte ich ihm zürnen? Ich konnte es nicht. Er stand ja nur als Idol da; und war er wohl das meinige minder, als Moritzens? Ich begriff den inneren Zustand des jungen Mannes auf der Stelle; und wie sehr ich ihn anbeten mochte, so fühlte ich doch, nach einem solchen Aufschluss, nicht das kleinste Verlangen, ihn an der Ausführung seines Entwurfes zu verhindern. Wie Liebe ohne Eigennutz bestehen könne, begreifen wenige; aber noch weit wenigere haben die Kraft, sich eine leidenschaftslose Liebe zu denken. Ich möchte in diesen Bekenntnissen um keinen Preis zu viel oder zu wenig von mir sagen; aber das wag' ich zu behaupten, dass, wenn der Eigennutz meiner Liebe für Moritz immer fremd geblieben war, die leidenschaft von stunde an daraus verschwand. Ich kannte das Schöne, ehe ich seine Bekanntschaft gemacht hatte; er versinnlichte es mir und wurde mir dadurch unendlich teuer. Jetzt, wo ich ihn in Regionen aufsteigen sah, die ich nie geahnet hatte,